"Zentrum einer Bewegung": Wie junge Unternehmer in Istanbul an ihrer Vision einer besseren Türkei arbeiten

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"Das Zentrum einer Bewegung": Wie junge Unternehmer in Istanbul die Türkei nach vorne ficken | Lennart Pfahler
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  • Die Nachrichtenlage über die Türkei ist derzeit mehr als negativ
  • Doch in Istanbul arbeiten junge Unternehmer an einem positiverem Bild der Türkei
  • Mit ihren Startups wollen sie in dem Land eine zukunftsfähige Wirtschaft aufbauen

Wirtschaftskrise, Tourismusflaute, Zukunftsangst: die Berichte über die türkische Wirtschaft kennen nur eine Farbe, schwarz.

Doch es gibt auch eine ganz andere, viel weniger beachtete Seite: Denn in Istanbul arbeitet eine Generation junger Gründer an Ideen für die Zukunft ihres Landes. Sie wollen wirtschaftlichen Erfolg, keine Frage.

Doch einige von ihnen suchen auch nach Antworten auf die Frage, wie ihre Gesellschaft in Zukunft aussehen kann.

Wer diese Menschen treffen will, muss sich am Taksim-Platz in eine U-Bahn Richtung Norden setzen. Dort, etwas abseits des Touristenviertels Beyoglu, erleben Besucher eine ganz andere Türkei, eine Türkei ohne Repression, Krisen und Erdogan.

“Das Epizentrum für Menschen, die etwas verändern wollen“

Hier am äußersten Zipfel des Stadtteils Besiktas prägen große Hallen das Stadtbild, daneben Gebäude aus Backstein, die ihre besten Tage hinter sich haben. Zunächst wirkt der Ort unscheinbar, wie ein Industriegebiet.

Doch wer mit den Menschen dort spricht merkt schnell: Es ist ein Ort des Optimismus mitten in einer strauchelnden Metropole. „Gerade weil das Land sich in einem solchen Krisenmodus befindet, wollen die Leute etwas Gutes tun“, sagt die junge Unternehmerin Asye Sabuncu.

türkei_wirtschaft Im Impact Hub kommen Firmen, Kunstschaffende und Investoren zusammen

Sie will einen Ort schaffen, an dem die Türkei der Zukunft entsteht. Dafür hat sie im Jahr 2015 den türkischen Ableger des weltweiten Projekts Impact Hub mitgegründet.

Die Idee: Im Impact Hub kommen Startups, etablierte Firmen, Kunstschaffende und Investoren zusammen. Jeder kann mit einer einfachen Mitgliedschaft die Gemeinschaftsbürofläche nutzen, als festes Mitglieder des Hubs eigene Büroräume anmieten. Dazu gibt es Trainingsprogramme, Präsentationen, Hackathons.

„Wir wollen das Epizentrum der Menschen sein, die etwas verändern wollen“

Besonders Sozialunternehmer will das Projekt ansprechen – aber auch alle anderen Startups mit guten Ideen.

Die junge Frau richtet ihre Brille, verkneift sich ein Gähnen. „Wenig geschlafen, viel zu tun“, schiebt sie entschuldigend ein.

Wenn man sich hier umschaut, glaubt man das sofort. Auf drei Stockwerken diskutieren Menschen, beugen sich über Papiere, tippen auf ihren Smartphones. Gedämpftes Murmeln dringt aus den kleinen Bürokapseln im zweiten Geschoss, in denen jeweils zwei bis drei Männer und Frauen über ihren Laptops sitzen.

Es sind Internet-Startups, Sozialunternehmer und Künstler: die kleine PR-Agentur Brand Critique etwa, die große Teile ihrer Gewinne in soziale Projekte reinvestiert; das Unternehmen von Rayka Kumru, das Sexualkundeprojekte an Schulen und in Jugendzentren organisiert; aber eben auch klassische Tech-Startupswie Vignette Interactive, die mit ihren Apps und Onlineangeboten das Leben der Menschen vereinfachen wollen.

Sie alle eint die Hoffnung auf eine bessere Türkei. Ein freies Land, mit einer freien und wachsenden Wirtschaft. Daran wollen sie mitarbeiten.

„Wir wollen das Epizentrum der Menschen sein, die etwas verändern wollen“, sagt Sabuncu.

Die Politische Krise wird zu Segen und Fluch

Doch Sabuncu und ihre Mitstreiter im Norden Istanbuls sind nur ein besonders gut vernetzter Teil einer Bewegung.

Denn auch viele andere jüngere Türken wollen sich mit Verhältnissen in ihrem Land nicht abfinden. Sie nehmen die Dinge selbst in die Hand - und dieses Engagement strahlt weit über die Grenzen der Türkei hinaus. „Unternehmertum boomt in der Türkei“, sagt Sabuncu: “Istanbul wird gerade zum Zentrum dieser ganzen Bewegung im Nahen Osten.“

Bereits im Jahr 2014 nannte das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ die Türkei „ein neues Silicon Valley“. Die Regierung investierte in Technologieparks, Universitäten fingen an, Firmengründungen mit speziellen Programmen zu unterstützen.

Der Technologiesektor wächst seitdem. Doch die politische Krise macht auch den Startups zu schaffen. In den vergangenen Monaten ging die Zahl der Neugründungen zurück, um über zehn Prozent zum Vorjahr, berichtet die türkische Zeitung “Yeni Safak”.

Der Impact Hub, er ist davon nur teilweise betroffen.

Zwar nimmt die Unsicherheit zu und damit sinkt die Investitionsbereitschaft ausländischer Investoren: Um 42 Prozent brachen die ausländischen Investitionen im vergangenen Jahr ein. Jeder fünfte junge Türke ist arbeitslos.

Doch gerade der permanente Krisenmodus sei für eine wachsende Zahl jüngerer Türken auch Ansporn. “Sie wollen Gutes tun, etwas Neues schaffen“, sagt die Impact-Hub-Gründerin.

Sie ist nur ein Beispiel von vielen. Da es ohnehin nicht einfach sei, auf traditionelle Art einen Job zu finden, gründen sie einfach ein eigenes Unternehmen - und schaffen damit eigenhändig neue Arbeitsplätze.

Türkische Regierung investiert verstärkt in Startups

Hinzu kommt: Weil Geld aus Europa fehlt, springt die türkische Regierung ein. Diese brächte gerade deutlich mehr Geld in die Startup-Umwelt, als noch vor einem Jahr, erzählt Sabuncu.

Laut Zahlen der regierungsfreundlichen „Daily Sabah“ seien die Investitionen in Startups im ersten Quartal 2017 im Vergleich zum Vorjahr sogar um 51 Prozent gestiegen. 19 Millionen Dollar sollen in junge Unternehmen geflossen sein.

Das ist immer noch wenig. In Deutschland ist es ein Vielfaches.

Aber: Einige Beobachter der Szene sagen, es sei in der Türkei zunehmend on vogue, in Startups zu investieren. Es sei vielleicht eine Art stiller Protest gegen die Verhältnisse. Wenigstens aber eine Investition in eine bessere Zukunft.

Mit Sinan Güner investiert etwa ein türkischer Promi in ein Istanbuler Sozialunternehmen. Das ist medienwirksam.

Der Basketball-Star hat mit seinem Startup Güler Legacy ein Büro im Impact Hub in Istanbul. Er organisiert Basketballcamps für Kinder und Jugendliche im ganzen Land. Besonders benachteiligten Kindern wolle er so Selbstvertrauen vermitteln, sagt Güler.

Die Türkei: Das neue israel?

An Selbstvertrauen mangelt es den Leitern des Impact Hubs nicht. Sabuncu will die Startup-Szene in der Türkei dahin bringen, wo sie in Israel ist. Das kleine Land gehört zu den führenden Startup-Nationen weltweit.

Davon ist Istanbul freilich noch weit entfernt. „Aber die Leute fangen an, globaler zu denken. Sie wissen, dass der türkische Markt noch klein ist“, erklärt Sabuncu.

Wie es gehen kann, hat etwa das Startup Onedio in der Türkei gezeigt. Das Online-Magazin, das viele mit der US-Seite “Buzzfeed” vergleichen, ist im vergangenen Jahr auch auf den russischen Markt expandiert, eine arabische Version folgt.

Oder die Videotelefonie-App Scorp, die es mittlerweile auch in Deutschland gibt und deren Wert mittlerweile auf 10 Millionen US-Dollar geschätzt wird.

Die jungen Menschen seien mittlerweile bereits viel besser ausgebildet, als noch vor wenigen Jahren – und sie schauten in Richtung des westlichen Marktes. „Die Entwicklung ist also ganz ähnlich zu Israel“, sagt die Mitgründerin des Impact Hubs.

Der Trend gibt ihr also Recht. Und doch ist er mit einem Problem verbunden: Es droht ein gewaltiger Abfluss von Wissen und qualifizierter Arbeitskraft aus der Türkei. Vor einigen Tagen habe sie eine Veranstaltung zur Gründung von Unternehmen in Großbritannien organisiert, erzählt Sabuncu.

Es sei das bestbesuchte Impact-Hub-Event in der Geschichte Istanbuls gewesen. „Ein zweischneidiges Schwert“ eben.

Auch deshalb appelliert Sabuncu an westliche Investoren: „Wir wollen Impact Investment groß machen. Auch in Deutschland investieren schon viele in Sozialunternehmen. Aber vor allem in Südamerika und Afrika. Aber schaut doch mal in die Türkei!“

Von den Subventionen der Regierung abhängig machen, will sich in diesen turbulenten Zeiten wohl niemand, auch wenn man zu politischen Themen eisern schweigt.

„Wir sind apolitisch“, behauptet Sabuncu und lenkt das Gespräch dann ganz schnell wieder auf ihr Lieblingsthema: Startups.

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