Musiker in Istanbul: "Wir fliehen, bevor wir es in Schlauchbooten tun müssen"

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ISTANBUL
Musiker in Istanbul: "Wir fliehen, bevor wir es in Schlauchbooten tun müssen" | Getty
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Nicht lange ist es her, da galt Istanbul als das nächste Berlin. Als neue Party-Metropole Europas.

Die großen Clubs im Touristen-Zentrum von Beyoglu buchten die großen Namen der internationalen Techno- und House-Szene, auf Festivals spielten weltbekannte Rockbands. Und in den Straßen der Altstadt, rund um den Galata-Turm, tanzten, sangen und tranken junge Türkinnen und Türken, Europäer, Amerikaner.

Auch Mersenne war mittendrin bei dieser riesigen Freiluftparty. Der 36-Jährige gebürtige Istanbuler erinnert sich gerne daran. Jetzt aber sagt er: „Diese Zeit ist vorbei.“ Die Stimmung in der Istanbuler Musik- und Künstlerszene habe sich in den letzten fünf Jahren um 180 Grad gedreht.

Mersenne, das ist sein Spitzname, arbeitet als Booker für einige der bekanntesten DJs der Türkei. Er leitet den beliebten Szeneclub Minimüzikhol in Beyoglu, hat eine Radioshow und einen international renommierten Musikblog.

Der Musik-Kenner spricht für viele seiner Kollegen und Freunde in der Bosoprus-Metropole, wenn er sagt: „Wir denken alle daran, das Land zu verlassen. Wir werden fliehen, bevor wir es in Schlauchbooten tun müssen.“

Das politische Chaos der Türkei: Es versetzt die Kulturszene Istanbuls in Aufruhr.

AKP vertreibt die Szene aus der Stadt


Doch es ist nicht nur die Angst vor einem Bürgerkrieg, die Künstler und Musikschaffende in Istanbul derzeit umtreibt. Auch wirtschaftlich geht es für sie bergab.

Die Misere hat verschiedene Gründe, erklärt Mersenne. Zum einen habe die Regierung ganz bewusst versucht, die Bars und Szenetreffs aus dem Viertel Beyoglu zu vertreiben, klagt er. Den konservativ-islamischen Vertretern der AKP waren der Alkoholausschank im Freien, die laute Musik und die ausgelassenen Menschen ein Dorn im Auge.

Es folgten strengere Auflagen, höhere Mieten. Die schleichende Vertreibung. Dann eröffnete die Regierung selbst Cafés und Shisha-Bars, versuchte das Viertel umzugestalten.

„Das ist immer das Ende einer In-Gegend“, lacht Mersenne: „Lass das lieber die Kinder machen.“ Ein bisschen Verbitterung schwingt in seiner Stimme mit.

Kadiköy auf der asiatischen Seite ist nun der neue Hotspot der Stadt. „Ein bisschen wie Williamsburg in New York“, erklärt Mersenne. Die Clubs und Bars siedelten sich zunehmend dort an, vor allem wegen der billigen Mieten. Und ihre Stammgäste zogen mit.

Doch die Talfahrt konnte das nicht aufhalten. Denn dann kam der Terror. Sechs tödliche Terroranschläge alleine seit Beginn vergangenen Jahres mussten die Menschen in Istanbul betrauern.

Auch den Clubbetreiber nimmt das mit. Doch er sagt: „Ich muss trotzdem mein Geschäft führen.“

Das läuft seit den Anschlägen immer schleppender. Internationale Stars sagen ab. „Wir lieben die Türkei, aber im Moment wollen wir hier lieber nicht spielen. Ich kenne die Entschuldigung schon“, erzählt der Booker.

Und auch die Partygäste bleiben aus.

"Wir haben uns informiert, wie wir ein Visum bekommen"


Die positive Randerscheinung der bitteren Abwärtsspirale: Die türkischen Bands bekommen nun mehr Raum. Denn für westliche Acts bleibt oft kein Geld.

Auch Mersennes guter Freund Baris K. hat den Durchbruch in Istanbul geschafft. Heute legt er überall auf der Welt auf. Seine Fusion aus modernem Techno und türkischem Psychedelic-Rock der 70er-Jahre findet weit über die Grenzen der Türkei hinaus eine Hörerschaft.



Genauso geht es Kaan Düzarat. Auch er ist ein Freund von Mersenne, auch er hat einen Sound erschaffen, wie er nur aus Istanbul kommen kann: Nostalgisch, fieberhaft, immer in Bewegung.



Er ist jetzt schon viel in Europa unterwegs, spielt in westlichen Clubs. Mersenne managt seine Auftritte.

Doch ob es dabei bleibt, weiß er nicht. Er denkt schon über den nächsten Schritt nach. Einen radikalen. „Bevor hier das totale Chaos ausbricht, werde ich nach Europa gehen“, sagt er kurz vor dem Referendum: „Wir haben uns alle schon informiert, wie wir ein Visum bekommen.“

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(jg)