Auf der Flucht vor Erdogans Häschern: Wie ein türkischer Vater in Deutschland um seine Familie kämpft

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Wie ein türkischer Vater in Deutschland um seine Familie kämpft (Symbolbild) | HUSEYIN ALDEMIR / Reuters
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Die Sachbearbeiterin im türkischen Konsulat einer deutschen Großstadt sagte, es gebe ein Problem. Ahmed Schahin* solle doch bitte kurz warten, sagte sie, und verließ den Raum. Schahin hörte, wie sie den Sicherheitsdienst rief, Hektik ausbrach.

Er raffte seine Papiere zusammen und rannte.

Raus aus dem Zimmer, raus aus dem Konsulat, raus aus dem Einflussbereich der Türkei.

Sonderkommando stürmt Schahins Haus

Schahin ist einer von den Abertausenden, die das türkische Regime nach dem blutigen Putschversuch im Juli verfolgt. Er sagt, er gelte als Terrorist, weil er ehrenamtlich im Vorstand eines Vereins arbeitete, der der Gülen-Bewegung nahesteht. Der Bewegung, die Präsident Recep Tayyip Erdogan bislang ohne Beweise für den Aufstand verantwortlich macht.

Schahin ist nach Deutschland geflohen, nachdem kurz nach dem Putschversuch ein etwa 30-köpfiges Sonderkommando der Polizei seine Wohnung in der Türkei gestürmt hatte. Er selbst war nicht zu Hause, wohl aber seine entsetze Frau und die verängstigten Kinder. Er hat der Huffington Post diese Szenen eindringlich geschildert.

Der lange Arm Erdogans

Und jetzt erlebt Schahin auch in Deutschland, wie weit der Arm Erdogans reicht.

Nach mehreren Monaten in der Bundesrepublik hatte Schahin einen Brief der deutschen Polizei im Briefkasten. Sein türkischer Pass sei annulliert worden. Er müsse auf der Dienststelle erscheinen und ihn abgeben.

"Die Polizisten waren sehr freundlich", lässt Schahin über den Dolmetscher ausrichten, "sie wollten mir gerne helfen, weil sie wussten, wie die türkische Regierung mit Oppositionellen umgeht". Die türkische Regierung hat vielen vermeintlich Illoyalen auf diese Weise zugesetzt, so verloren etwa auch türkische Nato-Soldaten während ihres Auslandseinsatzes plötzlich ihren Pass.

Aber deutsches Polizisten-Mitgefühl ersetzt eben keine türkischen Papiere. Und so ging Schahin ins türkische Konsulat, eine Vollmacht ausstellen lassen, damit sich in der Türkei ein Rechtsanwalt um seinen Fall kümmern könne.

Keine Papiere, aber die Gewissheit, nicht in die Türkei zurückzukönnen

Statt der Vollmacht hat Schahin nun einen weiteren Beweis dafür, wie sehr ihn das türkische Regime hasst.

Was Schahin in der Türkei gemacht hat oder eben nicht, ist nicht unabhängig überprüfbar. Sein Anwalt bestätigt der Huffington Post jedoch das, was Schahin über seine Erfahrungen in Deutschland erzählt.

Die Sehnsucht nach seinen Kindern setzt ihm zu

Der Hass des Regimes hat nicht nur Schahin völlig aus der Bahn geworfen. Sondern seine ganze Familie. Und das ist es, was ihm so nahe geht.

Da wird Schahin laut, wenn er spricht. "Die Regierung hat meine Familie in Sippenhaft genommen", sagt er. Und irgendwann verstummt er, weil es so weh tut, davon zu sprechen.

Seit seiner Flucht hat er seine beiden Kinder nicht mehr gesehen. Acht Monate.

Türkische Polizei sperrte sogar Schahins kleine Kinder tagelang ein

Im Januar wollte ihn seine Frau mit den Kindern in Deutschland besuchen, nur für ein paar Tage, bevor die Schule wieder anfing. Aber am Flughafen hat die türkische Polizei sie abgeführt, eingesperrt. Die Frau und die beiden Grundschulkinder.

Drei Tage lang saßen sie in einer Zelle im dritten Untergeschoss des Polizeireviers.

Erst am dritten Tag durften sie einen Anwalt sehen. "Ihr Vergehen: Sie sind mit mir verwandt", sagt Schahin.

Was man ihm konkret vorwirft, sagt er, wisse er bis heute nicht, er könne es sich auch nicht vorstellen. "Es gibt keine Anklage."

Das alte Leben - zerstört

Was den türkischen Staat aber nicht hindert, all jene zu drangsalieren, derer er an seiner statt habhaft wird. Mehrere weitere Verwandte Schahins, wie seine Schwester, waren deswegen schon im Gefängnis.

Sein Haus, sein Auto sind beschlagnahmt. Seine Familie ist so sozial isoliert, dass sie seit dem letzten Sommer mehrmals umgezogen ist. Frühere Freunde haben sich abgewandt. Wer mit jemandem spricht, der so gebrandmarkt ist wie die Schahins, muss selbst Repressionen fürchten. Dreimal haben die Kinder die Schule wechseln müssen. Alle Selbstverständlichkeiten wie Geldabheben sind für seine Frau zum Spießrutenlauf geworden.

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Eines der Kinder hat einen Preis für Nachwuchsforscher bekommen. Anders als alle anderen Kinder darf es nicht zur Preisverleihung. Das hat die Lehrerin der Mutter gesagt. Und die Mutter tut so, als sei es normal, die Auszeichnung nur per Post zu bekommen. Damit das Kind nicht noch trauriger wird.

Der Albtraum der Schahins währt nun schon neun Monate. Sie haben alles verloren: Familienleben, Freunde, Arbeit, Zuhause, Sicherheit, Heimat.

"Deutsche Behörden wollen nicht Position beziehen"

Und momentan weiß keiner, wie es weitergehen soll. Selbst der Anwalt ist sich nicht sicher, was er erreichen kann. Er will das nicht so hart sagen, er überlegt und formuliert lange, bis er sich zu dem dürren Satz durchringt: "Herr Schahin ist momentan nicht in der günstigsten Situation."

Das liegt nicht nur an den türkischen, sondern offenbar auch an den deutschen Behörden. Schahin hat zwar Passersatzpapiere bekommen, für drei Monate. Aber das Ausländeramt, so sagt es der Anwalt, will diese nur verlängern, wenn das türkische Konsulat schriftlich bestätigt, dass Schahin keinen normalen Pass mehr bekommt.

Aber das Konsulat verweigert das Schreiben.

Und ohne solche Papiere erlischt auch Schahins Blue Card, die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für Hochqualifizierte.

Die Ausländerbehörde rät Schahin dem Anwalt zufolge, einen Asylantrag zu stellen. Aber dann darf er eigentlich nicht mehr weiter arbeiten.

"Die Behörden wollen offensichtlich nicht eindeutig Position beziehen", sagt der Anwalt.

Und so geht der Albtraum der Familie Schahin weiter. Ein Ende der Nacht? Ist nicht in Sicht.

*Name von der Redaktion geändert

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(jg)

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