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15/04/2017 11:57 CEST | Aktualisiert 17/04/2017 10:48 CEST

Architekten lassen Wälder an Hausmauern wachsen - und lösen damit Probleme von Großstädten

lescedres.chavannes.ch
Der "Zedernturm" in der Schweiz ist nur eines der vielen Projekte, die derzeit entstehen.

Städte sollen grüner werden und damit lebenswerter und weniger gesundheitsschädlich, da sind sich die meisten Städteplaner und Bürgermeister einig. Doch in vielen Metropolen fehlt der Platz für Parks und Grünflächen.

Glücklicherweise gibt es Menschen, die sich nicht damit abfinden, dass es für ein Problem auf den ersten Blick keine Lösung gibt.

Einer dieser Menschen ist der Franzose Patrick Blanc. Der Botaniker und Gartenarchitekt aus Paris dachte sich: Wenn am Boden kein Platz für Pflanzen ist, lassen wir sie doch woanders wachsen.

Hängende Gärten an Fassaden großer Gebäude

Geboren war die vertikale Stadtbegrünung. Blanc schafft Gärten an den Fassaden großer Bauwerke. Die Pflanzen kommen dabei völlig ohne Erde aus.

"Pflanzen sind Biofilter", sagte er kürzlich der Tageszeitung “Welt”. "Sie wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff und fangen Moleküle ein, die die Luft verschmutzen."

Mehr als fünfzig dieser “Murs Végétaux” (“grüne Wände”) haben Blanc und sein Team in vielen Städten der Welt bereits geschaffen..

Sein in Deutschland bekanntestes Projekt schmückt die Fassade des Berliner Kaufhauses Galeries Lafayette. 2008 installierte der Botaniker dort einen 70 Quadratmeter großen vertikalen Garten.

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Für die einen sind Blancs Gärten nichts weiter als eine urbane Kunstform, andere feiern seine Erfindung als Revolution, dank der die Menschen in smogverseuchten Städten wie Paris, Tokio oder London bald endlich wieder frei atmen könnten.

Viele Architekten folgen Blancs Beispiel

In jedem Fall sind die grünen Wände des Franzosen ein wichtiger Impuls in der Frage, wie man die stetig wachsenden Städte unserer Zeit begrünen kann.

Mehr zum Thema: 18 gute Gründe, warum unsere Innenstädte autofrei werden müssen

Blancs Arbeit hat eine Vielzahl von Architekten dazu inspiriert, eigene Projekte zu entwerfen, die Metropolen in der Höhe grüner machen und dadurch die Luft reinigen.

Während Blancs hängende Gärten den Gebäuden erst nachträglich hinzugefügt werden, integrieren viele seiner Kollegen die Gärten gleich in die Architektur.

Eines der bekanntesten Projekte dieser Art ist der Bosco Verticale (“senkrechter Wald”) in Mailand. Das 2014, im Jahr vor der Weltausstellung Expo, fertiggestellte Gebäude war das erste grüne Hochhaus in Europa. Entworfen hat es der Architekt Stefano Boeri.

Eine grüne Oase inmitten der Großstadt

Es besteht aus zwei Wohntürmen, der eine 110, der andere 80 Meter hoch. An ihrer Fassade sind Betonkästen eingelassen, die mit 2000 Sträuchern und 900 Bäumen bestückt sind.

Die Begrünung ist sehr vielseitig - insgesamt sprießen 80 verschiedene Straucharten und 20 Laub- und Nadelbäume, darunter Buchen, Eichen und Pflaumen rund um den Bosco Verticale - und das inmitten des lärmenden Verkehrs des viel befahrenen Stadtteils Porta Nuova.

Das holländische Architekturbüro Oas1s hat indes ein Konzept vorgestellt, bei dem die Pflanzen noch viel stärker zum Teil des Gebäudes werden. Ziel von Gründer Raimond de Hullu und seinem Team ist es, Architektur und Natur komplett verschmelzen zu lassen. Das Ergebnis: Hochhäuser, die aussehen wie Bäume - “Treescrapers” statt Skyscrapers.

Wie das Onlineportal “Inhabitat” berichtet, sollen die Häuser mit 12 Metern so hoch sein wie ein durchschnittlicher Baum. Die Vision der Architekten besteht darin, verschiedene dieser “Treescrapers” mit echten Bäumen zu kombinieren und so waldähnliche, autofreie Stadtteile zu schaffen.

Auch in Deutschland entstehen begrünte Hochhäuser

Für den Bau der Gebäude wollen sie ausschließlich recyceltes Holz verwenden. Die Pflanzen und die Sonneneinstrahlung sollen dafür sorgen, dass die Bewohner der Häuser ihre Energie komplett selbst erzeugen können.

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Der Entwurf für die "Treescrapers"; Credit: Oas1s

Auch in Deutschland haben Stadtplaner verstanden, dass vertikale Begrünung eine Lösung sein kann, um die Städte lebenswerter zu machen. In Waiblingen in Baden-Württemberg ist der 56 Meter hohe Wohnturm “Grüner Daumen” geplant.

In München wird im Stadtteil Bogenhausen ein Büro- und Wohnturm mit 16 Stockwerken entstehen. 50 bis 60 Wohneinheiten soll das vollständig begrünte Hochhaus der Architektin Aika Schluchtmann beherbergen, der Dachgarten soll als Gemeinschaftsterrasse nutzbar sein. Spätestens 2020 will der Investor mit dem Bau beginnen.

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So soll das grüne Hochhaus in München aussehen; Credit: Credit: Aika Schluchtmann

Ähnliche Projekte gibt es auch in der Schweiz. Stefano Boeri, der Architekt des preisgekrönten Bosco Verticale in Mailand, hat den "Tour des Cèdres" (“Zedernturm”) entworfen, der in Chavannes-près-Renens, einem Vorort von Lausanne entstehen soll.

Luftverschmutzung ist nicht das einzige Problem, das gelöst wird

117 Meter hoch soll der begrünte Turm werden und damit das dritthöchste Gebäude der Schweiz. Bauende ist für das Jahr 2020 geplant.

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Der "Zedernturm" wird das dritthöchste Gebäude der Schweiz; Credit: Credit: lescedres.chavannes.ch

Dass grüne Wolkenkratzer in Zukunft auch noch ganz andere Problem lösen könnten als Luftverschmutzung in Städten, beweist ein eindrucksvoller Entwurf der beiden Designer Lipiński und Mateusz Frankowski.

Ihr “Mashambas”-Hochhaus soll dabei helfen, Hunger und Armut in Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika, zu bekämpfen. “Mashamba” ist Suaheli und bedeutet “kultiviertes Land”.

Das Hochhaus, das bei der renommierten eVolo Skyscraper Competition in diesem Jahr den ersten Preis gewann, soll aus Modulen bestehen, die variabel zusammengesteckt und wieder auseinandergebaut werden können.

Singapur als Vorbild für Europa

Das flexible Design soll es ermöglichen, dass das Haus vielfältig genutzt werden kann - mit einer Art Marktplatz im Erdgeschoss, Läden, Klassenräumen für Kinder und Flächen zum Anbau von Gemüse in den oberen Stockwerken.

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Der Entwurf für das Mashambas Hochhaus; Credit: Credit: Mashambas Skyscraper

All diese Projekte zeigen: In die Höhe pflanzen könnte das Leben in Städten künftig deutlich angenehmer machen - vor allem, wenn sie weiterhin so schnell wachsen und so dicht bebaut werden, wie es zu erwarten steht.

Zum Vorbild nehmen sollten sich europäische Städte in dieser Hinsicht eine Metropole am anderen Ende der Welt: Der Insel- und Stadtstaat Singapur ist laut dem Weltwirtschaftsforum derzeit die “grünste Stadt” der Welt.

Erstaunliche 30 Prozent der Gesamtfläche sind dort mit Bäumen, Büschen und Rasen bedeckt - eine “deutlich dichtere Bepflanzung als in jeder anderen Großstadt auf der Welt”, wie das Forum feststellt.

Wie der Ministaat das schafft? Die Regierung hat hohe Abgassteuern erhoben und das eingenommene Geld investiert sie in neue Grünflächen - viele davon vertikal angelegt.

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(sk)