Alles super in Deutschland? Die Ungleichheit ist eine riesige Gefahr für den sozialen Frieden

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Alles super in Deutschland? Die Ungleichheit ist eine riesige Gefahr für den sozialen Frieden | Gettystock
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Nein: Deutschland ist im internationalen Vergleich natürlich kein armes Land. Ja, die Arbeitslosenquote liegt auf einem solch niedrigen Niveau wie zuletzt vor 25 Jahren. Die Wirtschaft wächst seit Jahren durchgehend, und die Steuereinnahmen sind so hoch wie nie.

Die Union macht seit Monaten damit Wahlkampf: dass Deutschland von Rekord zu Rekord eile. Und dass es dem Land eigentlich doch gut gehe.

Aber das ist eben nur ein Teil der Wahrheit.

In Deutschland sind die Verhältnisse ins Rutschen geraten

Denn parallel wächst auch die Ungleichheit in der Bundesrepublik. Insgesamt 40 Prozent der Deutschen haben kein Vermögen oder nur Schulden. Da mag es den übrigen 60 Prozent noch so gut gehen – wenn zwei Fünftel der Bevölkerung keine solide wirtschaftliche Existenz haben, dann ist das ein Problem für den sozialen Frieden.

Aber es geht nicht nur um wirtschaftliche Ungleichheit. In Deutschland geraten die Verhältnisse insgesamt ins Rutschen. Und genau das macht die Unzufriedenheit bei vielen Menschen aus.

Wie sehr Deutschland polarisiert ist, zeigen diese fünf Punkte:

1. Stadt und Land

Zu den größten Rätseln der mittlerweile zwölf Jahre andauernden Kanzlerschaft von Angela Merkel (CDU) gehört es, dass gerade unter einer christlich-konservativen Regierungschefin die Ungleichheit zwischen Stadt und Land derart zugenommen hat.

Wäre es nicht die natürlichste aller Aufgaben für CDU und CSU, sich um die ländlichen Regionen zu kümmern – dort, wo seit Jahrzehnten ihre Stammwählerschaft zu Hause ist?

Stattdessen sahen wir seit 2005 den Aufstieg so genannter Schwarmstädte wie München oder Berlin, in die junge Menschen – den Vogelschwärmen gleich – von den ländlichen Regionen Deutschlands aus hinziehen.

Allein Berlin hat seit 2005 (rechnet man die Korrekturen durch den Zensus 2011 mit ein) mehr als 400.000 Einwohner hinzu gewonnen, in München sind es etwa 200.000 Menschen, in Köln gut 100.000.

Aber es ist nicht nur der Einwohnerschwund und der Wegzug von meist jungen, talentierten Menschen, der den ländlichen Regionen zu schaffen macht. Es ist auch der fortschreitende Verfall der Infrastruktur, dem die Behörden in Deutschland in Zeiten der Schuldenbremse wenig entgegenzusetzen haben.

Noch ein paar Zahlen: Das Schienennetz der Deutschen Bahn ist seit 2005 um etwa 1000 Kilometer geschrumpft. Bis 2020 gehen 50.000 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand, die meisten davon auf dem Land. Und null LTE-Empfang soll auch in Zukunft in Ländern wie Brandenburg etwas ganz Normales sein.

Zwar gibt es erste zarte Anzeichen, dass der große Run auf die Städte vorbei ist. Aber Bund, Länder und Kommunen kommen bei der dringend benötigten Strukturförderung des ländlichen Raums nicht so recht vorwärts. Das könnte sich mittelfristig rächen.

2. Pensionäre und Rentner

Es gibt viele Menschen, die wissen heute noch nicht, dass sie eines Tages mal von staatlichen Almosen leben müssen.

Die Rede ist von einfachen Angestellten, von Handwerkern, aber auch von Fachkräften. Oder von Menschen, die sich im Berufsleben eine Auszeit nehmen, weil sie ihren Job verlieren, krank werden, Kinder erziehen oder sich weiterbilden.

Laut Berechnungen des WDR droht ab 2030 fast jedem zweiten Senior die Grundsicherung – im Volksmund auch "Rentner-Hartz“ genannt. Nur wer dann mit 40 Berufsjahren und mehr als 2100 Euro Brutto-Durchschnittsverdienst pro Monat in Rente geht, bekommt mehr als die staatliche Stütze.

Unter denen, die nicht studiert haben, dürfte das dann eine Minderheit sein. Das Rentenniveau liegt ab 2030 wahrscheinlich bei 43,5 Prozent des letzten Bruttogehalts.

Beamte dagegen haben diese Sorgen weiterhin nicht: Sie können auch weiterhin mit einer Pension von über 70 Prozent des letzten Nettosolds rechnen. Kein Wunder, dass die jungen Menschen heute nicht mehr die Welt verändern, sondern lieber dem Staat dienen wollen.

3. Studenten und Handwerker

Vor zwei Generationen war ein Studium die absolute Ausnahme: Noch im Jahr 1950 lag die Studienanfängerquote eines Jahrgangs bei fünf Prozent. Heute ist es etwa jeder zweite, der den Sprung an die Unis und Hochschulen schafft.

Das hat nicht nur finanzielle Auswirkungen: Wer etwas aus sich machen will, wird heute schon den Kindern eingeschärft, muss zwingend Abitur machen.

Es hat auch gesellschaftliche Folgen: Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren war es vollkommen normal, dass in einem CDU-Kreisverband ein Handwerksmeister gegen einen Volljuristen kandidierte. Oder bei der SPD ein Schlosser gegen einen Lehrer.

Heute wirkt es nicht nur auf den Schlosser oder auf den Handwerksmeister so, als liefen alle wichtigen Entscheidungen ohne sie ab. Das schafft auf Dauer ein Gefühl der Ausgeschlossenheit. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Abstiegsängste nicht immer nur finanzielle Ursachen haben müssen.

4. Alt und Jung

Der Autor Alexander Hagelüken zeigt in seinem neuen Buch "Die gespaltene Gesellschaft“ sehr gut, wo eine der wichtigsten gesellschaftlichen Bruchlinien in Deutschland verläuft: nämlich zwischen Jung und Alt.

Wer heute über 57 ist, schreibt Hagelüken, verdiene im Schnitt mehr als die Älteren. Zwischen 57 und 50 liegen die Einkünfte ungefähr gleich. Wer heute jünger als 50 ist, verdient (kaufkraftbereinigt) weniger als die Älteren zum gleichen Zeitpunkt ihres Lebens.

Ein Grund dafür sind auch hier die Agenda-Reformen von Gerhard Schröder: Bis in die 1990er-Jahre hinein war es vollkommen normal, nach der Ausbildung einen unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen und nach Tarif bezahlen Arbeitsplatz zu bekommen.

Heute hangeln sich viele junge Menschen von Job zu Job – immer wieder unterbrochen von kürzeren Phasen der Arbeitslosigkeit oder der Selbstständigkeit. Das hat nicht nur Folgen für die Rente. Es ist heute auch schwieriger geworden, ein Vermögen aufzubauen.

Wer heute jünger als 35 und Single ist, hat ein vergleichbar hohes Armutsrisiko wie eine alleinerziehende Mutter.

5. Unternehmenserben und Arbeiterkinder

Und dann wäre da noch die alte Mär von dem "Glück“, dessen "Schmied“ ein jeder selbst sei.

Nie war es so wichtig, Abitur zu machen und zu studieren. Doch nur jedes vierte Kind aus einem Arbeiterhaushalt schafft es an die Unis. In Akademikerfamilien sind es drei von vier.

Kaum sonst wo auf der Welt wird Arbeit laut OECD so stark besteuert wie in Deutschland. Finanzminister Wolfgang Schäuble freut sich derzeit über Rekordeinnahmen – aber natürlich sind es vor allem die Angehörigen der Mittelschicht, die mit ihren Einkommenssteuerzahlungen dazu beitragen – schon ein Durchschnittsverdiener drückt fast die Hälfte seines Bruttos in Form von Steuern und Abgaben an den Staat ab.

Einkünfte aus Kapitalerträgen dagegen werden nur mit 25 Prozent besteuert. Anders gesagt: Wer jede Woche 40 Stunden seines Lebens für die Arbeit opfert, wird am Ende weit stärker zur Kasse gebeten als jemand, der die gleiche Zeit auf der Couch oder beim Polospielen verbracht hat.

Wie praktisch, dass auch Erben in Deutschland vergleichsweise günstig ist, es gibt kaum eine nennenswerte Erbschaftssteuer. Obwohl jedes Jahr gut 200 Milliarden Euro an Vermögenswerten vererbt werden, kassiert der Staat nur 4,5 Milliarden Euro Steuern darauf. So werden Biografien von Anfang an vorgezeichnet: Wer von Haus aus nichts hat, dem werden bei seinem Aufstieg Steine in den Weg geworfen. Wer aber von Geburt an begütert ist, dem macht die Mehrung seines Vermögens vergleichsweise wenig Mühe.

Im Ernst: Wenn wir solche Ungerechtigkeiten nicht bald in den Griff bekommen, werden sie uns einholen. Und spätestens seit der Wahl von Donald Trump sollte eigentlich jeder wissen, dass sich das niemand wünschen kann.

Mehr zum Thema: "Ich bin eine alleinerziehende Mutter, arbeite Vollzeit - und bin trotzdem arm

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(sk)