Französisches Roulette: Frankreichs von Fake-News überschatteter Kopf-an-Kopf-Wahlkampf

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FRENCH ELECTION
Noch ist der Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Frankreich völlig offen | Eric Gaillard / Reuters
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  • Eine Woche vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen wird das Rennen immer enger
  • Ein Drittel der Wähler hat sich noch nicht auf einen Kandidaten festgelegt
  • Gezielte Verbreitung von Fake News überschatten derweil den Wahlkampf

Ein solches Gedränge auf der Zielgeraden hat Frankreich noch nicht erlebt. Eine Woche vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl haben gleich vier Kandidaten Chancen auf einen Einzug in die Stichwahl: der unabhängige Mitte-Kandidat Emmanuel Macron, die Rechtspopulistin Marine Le Pen, der Konservative François Fillon und der Linksaußen Jean-Luc Mélenchon.

In den Umfragen sind die vier aussichtsreichsten Kandidaten jedenfalls zusammengerückt: Der Vorsprung des Spitzenduos Macron und Le Pen ist zuletzt stark geschmolzen. Laut einer Erhebung vom Freitag kommen der Ex-Wirtschaftsminister und die Rechtspopulistin auf nur noch jeweils 22 Prozent. Der wortgewaltige Mélenchon landet nach einer bemerkenswerten Aufholjagd bei 20 Prozent, der durch eine Scheinbeschäftigungsaffäre geschwächte Fillon legt leicht zu und kommt auf 19 Prozent.

Ein spannendes Rennen, denn: Viele Wähler wissen immer noch nicht, wem sie am 23. April ihre Stimme geben sollen. Und: Zwei der Kandidaten, Le Penn und Mélenchon, sind eine direkte Bedrohung für Europa.

Im Land herrscht eine Mischung aus Ratlosigkeit und Ernüchterung

Landauf, landab herrscht in Frankreich deshalb eine Mischung aus Ratlosigkeit, Ernüchterung, Enttäuschung.

Die beiden großen Traditionsparteien haben massiv an Zustimmung eingebüßt. Wegen der Enthüllungen über die zwielichtige Beschäftigung seiner Ehefrau Penelope und die Geschenke reicher Gönner ist der Republikaner Fillon bei vielen konservativen Wählern unten durch.

Linke Wähler wiederum sind nach den fünf Amtsjahren des Sozialisten François Hollande ebenso desillusioniert wie gespalten: Sollen sie für den blassen Sozialisten Benoît Hamon stimmen, der keine Siegeschancen hat und in Umfragen weit unter die Zehn-Prozent-Marke gefallen ist? Für den linken Volkstribun Mélenchon, der vielen dann doch ein bisschen zu radikal ist? Oder für den 39-jährigen Shootingstar Macron, der mit seinem sozialliberalen Kurs von Mitte-Links bis Mitte-Rechts viele Wähler anspricht, bei dem viele aber nicht so richtig wissen, wofür er eigentlich steht?

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Le Pen könnte von der Orientierungslosigkeit profitieren, warnen Experten

Große Begeisterung macht sich vor der ersten Wahlrunde jedenfalls nicht breit - und darin liegt eine Gefahr. Denn gehen nicht genug Franzosen zur Wahl, profitiert davon vor allem die rechte Kandidatin Le Pen, zum Teil aber auch der der Linke Mélenchon.

Die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen an die Macht kommt, ist zwar gering. Zu sehr stößt Le Pen etwa bei einer Mehrheit der Franzosen auf Ablehnung.

Dennoch warnen Experte, dass gerade sie von der Orientierungslosigkeit der Franzosen profitieren könnte. Der Front National ist ohnehin schon die Partei mit dem stabilsten Wählerstamm. "Wenn man keinen Halt mehr hat, besteht die Gefahr, dass man einen Lottoschein zieht und sich sagt: 'Warum nicht?'", sagt der Politologe Richard Kleinschmager. "Und derzeit ist dieser Lottoschein Marine Le Pen."

Die Rechtsnationale ist wie ihr Gegenpart, Linksaußen Mélenchon, der EU gegenüber äußerst kritisch eingestellt. Sowohl mit Le Pen als auch mit Mélenchon droht Frankreich und Europa ein Frexit. Dieser wäre nicht nur eine schwere Bürde für das Land und die Union - sondern auch der mögliche Anfangs des Endes der EU als solches.

Der rechtskonservative Flügel profitiert von Fake-News und Stimmungsmache

Die gezielte Verbreitung falscher oder verdrehter Nachrichten ist derweil Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten. Meldungen, wie die von zwei Frauen, die in einer Klinik von zwei ausländisch aussehenden Männern angegriffen werden oder ein Feuerwehrmann, der bei einer Demonstration von Banlieue-Kids ein Auge verliert zählen zu den derzeit am meisten geteilten Videos in Frankreich.

Dass die Frauen in einem Krankenhaus in Russland attackiert wurden oder der Feuerwehrmann sein Auge durch einen Fehlschuss von Polizisten verlor, wie das französische Newsportal "Cross Check" recherchiert hat, wird dabei wie beiläufig unter den Tisch gekehrt.

Doch die Rechtspopulisten um Marine Le Pen sind nicht die einzigen, die von der Verbreitungsgewalt sozialer Medien profitieren. Auch der konservative Fillon unterstellt den Medien eine regelrechte "Hetzjagd" auf seine Person, nachdem ein Vermittlungsverfahren wegen der Scheinbeschäftigung seiner Frau und Kinder gegen ihn gestartet wurde. Wie "Zeit Online" berichtet, soll sein Team mit dem Hashtag #chasseAlLomme (Stopp der Menschenjagd) Stimmung gegen das Verfahren gemacht haben.

Wie der Kommunikationswissenschaflter Nicolas Vanderbiest behauptet, stecken dahinter etwas 40 Twitter-Phantom-Profile, die alle gleichzeitig denselben Tweet absetzten. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. In Frankreich lässt sich ein ähnliches Vorgehen beobachten wie schon während der US-Wahl. 1800 Anhänger Fillons twitterten gleichzeitig mit dem Hashtag #stopmacron, ähnlich viele Le Pen-Anhänger twitterten #Marine2017. "Die Grenzen zwischen falschen und wahren Behauptungen verschwimmt in diesem Wahlkampf", so Vanderbiest. Die Strategien zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung hätten eine ganz neue Qualität erhalten.

Und so in diesem französischen Kopf-an-Kopf-Rennen den Ausschlag geben. Frankreich und Europa müssen hoffen, dass am Ende ein Pro-Europäer als erstes die Ziellinie überquert.


mit Material von dpa

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