Der ewige Krieg in Afghanistan geht weiter - jetzt betritt Putins Russland das Schlachtfeld

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Russland schmiedet in Afghanistan eine unheilvolle Allianz mit den Taliban | Getty
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Am Donnerstagabend geht die “Mutter aller Bomben” auf Afghanistan nieder. 8000 Kilogramm Sprengstoff und elf Tonnen TNT-Äquivalent lassen eine Stellung des Islamischen Staates zerbersten. Abgeworfen haben den größten jemals eingesetzten konventionellen Sprengkörper die Streitkräfte der USA.

Der ewige Krieg in Afghanistan geht weiter. Und die Vereinigten Staaten sind nur eine von vielen Kriegsparteien. Seit 2015 hat sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am Hindukusch breit gemacht. Die radikal-islamischen Taliban sind stärker als noch vor Beginn des Afghanistankriegs im Jahr 2001.

Jetzt macht sich zudem ein alter Feind bereit, das afghanische Schlachtfeld wieder zu betreten. Vor fast 30 Jahren mussten die Sowjets geschlagen und gedemütigt aus Afghanistan abziehen - jetzt wird Russland in dem Land wieder aktiv.

Was hat Russlands PräsidentWladimir Putin in Afghanistan vor?

Russlands Krieg gegen den Terror

Am Freitag empfängt er hohen Besuch. Experten aus zehn Staaten werden diesmal in Moskau erwartet, um über die wachsende Unsicherheit in Afghanistan zu beraten. Staaten wie China, Indien, Pakistan und der Iran sitzen am Tisch.

Glaubt man Putin, soll es bei dem Treffen vor allem um die Bedrohung durch Terrorismus gehen, die von dem Bürgerkriegsland ausgeht. “Das ist eine sehr gefährliche Tendenz für uns alle”, sagte Putin dem TV-Sender Mir.

In Afghanistan gebe es eine ernste Terrorgefahr und es grenze an zentralasiatische Partnerländer, sagte der Außenpolitiker und Duma-Abgeordnete Leonid Kalaschnikow der Deutschen Presse-Agentur. “Deswegen ist eine Zusammenarbeit mit Kabul auf allen Ebenen sehr wichtig.”

Brisant: Für Russland schließt das auch eine Zusammenarbeit mit den Taliban nicht aus.

Zusammenarbeit mit den Taliban

Russland arbeite mit allen Kräften in Afghanistan zusammen, um den Friedensprozess vorzubereiten, sagte Putin am Donnerstag - und schloss ausdrücklich auch die Taliban ein. Schon im vergangenen Jahr hatte Russland eine solche Zusammenarbeit angekündigt.

Taliban-Offiziere hatten der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Dezember berichtet, dass die Gruppierung von Russland bereits seit 2007 Unterstützung erhalte. Damals habe es noch keinen IS in Afghanistan gegeben, Russlands Ziel sei es gewesen, “uns zu stärken, gegen die USA und ihre Verbündeten”.

Ein gefährliches Unterfangen, stehen doch gerade die Taliban sinnbildlich für die unvorhersehbaren Folgen der Unterstützung von militanten Gruppen in Afghanistan: Sie gingen, wie auch die Terrororganisation Al Qaida, aus den von den USA und Pakistan unterstützten Mujahedin-Kämpfern hervor, die Widerstand gegen die Invasion der Sowjetunion leisteten.

Der Kommandant der US-Truppen in Afghanistan, General John Nicholson, zeigte sich deshalb über die neuerliche Einmischung Russlands in Afghanistan äußerst besorgt - der Kreml versuche mit Hilfe der Taliban, die Nato-Truppen in dem Land zu destabilisieren.

Doch nicht nur die Taliban sollen in Afghanistan für Russland kämpfen.

Russische Söldner für den Afghanistan-Einsatz

“Ich hoffe sehr, dass wir niemals unsere Streitkräfte in Afghanistan einsetzen müssen”, sagte Putin am Donnerstag. Das ist eine gerissene Formulierung. Denn warum die Armee in Bewegung setzen, wenn man auch russische Milizien und Paramilitärs in den Kampf schicken kann?

Ende des Jahres 2016 unterzeichnete Putin ein neues Gesetz, das Gesetz Nummer 53 über die Militärdienstpflicht in Russland. Es macht jeden Russen, der Militärdienst geleistet hat, zu einem inoffiziellen Soldaten für den Kreml - und genehmigt seinen Einsatz unter dem Vorwand der Bekämpfung terroristischer Aktivitäten in der ganzen Welt.

Putin hat sich mit dem Gesetz eine privatisierte, nicht an das Militär gebundene Armee geschaffen. Sie erlaubt ihm, schmutzige Kriege in anderen Ländern zu führen, gleichzeitig aber die Verantwortung für diese abstreiten zu können. So lief es schon beim Einmarsch der russischen Separatisten auf der Krim.

Und, so berichtet es die “Zeit”, die Rekrutierung der neuen Privatsoldaten läuft bereits - auch für den Einsatz in Afghanistan.

Russische Strategie-Spiele

Wohin dieser Einsatz, wohin auch die Unterstützung der Taliban führen soll, da sind sich auch Experten unsicher. Der offizielle Grund, die Terrorabwehr, erscheint vielen als vorgeschoben.

Alexej Malaschenko, Forschungsdirektor am Institut "Dialog der Kulturen" und Experte des Moskauer Carnegie-Zentrums, sagte im Januar der Deutschen Welle: "Man muss nicht befürchten, dass von Afghanistan irgendeine Instabilität nach Russland überschwappen kann. Diese Gefahr besteht einfach nicht." Russland habe weder wesentliche Interessen noch Investitionen in Afghanistan zu schützen.

Der Zentralasien-Experte Arkadij Dubnow sagte dem Sender, dass Russland trotz alledem das Vakuum nach einem Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan füllen wolle. Der Kreml versuche deshalb, die verschiedenen extremistischen Gruppen in dem Land gegeneinander auszuspielen.

Najib Sharifi, politischer Analyst mit Sitz in Kabul, ist sich indes sicher: Russlands Rückkehr nach Afghanistan ist Teil von Wladimir Putins Plan, Russland wieder zu einer geopolitischen Großmacht zu machen.

Ganz gleich, welche Strategie Putin letzten Endes in Afghanistan tatsächlich verfolgt: Einen von ihm angekündigten Friedensprozess wird es in Afghanistan nicht geben. Vielmehr leitet er ein weiteres Kapitel der immer neuen Stellvertreter-Kriege ein, die die Afghanen seit Jahrzehnten über sich ergehen lassen müssen.

Die Extremisten des IS und der Taliban werden weiter morden, die Flieger der USA weiter bomben. Seit 40 Jahren herrscht Krieg und Leid in Afghanistan. Ein Ende ist nicht in Sicht.

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Mit Material der dpa

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