Die Entdeckung der Langsamkeit: Wie Tempo-30-Zonen unsere Städte lebenswerter machen

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Radfahrer in der Stadt | getty
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  • Der Bundesrat hat ein Tempo-30-Limit vor Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen beschlossen
  • Erste Städte setzen die Regel nun um
  • Sie könnte Städte sehr viel lebenswerter machen

Deutsche Städte werden mehr und mehr zu einer riesigen Tempo-30-Zone - und das ist eine gute Nachricht. Denn die Städte werden dadurch sicherer, ruhiger und sauberer.

Berlin will noch in diesem Jahr auf vielen Hauptstraßen die Geschwindigkeit drosseln. Auch Hamburg wird den Anteil der Straßen mit Tempo 30 drastisch erhöhen.

In Freiburg gilt die Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde auf 400 von 580 Kilometern des Verkehrsnetzes. Auch in Köln müssen Autofahrer auf der Hälfte der Straßen auf die Bremse drücken, in München sind es sogar 80 Prozent.

Nachdem im Jahr 1983 die erste 30er-Zone eingeführt wurde, ist eine Tempobegrenzung in der Stadt zu einem der beliebtesten Mittel der Planer und Politiker geworden, Metropolen lebenswerter zu machen.

Der Bundesrat hilft den Städten

Die Gründe, warum die Städte gerade radikal beim Verkehr umdenken, sind einfach: Luftverschmutzung durch Autoabgase, Lärm und Unfallgefahr sind ernste Probleme, die sich durch geringeres Tempo lindern lassen.

Die Entwicklung beschleunigt jetzt zusätzlich ein Gesetz, das der Bundesrat im März beschlossen hat. Demnach soll in Deutschland Tempo 30 vor allen Kitas, Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen die Regel werden.

In Hamburg werden die Straßen vor den rund 1065 Kitas geprüft

Vor allem Hamburg will den Bundesratsbeschluss zügig umsetzen.

Die zuständigen Behörden werden nun die Straßen an den rund 1065 Kitas und mehr als 350 Schulen prüfen und gegebenenfalls die Geschwindigkeitsbegrenzung beantragen, schreibt das “Hamburger Abendblatt”.

Außerdem will die Hamburger Bürgerschaft die gesetzlichen Hürden für neue Tempolimits senken. Bislang muss die Straßenverkehrsbehörde eine besondere Gefahrenlage belegen, wenn sie Tempo 30 einführen will. Künftig soll es umgekehrt sein: Dann muss sie nur begründen, warum Tempo 30 nicht gelten soll.

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(Straßenszene in Berlin - die Hauptstadt will die Tempo-30-Zonen stark ausweiten. Quelle Getty)

Der Anstoß zu dem Bundesratsbeschluss kam aus dem Verkehrsministerium. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) betonte, das Gesetz ermögliche es, die “Verkehrssicherheit für schwächere Verkehrsteilnehmer zu verbessern” - und zu denen würden besonders Kinder und Senioren zählen.

Tatsächlich reduziert ein verringertes Tempo den Bremsweg eines Autos gewaltig. Kommt man mit 30 Stundenkilometern nach 13,3 Metern zum Stehen, sind es bei 50 Stundenkilometern 27,7 Meter Bremsweg.

Wie die “Rheinische Post” schreibt, liegt die Gefahr für Fußgänger, bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern tödlich zu verunglücken, bei 30 Prozent - bei Tempo 50 sind es 80 Prozent.

Verkehr fließt besser

Aber nicht nur der Sicherheitsaspekt spielt eine Rolle. Tempo 30 bedeutet einen Vorteil für die Gesundheit der Stadtbewohner, das ist bewiesen. In Berlin sank die Luftbelastung durch Schadstoffe um bis zu 15 Prozent, wenn das Tempo auf 30 gedrosselt wurde.

Allerdings führt nicht die geringere Geschwindigkeit zur Entlastung, sondern der gleichmäßiger fließende Verkehr.

Fahrer kommen nur minimal später an

Bei Autofahrern kommt die Geschwindigkeitsreduzierung naturgemäß nicht gut an. Faktisch erhöht sich die Fahrzeit mit Tempo 30 aber nur unwesentlich: Um 10 bis 20 Sekunden pro Kilometer, wie eine Studie der Universität Duisburg-Essen vor einigen Jahren ergab. Ampeln oder Staus spielen eine viel größere Rolle.

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(Mit dem Rad ist man in vielen Städten nicht viel langsamer unterwegs als mit dem Auto. Quelle: Getty)

Wegen ihnen liegt die reale Durchschnittsgeschwindigkeit der Autofahrer in deutschen Städten ohnehin nur bei 25 Kilometer pro Stunde.

Auch Hauptverkehrsstraßen sollen zu Tempo-30-Zonen werden

Auch der Lärm, so ergab ein Test in Darmstadt, kann sich in einer Tempo-30-Zone um bis zu ein Drittel reduzieren.
Kein Wunder, dass jetzt schon in vielen Städten nachts eine Geschwindigkeitsreduzierung gilt. Bisher waren die Tempo-30-Zonen in den Städten aber vor allem auf Wohnviertel beschränkt. Aber auch das ändert sich jetzt.

In Frankfurt wurde Ende vergangenen Jahres ein Modellprojekt abgeschlossen, in dem ein nächtliches Tempo-30-Limit auf vier Hauptverkehrsstraßen getestet wurde.

In Düsseldorf wird zur Zeit in einem Pilotprojekt das Tempo-30-Limit auf drei Hauptverkehrsstraßen getestet.
Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch andere Großstädte nachziehen. Die Menschen in den Städten würden profitieren.

Mehr zum Thema: Die Autobahnen der Zukunft: Mit einem neuen Gesetz will die Regierung das Radfahren fördern

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(sk)