In Istanbul feiern Erdogans Fans schon den Sieg – doch sie übersehen die größte Gefahr für den Präsidenten

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ISTANBUL
In Istanbul feiern Erdogans Fans schon den Sieg – doch sie übersehen die größte Gefahr für den Präsidenten | Getty
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Dieser Tage ist es auf der Istiklal Caddesi noch wuseliger als sonst. Es herrscht Jahrmarktstimmung im Zentrum Istanbuls. Menschen tanzen, Musik dröhnt aus viel zu laut aufgedrehten Boxen, die bunt angezogene Männer wenige Meter voneinander aufgestellt haben, und die sich nun anbrüllen, als gehe es darum, einen Koma-Patienten zu wecken.

Wenn die Lage nicht so ernst wäre, könnte man meinen, hier im Herzen der Stadt, unweit des Taksim Platzes, sei ein Volksfest im Gange.

Aber nein: Im Stadtteil Beyoglu werben Befürworter und Gegner der Verfassungsreform des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan drei Tage vor Abstimmung um die Stimmen der letzten Unentschlossenen. Und besonders die Erdogan-Fans geben sich siegessicher.

Die trügerisch riesige “Ja“-Kampagne

Lässt man den Blick ein Stockwerk höher schweifen, versteht man sie: Die absurd großen Plakate an den Häuserwänden schreien geradezu nach Triumph. Sie zeigen Erdogan in vielfacher Überlebensgröße – oder wahlweise den Ministerpräsidenten Binali Yildirim, der paradoxerweise für seine eigene Entmachtung wirbt.

Wer also so durch die Straße schlendert, gewinnt den Eindruck: Hier kämpft David gegen Goliath. Doch dieser Eindruck trügt.

Klar: Die Infostände der Nein-Unterstützer sind deutlich kleiner, die Abstände zwischen ihren Plakaten umso größer.

Doch der allgegenwärtige „Evet“-Freudentaumel heißt nicht, dass Erdogans Sieg am Sonntag sicher ist. Denn das „Nein“-Lager ist stark – auch wenn es seine Kampagne nicht vermuten lässt.

Die Reform-Gegner machen eine Schwäche zur Stärke

Während Erdogan und seine Unterstützer über eine Milliarde Lira (etwa 258 Millionen Euro) in die „Ja“-Werbeoffensive gesteckt haben sollen, stand dem Nein-Lager nur ein Bruchteil dessen zur Verfügung.

Während sich die Unterstützer des Präsidenten ganz auf dessen Strahlkraft verlassen, fehlt den Gegnern des Präsidialsystems eine Gallionsfigur. Auf den „Nein“-Bannern, die in der Stadt hängen, sieht man ein kleines Mädchen, das auch einer Hautcreme-Werbung entsprungen sein könnte, oder einfach nur das Wort „Hayir“, „Nein“.

Das hat Gründe: Die politische Opposition ist zersplittert, zerfahren, gesprengt. Viele Menschen haben Angst, sich öffentlich gegen Erdogan zu stellen. Der letzte Oppositionelle, der dem Präsidenten in Sachen Charisma das Wasser reichen konnte, war der Pro-Kurden-Politiker Selahattin Demirtas. Doch der sitzt nun in Haft.

Aber genau hinter der Gesichtslosigkeit des „Neins“ steckt eine Stärke der Reform-Gegner. Sie können von allen Seiten auf Stimmen hoffen. Sogar von eigentlich eingefleischten Unterstützern des Präsidenten.

Zehn Prozent der AKP-Wähler zweifeln

Die türkische Zeitung „Hürriyet“ schätzt, zehn Prozent der Menschen, die zuletzt die Erdogan-Partei AKP wählten, zweifelten an dessen Allmachtsplänen. Glaubt man den Umfragen, laut denen beide Lager nur wenige Prozentpunkte trennen, könnten sie den Ausschlag geben.

Der AKP-Wahlkampfstratege Devlet Bahçeli verriet der Zeitung, bei den Skeptikern handle es sich besonders um Großstadtbewohner mit höherem Bildungsstand. Menschen also, wie sie Tag für Tag über die Istiklal Caddesi flanieren. Sie sehen keine Notwendigkeit, das System zu verändern, auch weil sie sich fragen, wer nach Erdogan an die Macht kommen wird.

Selbst hochrangige AKP-Politiker teilen diese Sorge. Erdogans Amtsvorgänger und AKP-Gründungsmitglied Abdullah Gül soll aus ähnlichen Gründen insgeheim gegen die Präsidialverfassung sein. Während andere AKP-Politiker den Systemwechsel anpreisen, wo sie nur können, hält Gül sich seit Monaten bedeckt.

Es droht ein Verrat von rechts

Auch mehrere Politiker der ultranationalistischen MHP, die sich offiziell hinter Erdogans Pläne stellt, revoltieren gegen den Präsidenten. Sie könnten „Erdogan entgleisen lassen“, glaubt das Magazin „Politico“.

Ganz unwahrscheinlich ist ein solch folgenreicher Verrat nicht: Etwa 12 Prozent der Türken unterstützen die MHP, ihre Wählerschaft ist gespalten. Kippt sie in Richtung „Nein“, wird es für Erdogan eng.

Mit der 60-jährigen Meral Aksener stellt sich eine wahre Ikone der Nationalisten offen gegen den Präsidenten. Sie hat das Referendum zur Überlebensprobe für ihre Partei erklärt. Aksener sagt: Gewinnt Erdogan, droht der MHP die Bedeutungslosigkeit.

Gleichsam weiß sie: Verliert der Präsident, ist auf einmal alles möglich. Der ehemaligen Innenministerin wird schon lange nachgesagt, Erdogan beerben zu wollen.

Mehr zum Thema: Erdogans Albtraum: Wie eine Nationalistin den türkischen Präsidenten stürzen will

Am Ende müssen die Linken Erdogan schlagen

Doch auch die klassischen Gegner Erdogans, Linke, Künstler, Kemalisten, kann man in diesen Tagen leicht unterschätzen. Denn seit der Gezi-Bewegung 2013 ist der wütende Protest in der Türkei zu einer Randerscheinung geworden.

Das Dagegensein jedoch nicht. Uygur wohnt in einem kleinen Viertel in Beyoglu, fünf Gehminuten von der Istiklal Caddesi entfernt. Er ist Architekt, er ist Musiker, er kennt in der Nachbarschaft jeden: Filmemacher, Bäcker und Taxifahrer.

Uygur sagt: „Wir haben einfach keine Lust mehr. Politik, das kann keiner mehr hören. Aber trotzdem werden wir für ‚Nein’ stimmen. Denn Erdogan hat uns alle verraten.“

Ihm sei mittlerweile fast alles egal, nur die Kurden täten ihm leid. Wie Uygur geht es in Istanbul wohl vielen, die noch vor wenigen Jahren als Idealisten für eine bessere Türkei auf die Straße gegangen waren.

Ob Erdogan trotz Milliarden-Kampagne verliert, wird maßgeblich von ihnen abhängen. Davon, ob sie ihren Politik-Überdruss überwinden können und trotzdem zur Wahl gehen.

So könnte im Endeffekt ein unheiliges Bündnis aus Rechten, Linken und sogar Erdogan-Wählern dem Präsidenten ein Bein stellen.

Dessen Fans halten das für völlig ausgeschlossen. Vor einem AKP-Wahlkampfmobil sagt eine Frau im roten „Evet“-Kopftuch triumphierend: „Nur Erdogan ist die Zukunft!“

Dann tanzt sie weiter.

Mehr zum Thema: Alle sprechen nur über Erdogan, dabei hat die Türkei ein ganz anderes Problem

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(jg)

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