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12/04/2017 14:50 CEST | Aktualisiert 12/04/2017 18:32 CEST

"Zeit"-Journalist glaubt: Eine einfache Maßnahme in Syrien hätte die AfD und den Brexit verhindert

Omar Sanadiki / Reuters
Die "Zeit" glaubt: Eine einfache Maßnahme in Syrien hätte die AfD und den Brexit verhindert

  • "Zeit"-Autor Wolfgang Bauer prangert in einem Leitartikel die Untätigkeit des Westens an

  • Statt der Gewalt in Syrien zuzusehen, hätte eine einfache Maßnahme das Leid lindern können

  • Die Maßnahme hätte auch den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa verhindern können

Der Krieg in Syrien ist eine der größten Katastrophen der modernen Geschichte. Ein brutales Desaster, das die größte Flüchtlingsbewegung seit dem 2. Weltkrieg ausgelöst hat.

Eine einfache Lösung für das Kriegsdilemma in Syrien kann es nicht geben. Zu unübersichtlich sind die Frontverläufe zwischen dem syrischen Diktator Baschar al-Assad, den Rebellen, den ausländischen Truppen und Milizen sowie den vielen Terrorgruppierungen.

In der aktuellen Ausgabe der "Zeit" vertritt der Journalist Wolfgang Bauer jedoch die Meinung, dass eine simple Maßnahme viele weitreichende Folgen des Krieges verhindert hätten.

"Größter Außenpolitischer Fehler seit Angriff auf den Irak"

Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt habe Donald Trump etwas richtig gemacht, schreibt Bauer über den Vergeltungsschlag des US-Präsidenten gegen das Assad-Regime. In den sechs Jahren zuvor habe der Westen tatenlos zugesehen, während die Gewalt in Syrien eskalierte.

"So schlimm die Folgen der Intervention im Irak waren, so schlimm waren die Folgen der Nichtintervention in Syrien", schreibt Bauer. Dabei habe es die Option auf eine einfache Maßnahme gegeben, die das Leid der Syrer erheblich hätte lindern können: eine Flugsverbotszone.

Diese nicht einzurichten, sei der größte außenpolitische Fehler, "seit sich US-Präsident George W. Bush 2003 entschieden hatte, den Irak anzugreifen", schreibt Bauer. Und stellt dann eine gewagte These auf.

"Mit einer Flugverbotszone wären weit weniger Flüchtlinge nach Europa getrieben worden, der Brexit hätte vermutlich nicht stattgefunden und die AfD auch nicht. Mit einer Flugverbotszone wäre in Syrien nicht dieses gewaltige Vakuum entstanden, das den IS erst möglich gemacht hat", schreibt Bauer.

Eine höchst spekulative Annahme

Wolfgang Bauer hat die blutige Gewalt in Syrien mit eigenen Augen gesehen. Er war als Korrespondent in dem Land unterwegs. Seine emotionale Verbundenheit zu den Syrern und sein passionierter Vorwurf an den Westen sind somit gut nachvollziehbar.

Und tatsächlich: Der Westen hat die Syrer im Stich gelassen. Einmal in ihrem Heimatland, wo sie zwischen Assad, den Rebellen und islamistischen Terroristen aufgerieben wurden. Und ein weiteres Mal, als es darum ging, den flüchtenden Zivilisten Hilfe zukommen zu lassen.

Das eine Flugsverbotszone die ultima ratio im Syrien-Krieg gewesen wäre, ja, dass sie sogar den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa hätte verhindern können, ist aber eine höchst spekulative Annahme.

In der Tat hätte eine Flugsverbotszone zu Beginn des Krieges ein militärisches Gleichgewicht zwischen Assads Armee und den Rebellen begünstigen können. Die Freie Syrische Armee war den Bodentruppen Assads zunächst durchaus gewachsen, konnte dem unablässigen Bombardement seiner Flugwaffe jedoch nichts entgegensetzen.

Ein Flugverbot in Syrien verhindert keinen Aufstieg von Rechtspopulisten

Eine Flugsverbotszone hätte hier Abhilfe schaffen können. Das Kriegsglück gegen Assad zu wenden, hätte sie jedoch wohl kaum vermocht. Zu stark machten den Diktator schon damals seine Verbündeten, die Hisbollah, der Iran und bald auch Russland. Zu groß war auch der Konflikt innerhalb der Rebellen, der den Aufstieg der Islamisten in Syrien beförderte.

Micah Zenko, leitender Wissenschaftler am Council on Foreign Relations, wies im September 2016 zurecht darauf hin, wie "zahnlos und ineffektiv" die Flugsverbotszone im Irak zwölf Jahre lang war.

Bauers Annahme, AfD und Brexit wären durch eine solche Flugsverbotszone zu verhindern gewesen, ist nahezu absurd. Ein Krieg wird nicht in der Luft gewonnen, es hätte also weiter Gewalt und Morde in Syrien gegeben - und damit auch Flüchtlinge, die sich auf den Weg nach Europa machen.

So emotional nachvollziehbar Bauers Aufruf im Angesicht des Grauens in Syrien ist, so sehr vereinfacht er doch das Problem. Und leider ist im Fall des verworrenen syrischen Bürgerkriegs eine einfache Lösung noch keine gute.

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(ll)

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