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Putins Chef-Hetzer: Wie Alexander Prochanow die Russen gegen den Westen aufwiegelt

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"Das nächste, was wir machen müssen ist ein asymmetrischer Raketenschlag" gegen die Ukraine.

Diese Antwort auf den US-Luftschlag in Syrien hatte vergangene Woche vor Millionen Fernsehzuschauern im russischen "Ersten Kanal“ der ultranationalistische Schriftsteller Alexander Prochanow empfohlen.

Widerspruch für seine markige Forderung erhielt der Dauergast im kremlgesteuerten Fernsehen in der Talkshow "Perwaja Studija" nicht. Im Gegenteil - der Moderator assistierte: "So zeigen wir, dass wir auch etwas in der Hose haben."

Die Sendung im wichtigsten TV-Kanal Russlands zur besten Sendezeit ist keine Ausnahme – sondern typisch für die Hysterie und die Verschwörungstheorien, die Moskaus kremlgesteuerte Medien seit Monaten schüren und verbreiten. Etwa, dass die USA hinter dem weltweiten Terrorismus stünde.

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(Alexander Prochanow im russischen Fernsehen)

Man stelle sich vor, was in Deutschland los wäre, wenn in Polit-Talkshows wie “Anne Will” oder “Hart aber fair” Aufwiegler von der NPD oder Pegida regelmäßig im Rudel auftreten würden – ohne nennenswerten Widerspruch, zur besten Sendezeit.

Genau das passiert aber in Russland seit Jahren.

Opposition für Terroranschlag verantwortlich

Zentrale Figur der vom Kreml gutgeheißenen TV-Dauerpropaganda ist Alexander Prochanow. Der 1938 im georgischen Tiflis geborene Altkommunist ist einer der häufigsten Talkshow-Gäste im russischen Fernsehen und lautstärksten Propagandisten des Systems Putin.

Wer wissen also will Propaganda in Russland funktioniert und wie das Volk mit Lügen beschallt wird, muss auch sich mit Prochanow beschäftigen.

Erst kürzlich hatte er im “Ersten Kanal” die Opposition in Russland für die Bombenexplosion in Petersburg verantwortlich gemacht, bei der mindestens 14 Menschen getötet und weitere 51 Personen verletzt wurden.

Prochanow, der sehr emotional und oft ziemlich wütend auftritt, war Korrespondent der Parteizeitung „Prawda“, unter anderem in Afghanistan. 1991 stellte sich der erbitterte Gegner von Jelzin und Gorbatschow beim Augustputsch auf die Seite der Putschisten. 1993 gründete er die radikale und als antisemitisch verschriene Zeitung „Sawtra“.

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(Polittalkshow mit Prochanow im wichtigsten TV-Kanal Russlands)

Ku-Klux-Klan-Chef als Gast in Russland

Im Jahr 2000 lud der verwitwete Vater von drei Kindern den Holocaustleugner und Ku-Klux-Klan-Chef David Duke nach Russland ein. 2002 landete Prochanow mit seinem Buch “Hexogen” einen Bestseller.

Darin beschrieb er fiktiv die Verwicklung des Geheimdienstes FSB, des früheren KGBs, in die Sprengstoffanschläge auf Hochhäuser, bei denen 1999 mehr als 300 Menschen ums Leben kamen.


(Die Sendung, in der Prochanow einen Militärschlag gegen die Ukraine fordert)

Prochanow galt bis Anfang der 2000er-Jahre als Radikaler und hatte in Russland damals in etwa einen Ruf wie in Deutschland NPD- oder Pegida-Funktionäre. Vom massiven Kritiker Putins und seiner Regierung wandelte sich Prochanow später zu einem ihrer lautstärksten Propagandisten und Vorzeigefiguren.

2012 wurde er per Präsidentenerlass von Putin zum Mitglied des “Rates für das öffentliche Fernsehen” ernannt; außerdem er ist Vize-Chef des “Gesellschaftsrats beim Verteidigungsministerium“. Aus dem vom Kreml gesteuerten Fernsehen ist er seitdem nicht mehr wegzudenken.

Sehnsucht nach dem starken Staat

2015 kam der Schmetterlings-Sammler Prochanow zu einer Versammlung des Schriftstellerverbandes mit einer Ikone, die den Diktator Josef Stalin mit seinen Militärführern zeigte. Der 79-jährige, der sich selbst als Imperialisten bezeichnet, fällt bis heute regelmäßig mit rechtsradikalen Äußerungen auf.

Den Reformer Gorbatschow nannte er ein “Synonym des Bösen”; der Politiker sei verantwortlich für das “Scheitern einer großen Zivilisation”. Die Sozialdemokratie bezeichnete der gelernte Ingenieur, der in seiner Freizeit Bilder im Stile des Primitivismus malt, als “Alterskrankheit” und “politisches Prostataleiden”.

Prochanow stachelt damit die Sehnsucht vieler Russen nach dem vermeintlich starken Staat aus der Sowjetzeit an - und rechtfertigt damit indirekt Putins antidemokratischen Kurs.

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(Russische Kommunisten demonstrieren in Moskau. Quelle: Getty)

Auch mit Äußerungen zur Außenpolitik hält sich Prochanow nicht zurück.

Im iranischen Fernsehen behauptete er 2014 Israel und die USA würden die Terrororganisation Islamischer Staat unterstützen, um Russlands Einfluss im Nahen Osten und im Nordkaukasus zurückzudrängen.

USA sind laut Prochanow für Flüchtlingskrise verantwortlich

Dem Moskauer Sender Rossija 24 sagte er 2015, die USA hätten im Nahen Osten und auch in Nordafrika absichtlich Konflikte angezettelt, um eine Flüchtlingswelle auszulösen und als "demografische Bombe" Richtung Europa zu steuern.

Stalins elfter Schlag“ hieß die Überschrift eines Artikel Prochanows in der großen Zeitung „Iswestija“ – in Anspielung auf die zehn Schläge, die Stalin im Zweiten Weltkrieg nach russischer Lesart zum Erfolg führten.

In den ersten Absätzen beschreibt er heroisch den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Dann klagt er:

“Als die Erde auf den Gräbern von 30 Millionen gefallener Helden noch nicht eingesunken war, gab Stalin den Befehl, Gärten zu bauen. Diese Gärten blühten von Meer zu Meer. Aber langsam haben die Würmer diese Gärten aufgefressen. Die hinterhältigen Nagetiere haben unsere Apfel- und Birnbäume zugrunde gerichtet. Feinde, die uns hassen, haben unser sowjetisches Land getötet. Und Territorium abgenommen, die Armee. Die großartigen Fabriken ausgeraubt. Den Willen des Sieger-Volkes gebrochen.”

Der Westen und die Demokratie sind für Prochanow faschistisch

Für den russischen Leser ist klar, wer mit den Würmern und Nagetieren gemeint ist: Der Westen und seine Sympathisanten in Russland.

Weiter schrieb Prochanow:

“Und sogar den Sieg wollten sie beschmutzen, der für uns das höchste Heiligtum ist. Aber den Würmern gelang es nicht, unser Heiligtum zu zerstören. Wir haben uns wieder erhoben. Die Armee gestärkt. Der Sieg blieb unser. Und als Belohnung für unsere Geduld und Ausdauer hat Gott uns die Krim geschenkt. Aber das schwarze Sperma des Faschismus hat sich auf Kiew ergossen, die Mutter der russischen Städte.

In der goldenen Sophien-Kathedrale, inmitten der Heiligen, ist ein missgestalteter Embryo mit Haaren im Gesicht und mit schwarzen Hörnern gewachsen. Der Faschismus. Er hat Kiew überfüllt und kriecht über die ganze Ukraine.“

In Russland ist Prochanow mit seiner kruden Propaganda keine Ausnahme.

In der Talkshow, in der er einen Militärschlag gegen die Ukraine forderte, saßen auch Semjon Bagdasarow, Ex-Duma-Abgeordneter und Ex-Oberst.

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(Bagdasarow im russischen Fernsehen)

Live im TV wird die USA für Terroranschläge in Schweden und Russland verantwortlich gemacht

Trump sehe man doch schon an seiner “Physionomie” an, dass er nichts könne, außer Krieg führen, schimpfte der. Russland sei eine Großmacht, und die Frage sei, ob ein Krieg möglich ist: “Hat die Sowjetunion, die großartige, Angst vor einem Krieg mit den USA gehabt?” “Nein, keine Angst”, assistierte der Moderator.

Bagdasarow polterte weiter: “1952, Krieg in Nordkorea, haben wir 1200 US-Flugzeuge abgeschossen!... In Vietnam haben wir mehr als 3000 Amerikaner abgeschossen. So weit müssen wir nicht zurückgehen, 1981, 1982 Kampf um Libanon, mehr als 5000 amerikanische und israelische Flugzeuge.”

Maxim Schewtschenko, bekannter und allgegenwärtiger TV-Journalist, verbreitete in der Sendung eine besonders krude Verschwörungstheorie.

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(Der Journalist Maxim Schewtschenko)

Er behauptete, der Terroranschlag von Schweden sei die Rache dafür, dass die schwedische Organisation “Schwedische Ärzte für Menschenrechte” erklärt hatte, die Gasangriffe in Syrien seien eine Inszenierung der syrischen Hilfsorganisation “Weißhelme“.

Diese Verschwörungstheorie verbreitete später auch Moskaus Propagandakanal Russia Today und die Nachrichtenseite "Sputnik" unter Berufung auf obskure Quellen.

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(Das Nachrichtenportal "Sputnik" will eine Verschwörung enttarnt haben)

Poltern gegen den angeblichen “amerikanischen Faschiusmus”

Was die USA gemacht haben, sei ein “Akt des Staatsterrorismus”, behauptete auch Leonid Iwaschow, pensionierter Generaloberst, Präsident der Akademie für geopolitische Probleme und Dozent an der Moskauer Diplomaten-Kaderschmiede MGIMO in der Sendung.

Er sprach von “amerikanischem Faschismus”: “Es ist die politische Strategie der USA, eine weltweite Diktatur zu errichten”, so der Militär vor Millionen Zuschauern.

Weiter behauptete er die USA seien für die jüngsten Terroranschläge in Schweden und Russland verantwortlich: “Das was die USA machen, das machen sie in Stockholm und in Russland leider, und im Nahen Osten.“ Die ungeheuerlichen Vorwürfe blieben in der Sendung unwidersprochen.

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(Der Ex-Generaloberst Leonid Iwaschow)

Poltern gegen den angeblichen “amerikanischen Faschismus”

Obwohl auch in Deutschland drei bis vier Millionen Russischsprachige die Moskauer Sender empfangen können, ist die Kriegstreiberei und Hetze im russischen Fernsehen bei uns in der öffentlichen Debatte bisher kaum ein Thema.

Das massive, systematische Schüren von imperialen Gewaltphantasien, die Volksverhetzung, die Aufforderung zu Zivilisationsbrüchen und die Entmenschlichung von Oppositionellen vor einem Millionenpublikum in staatlichen gesteuerten Medien müsste endlich aus dem “toten Winkel” unserer Öffentlichkeit kommen – und viel breiter beleuchtet werden.

Es ist bedauerlich, dass die meisten sogenannten "Putin-Versteher" in Deutschland solche Hetzsendungen mangels Russisch-Kenntnissen nicht verstehen.

Wenn Putins Fürsprechern wie Altkanzler Gerhard Schröder, dem Ex-Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und viele anderen wirklich an guten Beziehungen zu Russland und den Menschen dort gelegen wäre, müssten sie diese Hetze offensiv thematisieren und sich dagegen aussprechen.

Das tun sie nicht.

Stattdessen hat man bei ihnen den Eindruck, dass sie zwar die Berichte über die Missstände in Russland empören – nicht aber diese Missstände selbst.

Wer sich so verhält, ist kein Freund der Menschen in Russland – sondern der russischen Führung, die die eigenen Menschen verhetzt und instrumentalisiert.

Mehr zum Thema: So versuchte die russische Propaganda, die Stimmung in Deutschland nach dem Syrien-Angriff zu vergiften

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