Wie ein SPD-Politiker gegen Hetze aus dem Kopp-Verlag kämpft - und dafür Hass erntet

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Der Kopp Verlag macht Angst zu Geld | own
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Der Kopp-Verlag, das ist für Verschwörungstheoretiker, Rechtsradikale und Esoteriker das, was Reclam für Studenten ist. Oder Klett für Schüler. Also: die erste Adresse.

Das Unternehmen des ehemaligen Polizisten Jochen Kopp rühmt sich, auf "unterdrückte Informationen, Entdeckungen und Erfindungen hinzuweisen". Und damit ist der Verlag extrem erfolgreich.

"Marktführer der Angstindustrie"

Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” nennt den Verlag den "Marktführer" einer profitablen "Angstindustrie" - pro Tag liefert Kopp bis zu 25.000 Bücher aus. Tendenz steigend. Und gerade wegen seines Erfolgs und seiner Breitenwirkung könnte man sagen: Kopp ist der gefährlichste Verlag Deutschlands.

Der Hetze des Verlags hat Hermann Steur den Kampf angesagt.

Steur sitzt für die SPD im Gemeinderat in Rottenburg, wo auch der Kopp-Verlag angesiedelt ist, und Steur war auch Ortsvorstand seiner Partei. Seit er vor knapp zwei Jahren offen gesagt hat, wo für ihn Seltsamkeiten enden, die in einem freien Land jeder nach Belieben verbreiten darf, und Hetze anfängt, die er als Politiker und als Mensch nicht mehr tolerieren will, hat er Ärger.

Es begann mit einem Beitrag des Autors Gerhard Wischnewski auf “Kopp Online”, der Nachrichtenseite des Verlags. Der Titel: "Invasion: Flüchtlingswelle ist der Verteidigungsfall".

Kopp-Autoren schreiben vom Niedergang Deutschlands

Wischnewski nannte den Flüchtlingszuzug eine "militärische Operation gegen Deutschland und Europa mithilfe der Migrationswaffe". Die USA bezahlten die Schlepper, nachdem sie "die einst sicheren Lebens-und Rückzugsräume der Menschen in Nordafrika zerstört" hätten. Und jetzt würden europäische Völker "demografisch abgemurkst". Politiker verhielten sich wie "ferngelenkte Zombies", die am Untergang des eigenen Staates arbeiteten.

Menschen als Waffe? Flucht als militärischer Angriff?

Das war Steur und seiner SPD zu viel.

"Solch unverhohlene Menschenverachtung hat mich und meine SPD-Kollegen im Ort mit Abscheu erfüllt", sagt Steur der Huffington Post. "Wir haben den Verleger Jochen Kopp in einem offenen Brief aufgefordert, dass er sich von diesem Text distanziert und solche Machwerke, die Hass schüren und als Rechtfertigung für Gewalt gegen Flüchtlinge verstanden werden kann, in Zukunft nicht mehr veröffentlicht."

Gebracht hat das bisher wenig.

Kopp will laut eigener Aussage seinen Lesern "die Augen öffnen". Und das tut er mit Büchern, in denen die Autoren gegen Ausländer, Politiker und Medien hetzen und die zur Selbstverteidigung im Straßenkampf aufrufen. Hinzu kommen Titel aus dem Bereich Esoterik und Ufologie.

Kopp betrieb bis vor kurzem auch eine eigene Nachrichtenseite, die im Netz mit rund vier Millionen Lesern pro Monat fast so viel Interessenten finden soll wie die renommierte Wirtschaftszeitung "Handelsblatt". Inzwischen veranstaltet Kopp auch einen Kongress.

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Die "Bestseller" des Kopp-Verlags

Kopp wehrt sich gegen Kritik

Im dem Brief an den Verleger Kopp schrieben Steur und seine Kollegen auch, dass die für Kopp typischen Behauptungen vielleicht sogar "im weitesten Sinne" von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt seien. Aber sie appellierten an Kopps moralische Verantwortung.

Kopp schrieb der SPD zurück, die Forderung erinnere ihn stark an die Diktaturen auf deutschem Boden. Also an die Zeit der Nazis und der DDR. An die Zeit, als der Staat bestimmte, welche Meinung man zu vertreten habe.

Und außerdem landete der SPD-Brief auf der rechten Nachrichtenseite "Pi-News".

"Dann ging's los", sagt Steur. "Ich bekam Hunderte E-Mails, Telefonanrufe, Briefe aus ganz Deutschland. Meine Familie und ich wurden bedroht und als Blockwarte, SPD-Pack und Verräter beschimpft." Und das waren die Passagen, die noch zitierfähig sind.

"Eine extreme Erfahrung"

"Es ist eine extreme Erfahrung gewesen", sagt Steur. "In der Intensität. In der Wortwahl. Und sie macht mich betroffen."

Und auch, wenn Jochen Kopp das in dieser Form nicht beabsichtigt haben wird: Der Vorfall ist geeignet, "die Augen zu öffnen": Die Hass-Brief-Schreiber, die Mail-Pöbler und Anruf-Schimpfer haben den besten Beleg dafür geliefert, dass Steur und seine SPD etwas sehr Richtiges getan haben.


(Die Satiresendung "Extra 3" auf Besuch beim Kopp-Kongress)

Wenn schon ein entschieden formulierter Brief, eine einzige Reaktion auf sehr viele hetzerische Texte solche Aggression entfesselt – dann mag man sich nicht ausmalen, was die fortgesetzte Hetze aus dem Hause Kopp bei den Fans bewirkt.

Steur sagt, es hätten sich nur wenige Menschen bei ihm gemeldet, die differenzierter über die Sache Bescheid wissen wollten. Denn wer einfach nur behauptet, Steur kämpfe gegen Kopp und Pressefreiheit, der irrt.

Steur: "Ich bereue die Entscheidung nicht"

"Ich habe als Gemeinderat 2001 dafür gestimmt, dass Kopp ein großes Grundstück von der Gemeinde kaufen konnte, um dort seine Bücher zu produzieren", sagt Steur.

Sie hätten viel debattiert damals. Er sei der Meinung gewesen, dass es der Gemeinde nicht zustehe, pauschal einen Verleger abzulehnen, nur weil man dessen Meinung nicht teile.

"Zu dieser Entscheidung stehe ich auch heute. Ich bereue sie nicht."

Seit die Bücher bei Kopp mit Beginn der Flüchtlingskrise immer rechter und verschwörungstheoretischer wurden, ist der Verlag auch bei vielen anderen Rottenburgern diskreditiert. Vorher, so ist es in der Lokalpresse zu lesen, habe die Stadt wenig Probleme mit den Verschwörungstheoretikern vom Stadtrand gehabt.

Kopp unterstützte den lokalen Volleyballclub

Kopp weiß, wie er die Rottenburger auf seine Seite zieht.

Bis vor Kurzem war Kopp Hauptsponsor des örtlichen Volleyballvereins, der in der Bundesliga spielt. Wohl angesichts der Kritik stieg er aus. Kürzlich wurde bekannt, dass die Stadt mit 35.000 Euro in die Bresche springt um das fehlende Geld von Kopp auszugleichen.

Vor Weihnachten gab es in der Stadt Aufruhr, weil der Lions Club für einen guten Zweck Adventskalender verkaufte. Allerdings war der Kopp-Verlag Hauptsponsor der Preise, die sich hinter den Türchen befanden: Büchergutscheine, die man in seinem Webshop einlösen konnte.

Auch der Verfassungsschutz interessiert sich für Kopp

Die Mitglieder des Lions Club erwägen, auf den Spender künftig zu verzichten.

Kritik an Kopp, das wird nach den Vorfällen in Rottenburg klar, kostet: die Stadt Geld und Steur Nerven.

Deswegen den Mund halten will Steur aber nicht. Er will weiter gegen Hetze aus dem Hause Kopp kämpfen.

Man darf davon ausgehen, dass Steur nicht alleine ist. Der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg beobachtet laut Auskunft von 2015 den Verlag zwar nicht, hält ihn aber für suspekt genug, seine Publikationen regelmäßig zu prüfen.

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(br)

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