Der Schulz-Effekt verliert an Wirkung - wie die SPD jetzt reagieren muss

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Der Schulz-Effekt verliert an Wirkung - was die SPD nun dringend nötig hat | NurPhoto via Getty Images
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  • Dank des Schulz-Effekts hat die SPD eine beachtliche Aufholjagd hingelegt
  • Viel spricht aber jetzt dafür, dass sich der Effekt erschöpft hat
  • Schulz braucht jetzt vor allem eines: ein Programm

Nach einer rasanten Aufholjagd hat sich der Schulz-Effekt offenbar erschöpft. In fast allen Umfragen liegt die SPD hinter der CDU und pendelt sich bei rund 30 Prozent ein.

Im aktuellen "Stern"-Wahltrend ist der Abstand zur CDU sogar gewaltig angewachsen - demnach würden sich 36 Prozent der Wähler für die Union entscheiden nur nur 31 Prozent für die SPD.

Nun könnte man sagen, dass 31 Prozent für die Sozialdemokraten immer noch ein grandioses Ergebnis für die Bundestagswahl wären.

Noch vor wenigen Monaten fürchtete man in der Partei, unter die 20-Prozent-Grenze zu fallen. Außerdem täuschen die Umfragen darüber hinweg, dass es beim Wahlkampf der Union gerade drunter und drüber geht.

Schulz will den Machtwechsel, dafür muss er stärkste Kraft werden

Gemessen an dem, was sich Schulz vorgenommen hat, reicht das aber nicht. Er will den Machtwechsel. Und dafür muss er stärkste Kraft werden.

Hinzu kommt, dass eine Ampel nicht nur rein rechnerisch schwierig ist. So wird es am Ende wieder nur eine Große Koalition unter Merkel oder gar eine Regierung ohne SPD-Beteiligung geben, nämlich ein Jamaika-Bündnis.

Wenn die SPD ihr volles Wählerpotential bis zur Bundestagswahl ausschöpfen möchte, braucht sie einen Schulz-Effekt 2.0. Ihr Spitzenkandidat hat es alleine mit starken Reden und Interviews geschafft, die Partei dahin zu bringen, wo sie gerade ist. Das reicht aber nicht mehr.

Die Schulz-Show funktionierte solange, wie die Schulz-Show auch die Schlagzeilen bestimmte

Schulz wird derzeit zum Nachteil, was ihm lange als Vorteil angerechnet wurde. Während Merkel an ihr Amt gekettet kaum Zeit für Wahlkampf hatte, konnte sich Schulz mit starken Reden und Interviews in die erste Reihe der tagespolitischen Agenda katapultieren.

Dass er sich in seinen Aussagen (mehr Gerechtigkeit, mehr Respekt) immer wiederholte, fiel kaum ins Gewicht.

Selbst seine Bewerbungsrede auf dem Parteitag in Berlin bestand weitestgehend aus Versatzstücken älterer Reden. Die Sozialdemokraten störte das nicht - sie machten Schulz mit 100 Prozent zu ihrem Parteichef. Eine Sensation.

Die Schulz-Show funktionierte solange, wie die Schulz-Show auch die Schlagzeilen bestimmte. Es war ein sich selbst verstärkender Mechanismus.

Das änderte sich zuerst mit der Saarlandwahl, bei der die CDU mit einem unerwartet starken Ergebnis den Sozialdemokraten in die Parade fuhr. Die Enttäuschung im Saarland ließ erste Zweifel am Schulz-Effekt aufkommen.

Während Merkel Weltpolitik macht, tourt Schulz durch NRW

Gänzlich ins Abseits gerät Schulz jetzt in der Türkei- wie auch der Syrienkrise. Während er in NRW von Wahlkampfauftritt zu Wahlkampfauftritt hetzt, macht die Kanzlerin Weltpolitik.

Schulz fehlt es derzeit inhaltlich an Gewicht, mit dem er in dieser Lage Akzente setzen könnte.

Besonders fiel das beim GroKo-Gipfel auf, bei dem Schulz zwar dabei war, sich aber bei fast allen Verhandlungen zurückhielt. Die führten SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Außenminister Sigmar Gabriel. Schulz soll sich laut Teilnehmern auf seine üblichen Wahlkampfslogans beschränkt haben.

Nun kann man Schulz nicht vorwerfen, dass er noch kein Programm hat. Dass er noch keine bis ins Detail ausgearbeitete Position zu so komplizierten Fragen wie Familien-, Gesundheits-, Renten- und Arbeitsmarktpolitik bis hin zum Syrien-Konflikt hat, ist nur selbstverständlich - bei der Union ist das nicht anders.

Die Gefahr ist groß, dass der Schulz-Effekt bis zu den Landtagswahlen komplett verpufft

Doch das führt bei Schulz dazu, dass er aktuell programmatisch kaum nachlegen kann. Und bis die SPD sich im Frühsommer ein Programm gibt, könnte der Schulz-Effekt komplett verpufft sein.

Der Test, ob das wirklich so ist, sind die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Die Wahlen gelten als kleine Bundestagswahlen und damit als weiterer Test für Schulz nach der Saarlandwahl.

Wie viel wichtiger den Deutschen das Programm und nicht die Show bei der Wahlentscheidung ist, zeigte kürzlich eine YouGov-Umfrage der HuffPost.

Das Programm ist Wählern wichtiger als die Person

Auf die Frage: "Was ist Ihnen bei der Wahlentscheidung für die verschiedenen Parteien grundsätzlich wichtiger?" antworteten nur 14 Prozent, dass "vor allem" oder "eher" der Spitzenkandidat den Ausschlag gebe.

44 Prozent hingegen gaben an, dass es ihnen auf das Wahlprogramm ankomme. Das weiß auch Schulz.

Bis die SPD Ende Juni ihr Wahlprogramm präsentiert wird der SPD-Kanzlerkandidat etwas überlegen müssen - die vergangenen tage haben gezeigt: Sehr weit ist Schulz damit noch nicht gekommen.

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(ben)

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