Hebamme zeigt mit Facebook-Post einen gefährlichen Missstand in deutschen Krankenhäusern

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Dieser Facebook-Post einer Hebamme zeigt einen gefährlichen Missstand in deutschen Krankenhäusern | iStock
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Die Hebamme Christine Niermann warnt Paare auf ihrer Facebook-Seite davor, vor Ostern ein Kind zu zeugen. Was zunächst absurd klingt, hat einen ernsten Hintergrund: den besorgniserregenden Hebammen-Mangel in deutschen Krankenhäusern.

Brächten Frauen ihr Kind in der Weihnachtszeit zur Welt, sei keine Versorgung durch eine Hebamme gewährleistet, warnt Niermann.

"Wenn Sie in den kommenden sechs Wochen ein Kind zeugen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dieses Kind im Dezember oder Januar zur Welt kommt", schreibt sie. Die Advents- und Weihnachtszeit wie auch Silvester seien personalmäßig noch schlechter besetzt als der Rest des Jahres.

"Viele freiberufliche Hebammen nehmen weniger Frauen, damit sie etwas Zeit für die eigene Familie haben und in Kliniken gibt es über die Feiertage nur Notbesetzung im Kreißsaal."

Deshalb, so der eindringliche Rat der Hebamme aus Duisburg: "Zeugen Sie Ihr Kind besser erst NACH Ostern. Für eine sichere Schwangerschaft und Geburt und ein gut betreutes Wochenbett.“

Der Hebammen-Mangel ist ein unterschätztes Problem

Damit spricht Niermann eine schon oft diskutierte und dennoch stark unterschätzte Problematik an. Denn der Hebammen-Mangel in Deutschland nimmt immer dramatischere Ausmaße an.

Der Hauptgrund: Viele Hebammen können sich die steigende Haftpflichtversicherung nicht mehr leisten. Für freie Hebammen ist die Summe in den vergangenen Jahren von 404 Euro im Jahr 2000 auf aktuell 6247 Euro gestiegen, wie die "Berliner Zeitung" berichtet.

Deshalb geben viele Hebammen gezwungenermaßen ihren Job auf - und Kreißsäle müssen schließen. Damit verlieren werdende Mütter die für sie so wichtigen Geburtshelferinnen.

Schwangere haben eigentlich schon genug andere Sorgen, müssen nun aber auch noch Angst haben, keine Hebamme mehr zu bekommen.

Die Regeln sollen sogar noch verschärft werden

Gerade in ländlichen Regionen sei es derzeit beinahe unmöglich, eine Hebamme zu finden, die noch einen freien Platz im Terminkalender hat, warnt der Deutsche Hebammen Verband.

Nun will der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) die Regeln für die Bezahlung der Hebammen sogar noch weiter verschärfen.

Unter anderem ist vorgesehen, dass Hebammen im Schichtdienst in einer Klinik nur noch die Betreuung von zwei Frauen gleichzeitig abrechnen dürfen.

Bei einer Belegung mit zwei Hebammen pro Klinik müsste dann also die fünfte und jede weitere Frau abgewiesen werden - etwas, das dem Beruf komplett widerspreche, wie Hebamme Simone Adlhoch der "Mittelbayerischen Zeitung" sagte. "Die Frauen wegschicken - das könnte niemand von uns. Wir haben eine moralische Verpflichtung."

Über die Umsetzung der Reform entscheidet am 19. Mai eine Schiedsstelle.

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"Ohne Versicherer wird es tatsächlich keine Hebammen mehr geben"

Annette Fußeder, Hebamme und Leiterin der Elternschule Freising in Bayern, sieht hinter den Maßnahmen klares Kalkül. "Vermutlich geht es darum, die großen geburtshilflichen Zentren zu stärken und die Geburtshilfe in den kleinen Häusern oder gar im häuslichen Umfeld verschwinden zu lassen", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung". "Berechenbare, planbare Geburtshilfe ist das Ziel."

Sie erlebe viele junge Kolleginnen zunehmend frustriert "angesichts der immer neuen Prügel, die uns zwischen die Beine geworfen werden", sagte Fußeder. "Und es bereitet uns große Sorgen, dass es immer schwieriger wird, einen Versicherer zu finden. Ohne Versicherer aber wird es tatsächlich keine Hebammen mehr geben."

Der Deutsche Hebammen-Verband hat nun die Initiative "Rettet die Beleghebammen" gestartet. Das Ziel des Verbands ist es, dass die Hebammen endlich bessere Arbeitsbedingungen und bezahlbare Versicherungsbeiträge erhalten. Damit keine Frau ihr Kind ohne eine Hebamme zur Welt bringen muss.

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(lk)