"Hart aber fair": "Bild"-Chef geht im Syrien-Talk auf Ex-Nato-Mann los - bis Plasberg dazwischen geht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JULIAN REICHELT
"Bild"-Chef geht beim Syrien-Talk auf Ex-Nato-Mann los | ARD Mediathek
Drucken
  • In der ARD-Talkshow "Hart aber Fair" gerät "Bild"-Chef Reichelt mit Ex-Nato-Offizier Scholz aneinander
  • Reichelt wirft ihm vor, Propaganda zu betreiben

Kriege werden heute auch durch Bilder entschieden. TV-Beiträge und Fotos können zu Militärschlägen führen - zu echten Bomben, echten Kugeln und echten Toten.

"Giftgas gegen syrische Kinder - werden wir schuldig durch Wegschauen?", war der Titel der Sendung von Frank Plasbergs Sendung "Hart aber fair" in der ARD am Montagabend. Im Mittelpunkt stand "Bild"-Chef Julian Reichelt, der mehrere Jahre in Syrien als Kriegsreporter gearbeitet hat.

Er setzte sich engagiert für ein militärisches Eingreifen des Westens in Syrien ein. Das soll er auch - als Journalist darf man eine eigene Meinung haben. Aber sein Auftritt in der Sendung wirft auch die Frage auf, wo Journalismus aufhört und wo Agitation beginnt.

Es ist ein Unterschied, ob man sich eine Haltung leistet oder Meinungen als Tatsachen darstellt. Und diese Grenze scheint Reichelt längst überschritten zu haben.

Wer Reichelt widerspricht, macht "Propaganda"

Wer ihm widerspricht, wird von ihm als "infam" oder "dumm" bezeichnet und "sollte sich schämen". Oder ihm wird von Reichelt vorgeworfen, "Propaganda" zu betreiben, entweder für Russland oder für das Assad-Regime. Schon in einer anderen TV-Sendung unterstellte er dem SPD-Mann Thomas Platzeck, von Russland bezahlt zu werden.

Die Mehrheit der Deutschen hat Reichelt nicht auf seiner Seite. In einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap für die ARD-Sendung "Hart aber Fair" gaben nur 29 Prozent der Befragten an, dass sie das Vorgehen der USA gegen die Regierung von Baschar al-Assad befürworten. 56 Prozent lehnten das militärische Eingreifen der USA ab.

Reichelt ficht das nicht an. Man soll "nicht auf die Mehrheit hören, wenn es darum geht, das Richtige zu tun", sagt Reichelt. Er fordert ein militärisches Eingreifen des Westens im Syrien-Konflikt - unter Beteiligung der Bundeswehr.

Die Geschichte eines Flüchtlings könnte euch auch interessieren - er sagt: "Ich habe eine Giftgasattacke in Syrien überlebt"

Wurde Sarin zu Tötung von Juden entwickelt?

Der "Bild"-Chef beansprucht gleich zu Beginn die moralische Überlegenheit für sich. Die Deutschen "vergessen, dass Sarin als Alternative zu Zyklon B entwickelt wurde, und nur deshalb nicht eingesetzt wurde, weil es besser auf dem offenen Feld funktioniert, als in geschlossenen Räumen", sagt er. Er vermittelt den Eindruck, dass das Nervengas von den Nazis zur Judenvernichtung entwickelt wurde.

Doch das stimmt nicht. Richtig ist, dass Sarin, genau wie das in den Gaskammern verwendet Zyklon B, von IG Farben ursprünglich als Pestizid entwickelt wurde. Allerdings bereits 1938, lange bevor die Nazis angefangen haben, eine industrielle Massenvernichtung der Juden zu beginnen.

"Jemanden aufs Maul hauen, weil man sonst keine Idee hat"

Dass weiterhin nicht vollständig geklärt ist, wer für den Giftgasangriff auf Khan Scheikhun verantwortlich ist, ignoriert Reichelt. Er scheint die Branche gewechselt zu haben.

Er macht nicht mehr Journalismus, sondern Politik. Und das bekam gleich Oberstleutnant a.D. Ulrich Scholz, Ex-Planungsstabsoffizier der Nato zu spüren, der sich entschieden gegen ein militärisches Eingreifen in Syrien aussprach.

Scholz nennt den Angriff von Trump ein Vorgehen nach "Straßenjungen-Manier". "Jemanden aufs Maul hauen, weil man sonst keine Idee hat", sagt er.

Der Ex-Bomberpilot erinnert daran, das bei so gut wie jedem Angriff auch Unschuldige sterben. "Wir, der Westen, bomben da auch", sagt er. "Wir bringen dort auch Kinder um, und zwar wissentlich", sagt er. "Jedes Ziel, was dort freigegeben wird, wird durch Rechtsberater freigeben. Und wenn gefragt wird, wie viele tote Zivilisten, dann wird ein Limit gesetzt."

Als Beispiel nennte er einen amerikanischen Luftangriff aus dem Jahr 1998. Damals habe Bill Clinton Afghanistan mit Cruise Missiles bombardiert - er wolle nicht wissen, wie viele Zivilisten dabei umgekommen sind.

Reichelt versuchte sich als Chefaufklärer - hat aber selbst die Fakten nicht parat. "Wie viele falsche Fakten da drin sind, Bill Clinton hat 1998 nicht Afghanistan, sondern den Sudan angegriffen", greift er Scholz an.

Am 20. August 1998 feuerten US-amerikanische U-Boote und Kriegsschiffe als Vergeltung für Bombenanschläge auf US-Botschaften in Tansania und Kenia Cruise Missiles auf Al-Kaida-Lager in Afghanistan und eine Fabrik im Sudan ab - ein Fakt, der von Plasberg erst gegen Ende der Sendung aufgeklärt wird.

"Dafür sollten Sie sich schämen"

Scholz hebt den Zeigefinger, offenbar um dies aufzuklären - wird aber von Plasberg abgewürgt. Der Ex-Pilot, der bis hierhin die Sympathien des Publikums auf seiner Seite hatte, begeht an diese Stelle einen taktischen Fehler: Er driftet in Verschwörungstheorie ab.

Zu der Sarin-Gaswolke sei es gekommen, nachdem eine Suchoi Su-22 des syrischen Regimes ein Giftgaslager der Rebellen angegriffen habe. "Das ist eine Information von einem CIA-Mann, den ich über einen Kontaktmann kenne…" Zufällig ist das die Darstellungsweise der russischen Regierung. Und sie nicht stimmt, zeigt die Redaktion ziemlich überzeugend in einem Einspieler.

Eine Steilvorlage für den "Bild"-Chef. Der schäumt vor Wut. Es sei "infam", solche Dinge zu erzählen. "Dafür sollten Sie sich schämen", wirft er Scholz entgegen.

Reichelt sieht sich offenbar selbst schon am roten Knopf, der die Raketensilos öffnet. "Natürlich ist es möglich, präzise zu bombardieren", sagt er. Er behauptet sogar, dass der US-Präsident das Flugfeld bombardiert hätte, "ohne jemandem weh zu tun". Das sehen die Familien der getöteten syrischen Soldaten wahrscheinlich anders.

"Herr Reichelt, Reichelt... Das reicht jetzt!"

Im Studio setzt Reichelt allerdings mehr auf ein moralisches Flächenbombardement als auf einen Präzisionsschlag. Im besten Fall seien Scholz' Behauptungen Verschwörungstheorie, im schlimmsten Fall Propaganda, ruft er. "Entweder ist es uninformiert und dumm, oder es ist gelogen."

Später geraten die beiden wieder aneinander. Es geht um die Frage, inwieweit die Anti-IS-Koalition bei ihren Luftangriffen den Tod von Zivilisten bei Einsätzen einplant. Scholz, der ähnliche Einsätze der Luftwaffe auf dem Balkan koordiniert hat, behauptet, dass bei der Einsatzplanung Juristen anwesend seien. "Statt eines Gewissens haben wir Juristen", sagt er.

"Das ist zynisch, das ist faktisch falsch", kommentiert Reichelt Scholz' Darstellung, dass bei Militärschlägen zivile Opfer auf recht sachliche Weise mit eingeplant werden. Moderator Frank Plasberg muss an dieser Stelle zwischen die beiden gehen. Er wirkt hilflos: "Herr Reichelt, Reichelt... Das reicht jetzt!"

Doch sein letztes Wort hatte Reichelt da noch nicht gesprochen. Für sein Eingreifen kriegt der ZDF-Moderator an diesem Morgen noch einen Präzisionsschlag verpasst. "Plasberg lässt sich Russen-Propaganda gefallen", schreibt "Bild.de" über die Sendung.

Auch auf HuffPost:

Diese 9 Dinge kann jeder Deutsche tun, um Donald Trump zu stoppen

(ll)

Korrektur anregen