LIFESTYLE
10/04/2017 15:54 CEST | Aktualisiert 10/04/2017 16:21 CEST

Familienplanung: Diese Studie zeigt einen überraschenden gesellschaftlichen Wandel in Europa

iStock

Vor zwei Jahren löste eine Studie der BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft allgemeines Entsetzen aus: Deutschland, so zeigte die Erhebung in Zusammenarbeit mit dem Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, ist hinsichtlich seiner Geburtenrate weltweites Schlusslicht.

Die Schuld dafür wird gerne bei Akademikerinnen gesucht: Frauen mit einem hohen Bildungsgrad, so berichtete das statistische Bundesamt in einem Report zu "Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland", bekämen weniger Kinder als Frauen mit geringer Bildung. Eine österreichische Studie widerlegt nun diese Theorie - und zeigt, dass sich in Europa ein durchaus überraschender gesellschaftlicher Wandel vollzieht.

Die aktuelle Geburtenrate in Deutschland liegt bei 1,47 Kindern pro Frau

Spätestens ab Ende 20, Anfang 30 gibt es tatsächlich auch bei den angeblich so gebärfaulen Akademikerinnen oft kaum noch ein anderes Thema als Familienplanung. "Also wir wollen mindestens zwei Kinder", erzählt dann die Freundin mit dem VWL-Master mit leuchtenden Augen. Die Betonung liegt auf "mindestens".

Diese Beobachtung passt weder zu der durchschnittlichen Geburtenrate von aktuell 1,47 Kindern pro Frau noch zu dem von Wissenschaftlern und Medien vermittelten Bild der kinderunwilligen Karrierefrau.

Frauen aus einem höheren Bildungsmilieu, so die bisherige Annahme, bekommen weniger Kinder als Frauen mit einer schlechteren Ausbildung. Einer Studie von Wissenschaftlern des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zufolge liegt der Grund hierfür darin, dass die Akademikerinnen Einschnitte in ihrer Karriere befürchten, sollten sie Kinder bekommen. Aus diesem Grund entschieden sich schließlich viele Frauen gegen eine Familie, so die Autoren der Erhebung.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Frauen mit gebildeten Müttern bekommen selbst mehr Kinder

Dieser weit verbreiteten Theorie widersprechen nun österreichische Forscher. Die Wissenschaftler des Vienna Demographic Institute führten eine großangelegte Studie mit mehr als 12.000 Frauen aus vier Ländern in Europa durch.

Österreich, Italien, Bulgarien oder Norwegen: Obwohl diese Länder sehr unterschiedliche Rollenbilder, Geburtenraten und Wohlfahrtsstaatsmodelle haben, blieb eines doch gleich: Die Geburtenrate lag bei Frauen mit höherem Abschluss deutlich über dem Durchschnitt des jeweiligen Herkunftslandes. Akademikerinnen bekommen also keineswegs weniger Kinder als Frauen mit geringerer Bildung.

Je gebildeter die Oma, desto eher bekommt sie mehrere Enkel

Interessant ist außerdem: Frauen mit mehr Kindern hatten zumeist selbst eine Akademiker-Mutter. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Mütter für ihre Töchter als Vorbild dienen.

War der Bildungsgrad der Oma höher, war es wahrscheinlicher, dass die Tochter mehr als ein Kind hatte oder bereits plante. Das bedeutet: Wenn die Mutter es geschafft hat, Kinder und Karriere zu vereinbaren, so traut auch die Tochter sich das eher zu.

Als weiteren Grund nennen die Forscher finanzielle Sicherheit, die gut ausgebildete Großmütter mit einem zumeist besseren Einkommen ihren Töchtern bei Familienzuwachs bieten können. Die Ergebnisse der Studie sind jedoch nicht nur wegen dieser Erkenntnisse neu.

Das Bild der Mutter hat sich enorm verändert

Denn auch wenn die Forscher selbst nicht darauf hinweisen, so ist ihre Studie doch ein Spiegel der sich wandelnden Gesellschaft.

Das Bild der Frau, und damit auch der Blick auf die Mutterrolle, hat sich enorm verändert. Unsere Mütter blieben zumeist für eine noch relativ lange Zeitspanne zu Hause, ehe sie wieder arbeiten gingen. Auch, weil der gesellschaftliche Konsens besagte, dass Kinder ihre Mutter zu Hause brauchen.

Zumindest solange die Kinder klein waren, galt oft: Kind oder Karriere. Doch war es früher stigmatisiert, seine Kinder “alleine” zu lassen und arbeiten zu gehen, so ist es mittlerweile schon anders: Frauen werden, zumindest in der Theorie, zunehmend dazu angespornt, weder auf Kinder noch auf Karriere zu verzichten.

Akademikerinnen wollen Karriere und Kind

Eine Frau, die Kinder hat und trotzdem Vollzeit arbeitet, bekommt in den meisten Fällen inzwischen Anerkennung. Die Gleichberechtigung hat hier einen großen Schritt in die richtige Richtung getan, denn junge Frauen definieren sich nicht mehr ausschließlich durch ihre Mutterrolle. Zugleich betrachten aber Akademikerinnen ihre Karriere auch zunehmend weniger als einen Hinderungsgrund für Familienglück.

Mehr zum Thema: Aktueller Baby-Boom in Deutschland: Ein Demograf erklärt, was dahinter steckt

Junge gebildete Frauen wollen nun gleichermaßen das, was für junge Männer schon lange als selbstverständlich gilt: Selbstverwirklichung im Beruf und trotzdem Familienglück. Obwohl der Wandel langsam vorangeht, so öffnet sich die Gesellschaft dahingehend stetig.

Die Gesellschaft muss sich ihrer Verantwortung stellen

Auch wenn die Forscher der österreichischen Studie lediglich die Vorbildfunktion gebildeter Mütter heranziehen, um so die höhere Geburtenrate bei deren Töchtern zu erklären, so steckt doch mehr dahinter.

Unsere Mütter haben teilweise noch sehr hart kämpfen müssen, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Auch für die jungen Mütter von heute ist es nach wie vor nicht einfach, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Dennoch kämpfen die Frauen hartnäckig für ihre Ziele und sind damit ein Vorbild für ihre Kinder.

Und doch ist es nicht die alleinige Aufgabe der Mütter, für Gleichberechtigung einzutreten und Frauen den Weg zu ebnen. Es liegt in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft, dass Frauen sich nicht zwischen Kind und beruflichem Erfolg entscheiden müssen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(lk)

Sponsored by Trentino