Marktschreier des Krieges: Die US-Medien verherrlichen Trumps Militärschlag - und wiederholen ihre Fehler aus dem Irak-Krieg

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WILLIAMS
MSNBC-Moderator Brian Williams fand Trumps Raketenangriffe besonders "schön" | Twitter
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  • Viele US-Medien loben Donald Trump dieser Tage für seinen Einsatz in Syrien
  • Unreflektiert sollte man in den Kanon der Kriegsbefürworter aber nicht einsteigen
  • Die USA sollten die Fehler des Irak-Krieges vermeiden

Gewalt gehört zum Mythos des US-amerikanischen Weltanspruchs. Die Feuertaufe aller US-Präsidenten ist deshalb der Krieg - und Donald Trump hat seinen Krieg gefunden, in Syrien.

Bisher hat die US-Regierung keinerlei militärische Strategie vorgelegt, nach der mit Assad und Syrien zu verfahren sei. Der Raketenangriff in Folge des Giftgasangriffs von Khan Scheichun war ein Vergeltungsschlag, ausgeführt ohne Einverständnis des US-Kongresses, ohne Einbeziehung der UN.

Trump befahl ihn aus der rohen Emotion heraus. Die US-Medien feiern ihn dafür. Die Marktschreier des Krieges haben wieder Blut geleckt - und alle Lektionen aus den Kriegen in Afghanistan und dem Irak vergessen.

”Ich werde geleitet von der Schönheit unserer Waffen”

So verkündete Fareed Zakaria, Kolumnist bei der “Washington Post”, am morgen nach Trumps Vergeltungsschlag voller Pathos auf CNN: “Ich glaube, Donald Trump ist letzte Nacht Präsident der Vereinigten Staaten geworden.”

“Wall Street Journal”-Journalist Bret Stephens kommentierte den Raketenschlag auf Twitter mit ähnlichem Bravado: “Präsident Trump hat das richtige getan und ich salutiere vor ihm dafür. Jetzt zerstört das Assad-Regime ein für alle mal.”

Der MSNBC-Moderator Brian Williams kriegte sich ob der Bilder der den Nachthimmel erleuchtenden Raketenfeuer gar nicht mehr ein. Immer wieder nannte er die zum Morden ausgesandten Flugkörper “schön” und pervertierte sogar einen Vers des Sängers Leonard Cohen: “Ich werde geleitet von der Schönheit unserer Waffen.”

Selbst Trumps größter Kontrahent, die “New York Times”, stimmte in die Lobeshymnen auf den US-Präsidenten ein. “Trump hatte recht darin, Syrien anzugreifen”, schreibt etwa der zweifache Pulitzer-Gewinner Nicholas Kristof.

“Bei der Syrien-Attacke hat sich Trumps Herz durchgesetzt”, las sich zudem eine Überschrift der Zeitung - bis sie zu alter Schärfe abgewandelt wurde: “Indem er instinktiv handelte, hat Trump seine Außenpolitik umgestülpt”.

Die Medienlieblinge Gewalt und Krieg

Der Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald kommentierte die medialen Lobhudeleien für Trumps militärisches Vorgehen süffisant: “Die sofortige Verwandlung von Trump in einen seriösen und respektierten Kriegsherren war geradezu spürbar.”

In Kriegszeiten, so argumentierte Greenwald, würden die US-Medien augenblicklich zu Staatsmedien. Die daraus resultierende Unterstützung für den Raketenangriff auf das Assad-Regime folge der toxischen Logik: “Mach irgendetwas, dann wirst du stark aussehen.”

Margaret Sullivan, die Medienkolumnistin der “Washington Post”, zeigte sich entgeistert von der Gewaltverherrlichung, die von ihren Kollegen Besitz ergriffen hatte. “Nach den Raketenangriffen floß das Lob wie Champagner”, stellte sie fest. Und stellte sich die Frage: “Warum lieben die Medien die Zurschaustellung von militärischer Macht?”

Einen ersten Einblick in die Antwort auf diese Frage verschafft der Kommentar des von Sullivan zitierten Podcasters und Journalisten Sam Sacks: “Trump bekommt diese Nacht die beste Presse seit jeher. Und alles, was er dafür tun musste, war einen Krieg anzufangen.”

So argumentiert in Sullivans Artikel auch Ken Paulson, der Vorsitzende des First Amendment Center des Newseum Institute, das sich für Pressefreiheit einsetzt. “Öffentliche Zustimmung ist durch nichts schneller gewonnen, als durch militärische Aktionen”, sagt Paulson.

Clara Jeffery, Chefredakteurin des linksliberalen Magazins “Mother Jones”, glaubt derweil: “Militärisches Handeln wird als nicht parteiisch betrachtet, Opposition und Skepsis hingegen als parteiisch. Medien, die Angst haben parteiisch zu sein, können in die Falle geraten, keinen Kontext mehr herzustellen.”

Im Fall von Trumps Angriff auf Syrien sei dieser Kontext etwa sein Verbot der Aufnahme syrischer Flüchtlinge.

Was schert sie ihr Geschwätz von gestern?

Tatsächlich wurde über die in den US-Medien kaum gesprochen.

Doch es ist vor allem ein Umstand, der das gewaltverherrlichende Auftreten der US-Medien besonders betrüblich macht: Es entspricht genau dem falschen Muster, nach dem sie schon vor und während der Kriege in Afghanistan und dem Irak agierten.

Im Schatten der einstürzenden Twin Tower ließen die meisten Medien in den USA - ob nun CNN, Fox News, die “Washington Post” oder die “New York Times” - jegliches Hinterfragen des Krieges gegen den Terror vermissen.

Ein verletzter Patriotenstolz ersetzte das kritische Denken vieler Journalisten. Das ging so weit, dass sich die “New York Times” später genötigt sah, sich bei ihren Lesern für die unzureichende und leichtgläubige Berichterstattung über den Irak-Krieg zu entschuldigen.

Beteiligt am Kanon des Krieges

Jetzt steht den USA wieder ein bewaffneter Konflikt ins Haus - eigentlich sind sie schon längst in ihn hineingezogen worden, wie der Politikwissenschaftler Ian Bremmer mit einem Hinweis auf die vielen Bombenangriffe der US-Armee in Syrien treffend feststellte.

Und wieder beteiligen die Medien sich am allumfänglichen Kanon des Krieges, statt diesen kritisch auf Misstöne zu untersuchen.

Ein gefährlicher Irrweg, wie ihn Stephen Walt, Harvard Professor für Internationale Beziehung, im Magazin “Forein Policy” beschreibt: “Syria bleibt eine Tragödie, weil es keine guten Optionen gibt.”

Für Journalisten bedeutet das: Die professionelle Skepsis sollte gerade im Angesicht eines Krieges immer überwiegen. Gerade dann, wenn ein emotionaler und unberechenbarer Präsident wie Donald Trump im Sinn hat, diesen Krieg zu führen.

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(lp)

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