Wie Putin Demonstranten bezahlt, um Terroropfer zu betrauern

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PUTIN TERROR
Wie Putin Demonstranten bezahlt, um Terroropfer zu betrauern | Kommersant Photo via Getty Images
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  • Der Kreml hat offenbar eine Anti-Terror-Kundgebung nach dem Anschlag in St. Petersburg inszeniert
  • Kritiker halten die Aktion für eine Reaktion auf die Anti-Putin Demos
  • Ex-Abgeordneter sagt: "Nicht mal Anschein von Anstand gewahrt"

Auf den ersten Blick wirkt alles rührend. Mehr als 50.000 Menschen kommen am Donnerstag zu einer Anti-Terror-Kundgebung mitsamt Konzert allein in Moskau – und Abertausende in anderen russischen Städten. Das Motto: "Petersburg, wir sind mit dir!"

Sie alle sind ins Zentrum der Hauptstadt gepilgert, weil sie trauern wollen um die Opfer der Bombenexplosion in der Petersburger Moskau am Montag. So die offizielle Version.

Bei genauerem Hinsehen stellte sich aber heraus, dass viele offensichtlich für Bezahlung oder auf Anweisung von oben zu der Aktion gekommen sind. Das ist nicht nur die Beobachtung von vielen russischen Bloggern – sondern auch des Wirtschafts-Nachrichtendienstes RBK.

Russische Zeitung titelt "Statisten gegen den Terror"

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Menschen auf einer Kundgebung in Moskau zum Anschlag in St. Petersburg. Quelle: Reuters

RBK-Korrespondenten berichten, die Mehrzahl der Teilnehmer, mit denen sie sprachen, wollten nicht auf die Frage antworten, warum sie zu der Veranstaltung gekommen seien und wie sie von ihr erfahren hätten. Die Leute hätten sich abgewandt, sobald sie gefragt worden seien. Einige wenige antworteten – und berichteten etwa, dass ihre Chefs in der Firma sie aufgefordert hätten, teilzunehmen, und dafür die Arbeitszeit verkürzten, so RBK.

Schanna Golubizkaja, Korrespondentin der Zeitung "Moskowskij Komsomolez", berichtet unter der Überschrift "Statisten gegen den Terror" ausführlich, wie die Organisation ablief.

In Walraff-Manier hat sie sich selbst auf eine Anzeige gemeldet, in der 400 Rubel für die Teilnahme an der Kundgebung versprochen wurden. Das sind knapp 7 Euro - für viele Schüler, Studenten und Rentner in Moskau kein Klacks. Golubizkaja musste dann vor Ort eine Parole nennen und sich registrieren; wenn sie sich gut anstelle, werde sie auch künftig engagiert, versprach ihr ihre Ansprechpartnerin – eine offenbar eigens engagierte Rentnerin.

15.000 von 50.000 Teilnehmern bezahlt

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Soldaten bei der Kundgebung in Moskau. Quelle: Getty

Nach Schätzungen von RBC waren rund 15.000 der 50.000 Demo-Teilnehmer "abkommandiert" oder bezahlt. Schon im Vorfeld berichteten Journalisten unter Berufung auf Regierungskreise, die Anti-Terror-Demos sollten vor allem an den Orten stattfinden, wo vor knapp zwei Wochen massive Proteste gegen die Korruption und die Regierung stattgefunden hatten.

In ganz Russland waren damals tausende unzufriedene Menschen auf die Straße gegangen, darunter viele junge Menschen; es kam zu einem brutalen Polizeieinsatz und rund 1000 Festnahmen. Putin-Sprecher Dmitrij Peskow behauptete, die Anti-Kreml-Demonstranten seien bezahlt worden.

Inszenierte Demo soll Proteste schwächen

Kreml-Kritiker glauben, mit den Anti-Terror-Kundgebungen wolle der Kreml den Protest der Opposition schwächen und ihr den Wind aus den Segeln nehmen.

Im Staatsfernsehen wurde behauptet, die Anti-Kreml-Demonstranten würden nicht an den Anti-Terror-Demos teilnehmen – womit sie offenbar als unpatriotisch dargestellt werden sollen. Zuvor wurde schon im Ersten Kanal der Verdacht geschürt, es bestünde ein Zusammenhang zwischen Terror und Protest.

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"Für wen wird diese offizielle Trauer veranstaltet?", fragt der Ex-Abgeordnete Dmitrij Gudkow. Er ist einer der Köpfe der Opposition.

Gudkow kritisiert die Demos scharf: "Ich verstehe, dass die Organisationen so schnell wie möglich nach Hause wollen, die Demo-Vorarbeiter möchten ihre 400 Rubel verdienen, die 'offiziell Trauernden' schnellstmöglich ihre Transparente wieder zurück in die Kisten legen – aber hätte man nicht wenigstens den Anschein von Anstand und von wirklicher Unterstützung wahren können?“

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"All das ist nicht neu und für jeden offensichtlich"

Dass die Kundgebungen die erhoffte Wirkung haben werden, bezweifeln viele. Die vom Kreml eingeforderte "Vereinigung" aller Russen in der Stunde der Not sei nicht eingetreten, schreibt die Bloggerin Olga Efa.

"Stattdessen gab es eine der üblichen Kreml-Aktionen mit den üblichen Teilnehmern. Und wie auch immer die Kreml-Propaganda versucht, uns das Gegenteil einzureden – all das ist nicht neu und für jeden offensichtlich", schreibt sie.

Der Regierung sei es darum gegangen, Bilder von einer angeblichen massiven Unterstützung für die Regierung fürs Propaganda-TV zu produzieren – nachdem die Anti-Kreml-Proteste in den Fernsehsendern, die für eine Mehrheit der Russen die wichtigste Informationsquelle sind, verschwiegen wurden.

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(ll)

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