Antisemitische Vorfälle erschüttern Berliner Schule - die Reaktion einiger Eltern ist empörend

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Antisemitische Vorfälle erschüttern Berliner Schule - die Reaktion einiger Eltern ist empörend | Jorge Lopez / Reuters
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  • Ein jüdischer Junge wurde in Berlin von Klassenkameraden beleidigt, bis er die Schule verlassen musste
  • Der antisemitische Vorfall wurde deutschlandweit heftig diskutiert
  • Jetzt schrieben einige Eltern dem "Tagesspiegel" einen Leserbrief - und sorgten damit für noch mehr Empörung

Berlin gilt als der große Schmelztiegel Deutschlands, als multikulturelles Zentrum der Republik. Menschen aller Lebensschläge und -wege treffen sich in der Hauptstadt - und tatsächlich geht es meist friedlich, bunt und herzlich zu.

Aber nicht immer: Erst vor wenigen Tagen musste ein jüdischer Junge seine Schule verlassen, weil ihn Mitschüler mit antisemitischen Anfeindungen malträtierten. Der Fall sorgte für Schlagzeilen in der ganzen Republik.

Jetzt haben einige Eltern der betroffenen Schule mit einem Leserbrief an den Berliner "Tagesspiegel" auf die Berichterstattung über den Fallreagiert - und mit ihrer Relativierung des Vorfalls für empörte Reaktionen gesorgt.

Eltern zeigen sich "fassungslos"

Die Eltern reagieren in ihrem Brief mit Bestürzung ob des Übergriffs auf den Jungen und drücken der Familie ihr Mitgefühl aus.

Vor allem aber "sind wir fassungslos darüber, dass ein solcher Vorfall ausgerechnet an einer Schule passiert ist, die in unseren Augen Vorreiter und Vorbild für zahlreiche Projekte, die für Toleranz, einen offenen Austausch und ein friedliches Miteinander vielfältiger Kulturen und Religionen steht."

Die Berichterstattung über den Vorfall sei "erschreckend unreflektiert" und "einseitig" sowie "nachhaltig rufschädigend für eine äußerst engagierte Schule". Der "Tagesspiegel" gieße mit seinen Artikeln Wasser auf die Mühlen derer, "die den Islam fürchten oder gar islamfeindliche Tendenzen verfolgen".

Die Eltern relativieren in ihrem Brief schließlich das antisemitische Mobbing gegen den Mitschüler ihrer Kinder. Seit Jahrzehnten existiere ein nicht enden wollender Konflikt zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten. Eine Stadt wie Berlin, die von Menschen beider Religionen und Kulturen bewohnt und bereichert werde, könne von so einem Konflikt nicht verschont bleiben.

"Wie kann also eine Schule mit einer Schüler_innenschaft, die sich aus vielen Nationen zusammensetzt, davor gefeit sein, dass es zu religiös motivierten Auseinandersetzungen zwischen Schülerinnen und Schülern kommt?"

"Dieser Brief ist ein Dokument des Versagens"

Die apologetische Argumentation der Eltern sorgte im Netz schnell für Empörung. Sergei Lagodinsky, Grünen-Politiker und Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Berlin, nannte den Brief auf Facebook ein "Dokument des Versagens". Er sei eine Beleidigung für die Betroffenen und ihren Leidensweg.

Besonders die Anführung des Nahost-Konflikts als Auslöser für die "religiös motivierten Auseinandersetzungen" an der Schule regen Lagodinsky auf: "Es sind keine religiös motivierten Auseinandersetzungen, es sind antisemitische Angriffe!"

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck teilte Lagodinskys Beitrag und kommentierte den Brief der Eltern auch selbst. "Dieser Brief der Eltern zeigt, dass man Antisemitismus noch nicht einmal erkennt", schrieb Beck. Er warf ebenfalls die Frage auf, was ein jüdischer Schüler an einer Berliner Schule mit dem Nahostkonflikt zu tun habe.

Beck schreibt weiter, er habe mit dem Schulleiter reden wollen, dieser wolle aber lieber nach vorne schauen. "Es gibt nicht nur ein Antisemitismus-Problem an der Schule. Es gibt bei den Akteuren auch ein Wahrnehmungsproblem", kommentierte Beck dieses Verhalten.

Diskussionen auf Facebook

Unter Lagodinskys und Becks Facebook-Beiträgen entbrannte schnell eine Diskussion. Viele Nutzer machten ihrer Empörung Luft. "Es erschüttert mich immer wieder, wie überfordert Menschen sind, wenn es um oder bzw. gegen Antisemitismus geht", schreibt eine Nutzerin.

Ein anderer fordert mehr Sozialarbeiter an Berliner Schulen, wieder ein anderer gibt zu bedenken, dass nur zehn Eltern von mehreren Hundert Vätern und Müttern den Brief unterschrieben hätten.

Eben diese zehn Unterzeichner schreiben am Ende ihres Briefes: "Wir als Eltern wenden uns entschieden gegen Antisemitismus, Antiislamismus, Rassismus und Gewalt und werben für ein offenes Miteinander in der Gesellschaft, das nur funktionieren kann, wenn alle an einem Strang ziehen."

Ein richtiger und löblicher Gedanke - doch im relativierenden Kontext des restlichen Briefes erscheint diese Toleranz-Melange als wenig glaubwürdig.

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(lp)

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