Irrtum von Impfgegnern: Experte warnt vor Rückkehr von gefährlichen Krankheiten

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Experte warnt vor Irrtum von Impfgegnern: "Der Erfolg von Impfungen ist ihr größter Feind" | iStock
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In Deutschland gibt es keine Impfpflicht, Eltern können also selbst entscheiden, ob und wogegen sie ihre Kinder impfen lassen.

Das gilt auch für Krankheiten wie Masern, deren Folgen gerade bei Kleinkindern im schlimmsten Fall zum Tod führen können.

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Eltern, die sich gegen die von Ärzten empfohlenen Impfungen entscheiden.

Das aber sei hochgefährlich, warnt Jan Leidel, ehemaliger Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim Robert Koch Institut.

Denn: Je weniger Menschen in Deutschland geimpft seien, desto größer sei die Gefahr, dass Krankheiten wiederkommen könnten, die längst ausgerottet seien, sagte er in einem Interview mit der “Heilbronner Stimme”.

"In dem Maße, wie eine Krankheit verschwindet, verliert sie ihren Schrecken"

Was Leidel anspricht, ist tatsächlich ein großes Problem. Denn: Viele Eltern wägen sich in Sicherheit, weil sie denken, die entsprechenden Krankheiten seien ja ohnehin keine Gefahr mehr.

Was sie dabei allerdings übersehen: Indem sie ihre Kinder nicht impfen lassen, machen sie die Krankheiten wieder zur Gefahr.

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“Der große Erfolg von Impfungen ist gleichzeitig einer ihrer größten Feinde”, erklärt Leidel. “Denn in dem Maße, wie eine Krankheit verschwindet, verliert sie ihren Schrecken. Doch es gibt Krankheiten, die jederzeit wiederkommen können, wenn wir die Impfquote nicht hochhalten.”

Herdenimmunität schützt auch die Ungeimpften

Der Experte spricht hier von der sogenannten Herdenimmunität. Sie schützt auch diejenigen, die nicht geimpft sind, wie etwa Neugeborene, die noch keine Impfung bekommen können oder Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können.

How Herd Immunity Works

“Auch dadurch, dass immer mehr Kleinkinder unter drei Jahren in Kitas sind, ist es wichtig, dass alle drumherum geschützt sind”, sagt Leidel. Bei Masern etwa sei eine Impfquote von 95 Prozent in der Bevölkerung nötig, damit Ungeimpfte geschützt seien.

Die Stiko, deren Leiter Leidel bis Mitte März diesen Jahres war, sprechen Empfehlungen aus, die den Bundesländern als Vorlage für ihre öffentlichen Impfempfehlungen dienen.

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"Ich habe schon Kinder unter schlimmen Qualen sterben sehen"

Ärzte und Experten warnen seit Jahren davor, speziell die Masern, die sich vor allem in Ostdeutschland wieder verstärkt ausgebreitet haben, zu unterschätzen.

“Masern sind nicht harmlos”, sagt auch Leidel, selbst Facharzt für Mikrobiologie, Infektionsepidemiologie und Öffentliches Gesundheitswesen. “Pro 1000 Patienten stirbt etwa einer.”

Besonders schlimm seien mögliche Spätfolgen wie die sogenannte SSPE, die immer tödlich verlaufe. “Ich habe schon Kinder unter schlimmen Qualen daran sterben sehen. Wenn man das erlebt hat, dann findet man es blöd, wenn Leute sagen, Masern seien eine harmlose Kinderkrankheit.”

Er warnt auch vor der Rückkehr anderer Krankheiten, die als ausgerottet gelten, wenn die Impfungen weiter zurückgehen. "Ein Wiederauftreten ist möglich. Wir hatten in Köln 1976 einen Ausbruch von Diphterie mit 80 Erkrankten und zehn Toten."

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Einen Impfzwang hält er dennoch für den falschen Weg. “Manche Eltern würde das eher in den Widerstand treiben”, sagt er.

Impfgegner verbreiten mit abstrusen Lügen Angst

Wer die vielen kontroversen Kommentaren in Impfforen liest, der merkt schnell: Leidel hat Recht. Wir brauchen keinen Impfzwang. Wir brauchen Aufklärung.

Impfungen müssen nicht in allen Fällen die beste Lösung sein müssen, ganz klar. “Ich würde nie auf die Idee kommen zu bestreiten, dass Impfungen schlimme Nebenwirkungen haben können”, sagt auch Leidel. “Aber diese sind sehr viel seltener als die öffentliche Wahrnehmung.”

Das Problematische jedoch ist: Viele Impfgegner argumentieren mit völlig abstrusen Lügen, die bei Laien Angst schüren und die vielen Vorteile vom Impfen außer Acht lassen.

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(ame)

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