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Deep Purple: "Es ist schrecklich, sich mit dem Ende zu befassen"

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Deep Purple legte in den Sechzigern den Grundstein für Hard Rock

Deep Purple gehört zu den lebenden Legenden der Rock-Musik. Denn auch fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung stehen die mittlerweile weit über 60 Jahre alten Männer noch auf der Bühne und im Studio. Morgen erscheint das 20. Studioalbum "inFinite", ab Mai touren die Rocker mit ihrer "The Long Goodbye Tour" um die Welt. Ist mit der Welttournee also ein Ende der BandDeep Purple: "Es ist schrecklich, sich mit dem Ende zu befassen"geschichte in Sicht? Im Interview mit spot on news gaben Bassist Roger Glover (71) und Schlagzeuger Ian Paice (68) eine emotionale Antwort.

"Deep Purple" gilt als erste Hard-Rock-Band. Was denken Sie, wenn Sie heute Bands dieses Genres hören?

Den wohl bekanntesten Song "Smoke on the Water" von Deep Purple gibt es hier

Roger Glover: Manche sagen, dass Hard Rock der Ursprung des Heavy Metal ist. Wenn das wirklich so ist, dann tut es uns leid. Hard Rock war in den Anfängen, in den späten Sechzigern, frische, neue Musik. Doch innerhalb von zehn oder fünfzehn Jahren ist Hard Rock zum "Grundnahrungsmittel" geworden. Dadurch wurde aus dem Besonderen ein Klischee. Die nachfolgenden Bands sind nur auf den Trend aufgesprungen. Das war irgendwie langweilig, nicht mehr inspirierend. Trotzdem hört man bis heute in der Werbung oder im Country Echos des Hard Rocks.

Ian Paice: Heute hört man manches, wo man klar erkennt, dass es von unseren Songs inspiriert ist. Dann denke ich: "Ihr macht es so falsch!" Das tut schon richtig weh. Andererseits gibt es junge Künstler, die es richtig draufhaben und voran bringen.

Wie gehen Sie heute ein neues Album an? Für "inFinite" haben Sie nur wenige Wochen im Studio verbracht.

Ian Paice: Bei diesem Album war es so, dass wir die Basis der Tracks vorher geschrieben hatten, in nur sieben Tagen. Die Aufnahmen selbst machen wir meist in zwei Wochen. Alles in allem dauert das vielleicht zwei Monate. Es gibt keinen Grund, warum es Jahre dauern müsste, zehn Songs zu machen. Song-Ideen kommen einfach, das kann man nicht erzwingen. Manchmal verbringt man einen Tag im Studio und jammt die ganze Zeit und nichts kommt dabei raus. An einem anderen Tag sind es gleich vier Ideen. Manchmal kreieren wir fünf Minuten tolle Musik und am nächsten Tag finden wir es furchtbar.

Roger Glover: Es war schon immer so - wir haben erst den Instrumental-Teil gemacht und dann den Text - das ist eigentlich falsch herum. Bei uns entsteht alles beim Spielen. Dass wir alles in kurzer Zeit machen, hält unsere Songs frisch.

In "The Surprising" verstecken sich unglaublich viele Elemente aus anderen Musikrichtungen...

Ian Paice: Wenn wir aufnehmen, wissen wir nie, was passieren wird. Wenn du etwas als Teamarbeit machst, kommen die Ideen von überall. Jeder hat verschiedene Einflüsse, die er einbringt. Es ist ein riesiger Misch-Masch. Wenn es funktioniert, großartig. Wenn nicht, verwerfen wir es und finden etwas Neues.

Roger Glover: Die Frage ist immer "Ist das ein Deep Purple-Song?". Manche Hardcore-Fans sagen vielleicht: "Nein". Aber es ist ganz einfach: Wenn wir es spielen, ist es ein Deep-Purple-Song! Vor vielen Jahren kam die Idee eines sehr ruhigen, wunderschönen, andersartigen Songs. Er heißt "Never a Word". Und er ist nicht annähernd typisch für uns. Aber das ist unser Glück: Wir haben schon immer das gemacht, was uns gefällt. Es gibt keine Formel und der Song muss auch nicht von jedem Fan akzeptiert werden.

Ian Paice: Wenn wir uns einschränken würden und auf Nummer sich gehen würden, würde sich das Publikum langweilen. Es gibt keine "neuen" Sachen. Man hat nun mal nur eine begrenzte Anzahl an Tasten auf dem Klavier, begrenzte Griffe auf der Gitarre. Man muss aber ausprobieren, neue Wege zu finden. Wir finden sie zwar, aber es wird immer schwieriger.

Ihre Tour heißt "The Long Goodbye Tour" - bedeutet das, dass es die letzte Tour sein wird und Sie sich entschieden haben Deep Purple in den wohlverdienten Ruhestand zu schicken?

Ian Paice: Die einzige Antwort, die ich darauf geben kann, ist: Irgendwann in naher Zukunft muss diese Entscheidung getroffen werden. Aber niemand von uns ist mutig genug, aufzustehen und zu sagen: "Dann und dann wird es zu Ende gehen." Es ist schrecklich, sich damit befassen zu müssen. Im Kopf zu haben, dass du diesen großen Teil deines Lebens stoppst. Das ist ziemlich angsteinflößend. Wir haben nicht den Mut zu sagen, dass es dann und dann zu Ende gehen wird. Aber der Tag wird kommen. Wir sind da realistisch: Es wird ein Ende geben.

Roger Glover: Es kann in einem Jahr sein, in zwei oder in drei. Wir wissen es nicht. Darum heißt die Tour "The LONG Goodbye". In zwanzig Jahren wird sich sowieso alles von alleine geklärt haben.

Was sagen Ihre Familien dazu? Würden sie Sie bis zum Lebensende arbeiten lassen oder wollen sie langsam den Ruhestand mit Ihnen genießen?

Ian Paice: Mit unseren Karrieren hatten wir es wirklich gut. Wenn wir gearbeitet haben, taten wir das wirklich hart. Trotzdem hatten wir immer noch viel Zeit für unsere Familien und für Urlaub. Wären wir aber die ganze Zeit zu Hause, würden unsere Frauen verrückt werden! Und wir würden auch durchdrehen! Wir haben ein tolles Geschenk, das uns unser Job - wenn man es denn Job nennen will - gegeben hat. Wir können nichts gegen den Lauf der Zeit und alles, was zum Leben und Business gehört, machen. Aber wenn wir auf die Bühne gehen, können wir wieder 15 Jahre alte Kinder sein. Da schalten wir die reale Welt für zwei Stunden am Tag an sechs Tagen die Woche ab.

Roger Glover: Keine Anrufe, kein Internet, keine Unterhaltungen, keine Unterbrechungen. Nur du, deine Musik und das Publikum.

Ian Paice: Das heißt, wir haben diese beiden fantastischen Seiten in unserem Leben. Und die eine braucht die andere. Wenn du genug davon hast, auf Tour zu sein, freust du dich auf dein Zuhause, um in deinem eigenen Sessel zu sitzen und dein Lieblings-TV-Programm zu schauen. Wenn du aber davon wieder genug hast, gehst du auf die Straßen und bist für vier oder fünf Wochen wieder ein Kind. Das ist Perfektion.

Roger Glover: Man braucht dafür allerdings eine verständnisvolle Familie. Sie bringen große Opfer. Natürlich ist es eine gute Balance. Wenn wir zu Hause sind, sind wir zu Hause. 24 Stunden am Tag.

Ian Paice: Für viele Beziehungen kann das schwierig sein. Aber wir kennen es nicht anders. Auch meine Kinder wussten schon immer: Papa geht für ein paar Wochen weg, ist dann aber für ein paar Wochen da. Jetzt sind sie erwachsen und meine Enkelkinder verstehen das sogar.

Wer weiß also, wie es ist, wenn es eines Tages Deep Purple nicht mehr geben sollte...

Ian Paice: Nur, weil wir dann nicht mehr Deep Purple sind, heißt das nicht, dass ich keine Musik mehr mache. Es ist egal, ob ich vor 20.000 Leuten spiele oder mit ein paar Freunden in einem Pub vor 20 Leuten. Ich werde so lange Musik machen, bis ich nicht mehr kann.