Ich habe drei Wochen eiskalt geduscht - das ist mit mir passiert

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TAKING A SHOWER
Ich habe drei Wochen eiskalt geduscht - das ist mit mir passiert | Camila Massu via Getty Images
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Es gibt einen einfachen Weg, wie aus einem unsportlichen, schlappen Menschen ein athletisches, gut gelauntes, leistungsstarkes Energiebündel wird - angeblich. Man muss einfach nur jeden Morgen eiskalt duschen, versprechen mir verschiedene Medien, Experten, athletische Menschen.

Die kalte Dusche soll nicht nur gesund sein, sondern auch ein echtes Schönheitsmittel. Sie soll die Haare glatter und den Körper schlanker machen, wie etwa Utta Petzold, Expertin der Barmer Krankenkasse, der "Rhein-Main-Zeitung" sagte. Und es kommt noch besser: Die kalte Dusche soll auch noch gegen Depressionen helfen, motivieren und nicht enden wollende Energie spenden.

"Ich sprühte vor Lebensenergie, ich fühlte mich wie verwandelt", berichtet eine begeisterte Test-Duscherin der Zeitung. In Internet-Foren und Frauenzeitschriften zeigt sich das immer gleiche Bild: Die Menschen fühlen sich wie neu geboren, glücklich und gesund - und das alles angeblich nur, weil sie eiskalt duschen.

Wenn das Duschen zur Gefahr wird

Ich dusche neuerdings auch eiskalt. Allerdings nicht freiwillig. Meine Hausverwaltung hat die einzige Möglichkeit gefunden, mich erfolgreich zum eiskalten Duschen zu bewegen: Sie hat Zettel mit der Aufschrift: "Ein Gebrauch der warmen Duschen erfolgt auf eigene Gefahr" aufgehängt.

Der Grund: In dem Wasser wurde eine besorgniserregend hohe Legionellen-Kontamination festgestellt. Legionellen sind Bakterien, die die Wasserrohre verunreinigen. In 30 bis 45 Grad warmen Süßwasser, aber auch bei noch höheren Temperaturen vermehren sich die Bakterien besonders schnell, wie das "Ärzteblatt" schreibt.

In Form kleiner Wassertröpfchen können sie beim Duschen in die Lunge gelangen und dort schwere Lungenentzündungen auslösen, die im schlimmsten Fall zum Tod führen können, warnt das Blatt.

Das kalte Duschen wird auf einmal verlockend

Eiskaltes Duschen sei aber sicher. Also stelle ich mich seit drei Wochen dieser Herausforderung. Mittlerweile werden die Legionellen zwar bekämpft - aber das kann dauern. Da das Wasser dazu erhitzt wird, könne es außerdem passieren, dass wir - die leidgeplagten Mieter - uns beim warmen Duschen die Haut verbrühen, verkündet der unheilvolle Aushang im Flur.

Bei den Aussichten, entweder eine Lungenentzündung zu bekommen oder zu verbrühen erschien mir das eiskalte Duschen nahezu verlockend.

Nach kurzer Überlegung habe ich mich schon fast darauf gefreut, fortan nur noch eiskalt zu duschen. Schließlich versprechen mir die Zeitschriften eine Neugeburt, eine Verwandlung in eine Super-Athletin.

In meiner Fantasie war ich schon eine Super-Athletin

Ich habe mir das folgendermaßen vorgestellt: Ich taumle schlaftrunken unter die Dusche, drehe morgenmuffelig den Duschhahn auf - und fühle mich auf einmal wie verwandelt.

Der eiskalte Strahl trifft mich wie ein göttliches Zeichen. So muss sich Obelix gefühlt haben, als er in den Zaubertrank gefallen ist. Während das kalte Wasser an mir hinunter fließt, spüre ich, wie die Energie durch meinen Körper strömt.

Ich beginne zu strahlen, springe motiviert aus der Dusche, fühle mich mit einem Mal so fit und energiegeladen, dass ich auf die U-Bahn verzichte und zur Arbeit sprinte.

Als ich ins Büro gejoggt komme, blicken die Kollegen neidisch auf mein Fitness-Tracking-Armband und mein Schweiß-Stirnband und loben mich für meine motivierte, athletische Ausstrahlung und meine glatten Haare. "Ach, wisst ihr, ich dusche jetzt immer eiskalt", sage ich lässig. "Das härtet ab."

Von Tag zu Tag fühle ich mich besser. Nach zwei Wochen bin ich so gesund und leistungsstark wie nie.

Dann kam das böse Erwachen

Die Realität sieht anders aus. Ich stehe motiviert unter der Dusche und drehe den Duschhahn auf - und zwar auf die aller kälteste Stufe. Wenn schon, denn schon. Ich erwarte den göttlichen Strahl, der mich nach und nach in ein gesundes Energiebündel verwandeln wird - und schreie. Meine Nachbarn denken wahrscheinlich, dass ich gerade verbrühe.

Leider sprühe ich gar nicht vor Lebensenergie, sondern bibbere vor Kälte. Als ich aus der Dusche steige, fühle ich mich zwar durchaus wie verwandelt - allerdings nicht in eine Athletin, sondern eher so, als wäre ich gerade wie im Disney-Film "Frozen" mit Eis überzogen worden.

Es wird von Tag zu Tag schlimmer, nicht schöner.

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Nach zwei Wochen eiskaltem Duschen fühle ich mich alles andere als so gesund und leistungsstark wie nie: Ich bin krank. Mir ist ununterbrochen kalt. Und ich habe schlechte Laune - was nicht gerade für die Anti-Depressions-Theorie des kalten Duschens spricht.

Auch die Gewöhnung setzt nicht ein. Jedes Mal graut es mir erneut vor dem eiskalten Strahl - ich habe mich nie demotivierter gefühlt, zur Arbeit zu sprinten.

Kalt-Duscher müssen seltsame Menschen sein

Aber es gibt Hoffnung: Bald werden die Legionellen bekämpft sein. Ich werde stolz zu meiner warmen Dusche zurückkehren und mich danach wieder besser fühlen.

Wenn euch jemand verächtlich als "Warmduscher" bezeichnet und euch von den Vorzügen des eiskalten Duschens vorschwärmt - lasst euch nicht in den Hinterhalt locken!

Menschen, die freiwillig eiskalt duschen, müssen die gleichen sein, die behaupten, ein rohes Ei oder einen Algen-Schlamm-Grünkohl-Spinat-Smoothie zum Frühstück zu trinken, sei wahnsinnig lecker. Das sind auch die, die in der Bar Wodka Pur trinken, weil sie den Geschmack so gerne mögen, klar.

Denkt dran: Vielleicht sind diese Menschen einfach nur neidisch - weil ihre Wasserleitungen gerade mit Legionellen befallen sind und sie sich deshalb jeden Tag unter eine abartig kalte Brause stellen müssen.

Man weiß nie.

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(lk)

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