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Schlimmer als Kokain und Heroin: Beruhigungsmittel sind eine unterschätzte Gefahr

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Close up of woman hands holding a pills. | Liderina via Getty Images
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  • Schlaf- und Beruhigungsmittel gelten als harmlos - dabei können sie schnell in die Abhängigkeit führen
  • Die Entzugserscheinungen können lebensbedrohlich sein, warnt ein Experte
  • Ein Journalist berichtet in einem Selbstversuch von den Gefahren der Beruhigungsmittel

Als Tin Fischer die halbe Tablette schluckt, fallen alle Sorgen wie ein Schleier von ihm ab. Der Journalist muss an diesem Abend einen Text fertig schreiben. Erst spürt er Panik, wegen des Zeitdrucks. Dann nimmt er die halbe Tablette des Beruhigungsmittels Tavor - und sein Text schreibt sich wie von selbst.

Für ihn ist es nur ein Selbstversuch. Beruhigungsmittel gelten gemeinhin als harmlos. Dabei würden sie schneller süchtig machen als Kokain. Und von ihnen runterzukommen sei gefährlicher als der Entzug von Heroin, erklärt ihm ein Experte.

Fischer will herausfinden, was das Beruhigungsmittel mit ihm macht - und berichtet davon für das Magazin “Neon”.

Sie sollen beruhigen, aber verwirren

Für viele Menschen ist die Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln allerdings eine bittere Realität. In Deutschland sollen 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen süchtig von Schlaf- und Beruhigungsmitteln sein. Das hatte der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske 2015 für die Wochenzeitung “Die Zeit” ermittelt.

Die Folgen für die Betroffenen können dabei schwerwiegend sein. Zum einen sind da die Nebenwirkungen. Vor allem bei älteren Menschen kann die Wirkung von sogenannten Benzodiazepine wie Tavor oder auch Valium schwerwiegend ausfallen.

Denn was als Beruhigungsmittel verabreicht werde, könne bei ihnen zu Erregung, Unruhe, Verwirrung, Angst und Depressionen auslösen, berichtet “Spiegel Online”. Bei über 60-Jährigen würden die Nebenwirkungen durch Benzodiazepine im Schnitt viermal so oft auftreten wie bei jungen Menschen.

"Selbst bei Heroin sind die Entzugssymptome nicht lebensbedrohlich"

Das andere Problem ist der Entzug, wenn der Tablettenschlucker erst einmal abhängig ist. Denn der kann für die Betroffenen nicht nur äußerst unangenehm, sondern für ihre Gesundheit tatsächlich gefährlich werden. Gefährlicher als etwa bei Heroin.

“Selbst bei Heroin sind die Entzugssymptome nicht ­lebensbedrohlich. Aber wenn ein Süchtiger Benzos absetzt, können Blutdruck und Herzfrequenz im schlimmsten Fall so stark ansteigen, dass es lebensbedrohlich ist”, zitiert Fischer den Psychiater Arnim Quante.

Zufrieden, aber nicht euphorisch

Noch ein weiteres Mal, nach dem ersten produktiven Abend, nimmt der Journalist eine Tablette Tavor. Wieder ist jedes negative Gefühl wie weggewischt. “Ich bin nicht euphorisch, aber zufrieden”, schreibt er.

Benzodiazepine verstärken die Wirkungs des Neurotransmitters GABA im Gehirn. Das wiederum hemmt Gefühle wie Angst oder Panik. Es fühlt sich ein bisschen an, wie Alkohol zu trinken, schreibt Fischer. Ein bisschen träge, ein bisschen zufriedener.

Auch für junge Menschen kann das zum Problem werden. Wer beispielsweise in der Prüfungsphase zu einem Beruhigungsmittel greift, kann nach wenigen Wochen schon abhängig sein, warnen Experten. "Benzos machen viel schneller körperlich abhängig als Kokain, das vor allem eine psychische Abhängigkeit verursacht", sagt der Psychiater Quante zu Fischer.

Mehr zum Thema: Die wahre Ursache von Sucht geht auf diese 6 Erlebnisse aus der Kindheit zurück

Und die Medikamente selbst können leicht bei einem Arzt beschafft werden, der es mit der Rezeptpflicht nicht so genau nimmt. So beschreibt es Fischer in seiner Reportage. “Noch während ich darüber nachdenke, wie gut ein bisschen Angst sein kann, tippt der Arzt bereits das Rezept, nicht mit Freude, aber immerhin", sagt er zu seinem ersten Versuch, sich Tavor zu besorgen.

Laut einer Suchtumfrage aus dem Jahr 2015 haben rund sechs Prozent der 21- bis 29-Jährigen im Verlauf von zwölf Monaten ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel genommen. Zum Vergleich: Zu Ecstasy oder Kokain greifen dagegen zwischen drei und fünf Prozent.

Die Sucht kann zum Höllentrip werden

Wer einmal abhängig ist, für den kann die Sucht schnell zum Höllentrip werden.

“Das Gefühl, dass mich gleich eine Panikattacke überwältigen würde, ließ mich nicht los. Die Angst, dass alle mich hassten, schnürte mir die Luft ab. Ich hatte Platzangst, Migräne, musste würgen, hatte Weinkrämpfe, es überlief mich heiß und kalt, ich hatte Herzrasen. Ich fühlte mich, als würde ich sterben”, berichtet eine “Vice”-Autorin über ihren Valium-Entzug.

Der Selbstversuch von Tin Fischer geht allerdings glimpflich aus. Sein Experiment endet, als er seine Nachbarin in der Psychiatrischen Klinik im Berliner Westen trifft. Sie habe versucht, sich mit Tavor das Leben zu nehmen, berichtet Fischer.

Als er ihr von seinem Selbstversuch erzählt, sagt sie nur: “Schauen Sie mich an. Tun Sie es nicht.”

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(mf)