Oberndorf in Niedersachsen: Wie ein kleines Dorf mit afrikanischen Welsen und Träumen von Bananen überlebt

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OBERNDORF
Oberndorf in Niedersachsen: Wie ein kleines Dorf mit afrikanischen Welsen und Träumen von Bananen überlebt | dpa
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Oberndorf, das ist ein malerisches Dörfchen in Niedersachsen, direkt an der gleichmäßig dahinfließenden Oste. 1400 Einwohner, fast ebenso viele Kühe, weit ab vom Schuss, 40 Kilometer bis in die nächste Stadt Cuxhaven.

Oberndorf, das könnte eines dieser Dörfer sein, von denen es viele gibt in Deutschland: In denen die Idylle nur noch mühsam den Ruin kaschiert. In denen keiner arbeiten kann, weil es keine Jobs gibt. In denen keiner wohnen will, der noch was vorhat im Leben. Und in dem nicht mehr lange zu leben hat, wer dageblieben ist. Sterbende Dörfer.

Oberndorf, das ist ganz etwas anderes. Oberndorf lebt.

Denn dort wachsen gerade 22.000 afrikanische Welse heran. Und seine Bewohner überlegen, wann sie wohl ihre Bananenplantage bauen. Bürgermeister Detlef Horeis (SPD) ist zum gefragten Ansprechpartner für Kollegen aus ganz Deutschland avanciert. Bert Frisch, Marketingprofi in Rente, erklärt den Neugierigen, was es mit den verrückten Ideen auf sich hat.

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Oberndorfs Bürgermeister Detlef Horeis (l.) und Bert Frisch, Sprecher der Wels-Zucht im Ort. Foto: Frisch

"Wir waren traurig und böse"

Wie das bei verrückten Ideen oft so ist, sind sie aus der Not entstanden, aus der Angst. Die Oberndorfer haben selbst erfahren, wie schnell so ein Dorf sterben kann.

Als sie vor ein paar Jahren ihre Grundschule schließen mussten, dachten sie, man würde ihnen das Herz herausreißen. Frisch zum Beispiel hat geweint. In der Öffentlichkeit. Er und die anderen fürchteten, dass jetzt junge Familien wegziehen würden. Und keine neuen mehr herkommen.

"Wir waren traurig und böse", sagt Frisch der Huffington Post. Über all dem Zoff mit der Verwaltung, sagt Frisch, sei das Dorf, das sich selbst ein bisschen wie das berühmte "gallische Dorf" sieht, zum "galligen Dorf" geworden. Aber weil vom Heulen allein auch nichts besser wird, haben sie sich überlegt, was sie machen könnten.

Frisch: "Was hat Oberndorf in Hülle und Fülle? Gülle"

Und so saßen sie da, 15, 16 Leute in der Dorfkneipe. Was hatte ihre Heimat zu bieten außer schöner Landschaft, kühle Sommer mit 17 Grad und Winter mit pieseligen 1 Grad? Die Antwort war: Gülle.

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Die Biogasanlage in Oberndorf kommt ohne Mais aus - die Mais-Monokulturen in der Gegend gelten als bedenklich für die Umwelt. Foto: Frisch

Und wie sich aus der Scheiße Geld machen ließ, lag auf der Hand: Man kann Energie damit produzieren, Biogas. Aber wofür könnte man die Energie nutzen, so dass sie Arbeitsplätze bringt? Also aus Scheiße Zukunft machen?

Afrikanische Warmwasserfische in Norddeutschland

Sie bezahlten aus eigener Tasche eine Berliner Beratungsfirma. Und die brachte sie auf die Idee, dass sie mit der Energie gigantische Wasserbecken heizen könnten, um Fisch zu züchten, die es gerne warm haben. Afrikanische Welse.

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Die Oberndorfer kaufen wenige Zentimeter große Welse von einer Zucht in Mecklenburg-Vorpommern und verkaufen ein halbes Jahr später die Filets der ausgewachsenen Tiere. Fotos: Frisch

"Die brauchen als einzige Fische in Aquakulturen keine Medikamente und Antibiotika", sagt Frisch. Und bei 28 Grad Celsius Wassertemperatur wachsen so in sechs Monaten aus wenigen Zentimetern kleinen Fischchen ordentliche Welse mit zwei Filets zu 250 Gramm heran. 700 Tiere schlachten die Oberndorfer jede Woche.

"Welsböllar", die Gegenveranstaltung zu "Köttbullar"

Sie verkaufen die Fische frisch als Filets, gefroren oder in Anlehnung an die "Köttbullar"-Fleischbällchen von Ikea als "Welsböller".

"Die sind aber nicht zu verwechseln mit dem, was in Bayern als Waller verkauft wird. Unsere Welse schmecken ganz anders, so irgendwie zwischen Scholle und Seezunge", sagt Frisch, den die neue Fischfirma zu ihrem Sprecher erkoren hat.

Sechs neue Jobs in der Wels-Zucht und -Verarbeitung

Für ihre Fischzucht haben die Oberndorfer 2013 die Ostewert AG gegründet, mit 440.000 Euro Startkapital. Inzwischen, sagt Frisch, arbeiten sechs Menschen für die AG. Die Berliner Beratungsfirma hat eine Niederlassung im Ort eingerichtet, macht noch zwei neue Jobs. Das ist viel für so einen kleinen Ort. Und vielleicht werden es noch mehr, wenn die Anlage gut läuft.

Die überwiegend aus der Region stammenden Aktionäre von Ostewert bekommen höchstens acht Prozent Rendite, der Rest fließt in Projekte, die das Dorf erhalten.

Energiegenossenschaft, Dorfkneipe

Die Oberndorfer haben schon sehr viel geschafft in den letzten 30 Jahren. Sie haben eine Energiegenossenschaft gegründet. Sie betreiben ehrenamtlich die Dorf- und Kulturkneipe Kombüse 53° Nord. Außerdem gibt es die ehrenamtliche, kostenlose Nachmittagsbetreuung Kiwitte, die Feuerwehr natürlich, insgesamt 20 Vereine.

Man ahnt, dass bei so viel Engagement, so vielen Projekten, auch etwas geruckelt haben muss in der Gemeinde.

Wenn der Frust kommt

Bürgermeister Horeis sagt: "Natürlich gab es kritische Stimmen, wir sind ja kein Verein von Jasagern." So hatten einige Angst, dass die Laster ihr Geschirr im Schrank zum Wackeln bringen würde, wenn sie die Gülle-Reste nach 90 Tagen aus der Biogas-Anlage abtransportieren, damit man sie als Dünger verkaufen kann. Das Problem wurde mit einer entsprechend ausgebauten Straße gelöst.

Und natürlich gab es immer wieder Frust. Wenn Genehmigungen ausblieben, der Papierkram überhand nahm.

Der Traum von einer Bananenplantage

Aber jetzt scheint das in Oberndorf vergessen.

Jedenfalls träumen sie schon von den nächste Projekten. Von mehr Welszucht. Und von einer Bananenplantage. Die Oberndorfer wollen sich anschauen, ob sie vor lauter Fischzucht noch genüg Energie übrig haben, um ein Gewächshaus mit Bananenpalmen zu bauen. Eine Filmemacherin hat das zu der Doku "Von Bananenbäumen träumen" über Oberndorf inspiriert, die gerade in den Kinos läuft.

Wie man ausgerechnet auf Bananen kommt? Frisch muss lachen. Sowas könne halt passieren, wenn man sich stundenlang über die Potenziale von Gülle unterhalte.

Es fing mit der Janosch-Geschichte an

Bei einer dieser Diskussionen, so sagt er, erinnerte sich irgendeiner an die Janosch-Geschichte, in der eine nach Bananen duftende Kiste die Sehnsucht von Bär und Tiger nach Panama weckt. Die beiden gehen auf Wanderschaft und am Ziel ihrer Reise finden sie ihren Ort der Träume. Es ist nicht Panama, sondern ihr Zuhause, das inzwischen verwildert ist.

Die Oberndorfer sind dabei, ihr Panama zu schaffen. Sie wissen, dass sie es selbst schaffen müssen. Andere werden ihnen nicht helfen, nicht das Land, nicht der Bund. Es kommt auf ihre Ideen, ihre Kraft und ihren Mut an.

Das Dorf ist das Leben

Es kostet viel, viel Zeit nach Feierabend, am Wochenende. Herzblut eben.

"Das Ehrenamt ist bei uns überstrapaziert", sagt Bürgermeister Horeis. Deswegen versuchen sie, wann immer es sich rentiert, Profis einzustellen. So soll bald eine Köchin in der Kneipe helfen. So haben es Menschen wie Frisch und Horeis, der seit 15 Jahren Bürgermeister ist, geschafft, nicht nur das Dorf am Leben zu erhalten. Sondern das Dorf zum Leben seiner Bewohner zu machen.

Nun sind Bananen höchstwahrscheinlich nicht die lukrativste Idee, Oberndorf weiter wachsen zu lassen. Nicht nur, weil es billige Bananen aus dem Süden gibt. Sondern auch, weil ein Bananen-Pilz die weltweiten Bestände der Speisebananen bedroht.

Unterkriegen lassen? Vom Leben?

"Aber dann bauen wir eben in unseren Gewächshäusern die letzten pilzfreien Bananen der Welt an", sagt Frisch, und man weiß nicht, wie ernst er es meint. Die könne man dann ja als Luxus-Obst verkaufen.

Unterkriegen lassen? Vom Leben und den Zeitläufen? Ist nicht in Oberndorf.

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