"Allah ist groß" in deutschen Klassenzimmern: Wie Lehrer gegen radikalisierte Schüler kämpfen

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SCHOOL GERMANY
Klassenzimmer (Symbolbild) | Michaela Rehle / Reuters
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Was an anderen Schulen in Deutschland gerade erst zum Problem wird, ist für Rita Schlegel seit Jahren Alltag.

Sie leitet die Hermann-Sander-Grundschule im Berliner Stadtteil Neukölln. Neun von zehn Schülern kommen aus Familien mit Migrationshintergrund. Und immer wieder kommt es vor, dass sie wegen ihnen die Polizei oder das Jugendamt einschalten muss. Weil sich die Schüler offenbar radikalisiert haben.

Schlegels Schule ist die erste in der Hauptstadt, die ihren Lehrern ein Handbuch mitgibt. Es soll den Lehrern helfen, Anzeichen von Radikalisierung zu erkennen - und es soll ihnen helfen, die richtigen Maßnahmen treffen, um die Schüler aus den Fängen der Radikalen zu befreien. Das Buch wurde am Dienstag in Berlin vorgestellt.

"Bei solchen Fällen muss hingeschaut werden"

Auf einer Pressekonferenz in Berlin schildert Schlegel, was sie in ihrer Schule fast täglich erlebt. Sie erzählt von einem Jungen, der stolz ein Foto von sich zeigte, auf dem er mit voller Armeemontur und Waffe posierte.

Oder von einer Schülerin, die einen Brief ihrer Eltern zeigte. Darin stand, dass sie nicht singen dürfe. Das sei eine Beleidigung Gottes.

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"Bei solchen Fällen müssen wir hinschauen und fragen, warum sich ein Schüler gerade verändert", sagt sie. Experten würden sich den Fall dann anschauen und mit der Familie Kontakt aufnehmen, sagt sie.

Das Handbuch soll Lehrern wie ihr nun zusätzlich helfen. "Integration fördern, Radikalisierung erkennen" heißt es (hier kann es heruntergeladen werden).

Was tun, wenn ein Schüler einen Ehrenmord verteidigt?

Das Buch thematisiert Fragen wie: "Wie kann ich mit meinen Schülern über Islamismus oder den Krieg in Syrien sprechen?" Oder: "Wie kann ich unterscheiden, ob eine Radikalisierung vorliegt oder Schüler lediglich ihre Religion praktizieren?" Und wie erkenne ich als Lehrer, was ist ein blöder Scherz und was ein Grund ist, Alarm zu schlagen?

Eine weitere Frage, auf die das Buch eine Antwort gibt: "Mein Schüler verteidigt einen Ehrenmord. Was kann ich tun?".

Zur letzten Frage heißt es im Handbuch etwa:

Sollte einer bzw. eine Ihrer SchülerInnen einen Ehrenmord rechtfertigen, z.B. mit der Begründung, dass ein Bruder über seine Schwester bestimmen darf, weil er für die Ehre der Familie verantwortlich ist, können Sie mit den Schülern zunächst einmal über Geschlechtergleichheit diskutieren. Es kann außerdem ratsam sein, bei dem Thema "Ehre" die Hilfe externer Stellen hinzuzuziehen, wie zum Beispiel den "Heroes".

An dem Handbuch haben Sozialarbeiter und Lehrer mitgearbeitet.

"Viele haben mit der gleichen Herausforderung zu kämpfen", sagt Alexander Ritzmann, Geschäftsführer der European Foundation for Democracy, die das Handbuch gemeinsam mit der Organisation Counter Extremism Projects (CEP) entwickelt hat. "Lehrer fühlen sich bei dem Thema alleine gelassen."

"Viele Lehrer haben mit der gleichen Herausforderung zu kämpfen"

Nicht nur Schlegels Schule, sondern auch in Bremen, Solingen und Zürich haben Lehrer deswegen Interesse am Handbuch angemeldet. Auch in Frankreich, Belgien und gar dem Kosovo will man damit arbeiten.

Es gibt zwar bislang keine offiziellen Zahlen, wie viele Kinder sich in Schulen tatsächlich radikalisieren. "Wir wollen das Problem nicht größer machen, als es ist", sagt deswegen auch Ritzmann.

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Dass das Problem aber die Lehrer beschäftigt, zeigen auch andere Projekte, die in eine ähnliche Richtung gehen.

Die Stadt Wiesbaden etwa bietet einen Workshop an Schulen gegen Salafismus an. Das Land Schleswig-Holstein veranstaltete vor wenigen Wochen eine erste landesweite Fachtagung für Lehrer und richtete eine Notruf-Hotline ein.

Mit drastischen Worten beschrieb kürzlich der Psychologe Ahmad Mansour das Problem.

"Salafisten erreichen Jugendliche mit einfachen Weltbildern"

Salafisten "erreichen Jugendliche mit einfachen Weltbildern und einem Schwarz-Weiß-Denken", sagte er der Tageszeitung "Neue Westfälische". "Islamisten warten nicht in Moscheen auf Jugendliche, sie sprechen sie direkt an."

Mansour weiß, wovon er spricht. Als Jugendlicher geriet er in die Fänge eines radikalen Imam, heute kämpft er gegen religiösen Extremismus.

Das am Dienstag vorgestellte Handbuch kann dabei ein Weg sein, Lehrer im Kampf gegen Radikalisierung zu helfen.

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(ll/ben)

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