Erdogans Nahost-Feldzug: Das plant der türkische Präsident in Syrien und dem Irak

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Erdogans Nahost-Feldzug: Das plant der türkische Präsident in Syrien und dem Irak | Murad Sezer / Reuters
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  • Offiziell ist die Operation der Türkei in Syrien beendet
  • Doch Präsident Erdogan will seinen Einfluss im Norden des Landes weiter ausbauen
  • Auch im Irak plant die Türkei eine militärische Offensive

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gibt sich selten mit dem zufrieden, was er hat.

Das gilt für seine Macht innerhalb des Staates, die er durch die Einführung des Präsidialsystems ausbauen will, ebenso wie für seinen außenpolitischen Einfluss.

Experten warnen schon lange, Erdogan betreibe in der Region eine expansive Politik. Von "Großmachtfantasien“ ist gar die Rede, einem neuen Osmanischen Reich, nach dem die türkische Regierung strebe.

Was nun in Syrien und dem Irak passiert, gibt den Kritikern des Präsidenten neue Nahrung.

Denn obwohl die Anti-Terror-Operation Euphrat-Schild im Norden Syriens seit Ende März beendet ist, denkt Erdogan nicht daran, seine Soldaten aus dem Nachbarland abziehen.

Im Gegenteil: Erdogan will die Operation auf den Irak ausweiten. Im Interview mit dem türkischen Fernsehsender NTV sagte der Staatschef, er habe eine Verantwortung für alle Turkmenen in der Region. Türkische Medien schreiben von einer "zweiten Phase der Operation Euphrat Schild“, die neben Syrien den Irak einschließe.

Erdogan: "Wir haben Verwandte in Mossul"

"Da ist Tal Afar, da ist Sinjar. Wir haben Verwandte in Mossul“, erklärte Erdogan gegenüber NTV in Hinblick auf die turkmenische Bevölkerung. Alle drei Städte werden vom IS kontrolliert, die irakische Armee versucht unter Beteiligung einer internationalen Allianz die Gebiete zurückzuerobern.

Doch auch die Türkei hat längst Interesse an der Befreiung der IS-Städte angemeldet – obwohl Bagdad sich sehr deutlich gegen jede türkische Präsenz im Irak ausgesprochen hat.

Die Türkei geht vor allem gegen kurdische Kämpfer der PKK vor – das oberste gemeinsame Ziel, der Kampf gegen den IS, ist für Erdogan seit je her zweitrangig.

Auch in Kirkuk, keine 100 Kilometer südlich der Kurdenhauptstadt Erbil, wird dieser Tage klar, welche Motivation den türkischen Präsidenten treibt.

In der multiethnischen Stadt hatten Menschen die kurdische Flagge gehisst. Für Erdogan ein Affront. "Holt diese Flaggen so bald wie möglich ein", polterte der türkische Präsident am Dienstag in einer Rede.

"Wir sind dazu verdammt zu schrumpfen – oder wir gehen vorwärts"

Er will den Einfluss der Kurden in Gebieten, in denen auch Turkmenen leben, eindämmen.

Vor dem Hintergrund älterer Reden Erdogans sind die Entwicklungen durchaus brisant. Im vergangenen Oktober sagte der bei einem Treffen mit Ministern laut der türkischen Zeitung "Hürriyet“: "Die Türkei kann nicht länger an diesem Punkt bleiben. Der Status Quo wird sich irgendwie verändern.“

Es klingt wie der Vorbote für eine mögliche territoriale Expansion: "Wir werden entweder vorrücken oder wir sind dazu verdammt, zu verkümmern. Ich bin entschlossen, Schritte nach vorne zu machen“, wird der Präsident sinngemäß zitiert.

Der Irak steht vor einer ungewissen Zukunft. In der Chaos-Region könnte jeder kluge Schritt Erdogans ihm einen langfristigen Machtgewinn vor Ort sichern.

Auch in Syrien hat der türkische Präsident kein Interesse, sich zurückzuziehen, glauben Experten. Und das obwohl das öffentlich ausgegebene Ziel, Dscharabulus und Al-Bab vom IS zu befreien, erreicht ist.

Denn das wahre Ziel Ankaras ist ein anderes.

Erdogan will Einfluss im Norden Syriens

Die Türkei will den Einfluss kurdischer Kräfte im Norden Syriens auf ein Minimum reduzieren. Ankara hat Angst vor dem vermeintlichen Feind vor der eigenen Haustür – und liebäugelt – das suggerieren Karten, die in türkischen Medien kursieren – sogar mit einer Verschiebung der Grenze.

Immer wieder forderten Erdogan und seine Parteikollegen die kurdischen Kämpfer der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) daher dazu auf, sich auf die Gebiete westlich des Euphrats zurückzuziehen.

Widerstandslos wird das jedoch nicht geschehen. Auch die Kurden wissen: Erdogan hat es auf Manbidsch abgesehen. Dort üben SDF-Kräfte Einfluss aus, die die Stadt mit Unterstützung der USA eingenommen hatten.

Eine verstärkte Offensive, wie sie Ankara seit Wochen ankündigt, hätte dramatisches Konfliktpotenzial – denn Verbündete hat die Türkei außer den Rebellengruppen der Freien Syrischen Armee derzeit nicht.

Doch dass Erdogan Konflikte nicht scheut, beweist er immer wieder. Schon gar nicht, wenn der Preis so verlockend ist: Eine Türkei, die wieder groß ist.

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