Warum ich meinem Mann vergeben habe, obwohl er mich und unsere Kinder sitzen gelassen hat

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Warum ich meinem Mann vergeben habe, obwohl er mich und unsere Kinder sitzen gelassen hat. | Geber86 via Getty Images
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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29

Die Alarmglocken hätten eigentlich laut und schrill losgehen müssen, als mein Mann sich ein Glas Wein einschenkte, während ich in den Wehen lag und auf den Krankenwagen wartete. Selbst eine Woche später, als ich wieder zu Hause angekommen war, war mir nicht bewusst, wie absurd sein Verhalten war.

Allerdings wird jede Frau, die jemals entbunden hat, bestätigen, dass man so kurz nach einer Geburt schier nicht in der Lage ist, die Dinge mit Abstand und neutral zu betrachten. Ich war immerzu mit dem Baby beschäftigt, damit, es zu füttern, meine Pflichten zu erfüllen. Ich konnte weder an mich noch an meinen Mann denken. Aber warum konnte er sich nicht einmal kurz um mich kümmern?

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Von außen betrachtet führten wir ein perfektes Leben

Heute bin ich 35 und habe letztes Jahr mein zweites Kind bekommen – eines, das ich mir sehnlich gewünscht habe. Nun mögen wir von außen betrachtet ein nahezu perfektes Leben führen: Eine kleine Tochter, ein neugeborener Sohn, ein tolles Zuhause, ein toller Mann. Und doch lief hinter verschlossenen Türen plötzlich alles schief.

Nach der Geburt unserer Tochter entpuppte sich mein Mann als der perfekte Vater. Ich hatte zwar schon davon gehört, dass sich das nach dem zweiten Kind manchmal radikal ändern soll, hielt aber nichts darauf. Alles, worüber ich mir noch Sorgen machte, war die erneute Entbindung. Ich war in einer Art Trancezustand, so scheint es jetzt.

Zwei Kinder zu haben, ist schwer genug. Zwei so kurz nacheinander noch schwieriger. Aber im Nachhinein ist man bekanntlich immer klüger. Wenn man also aufeinanderfolgend zwei Kinder hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sich eines Abends mit einem weinenden Baby auf dem Arm und einem verwirrten, bockigen Kleinkind an der Hand im Wohnzimmer wiederfindet.

Sowohl ich als auch mein Mann waren emotional und physisch durch. Und dann begann es.

Ich war maßlos überfordert. Er war fertig

Sobald die Elternzeit meines Mannes vorüber war, fühlte ich mich allein gelassen. Er arbeitete viel, machte Überstunden, ging nach dem Büro mit seinen Kollegen etwas trinken. Obwohl ich ihn dringend brauchte. Ich konnte mich mit den zwei Kleinen kaum selbst über Wasser halten. Alles, was über die grundsätzliche Pflege der Kinder hinausging, war mir unmöglich.

Ich würde nicht behaupten, dass es eine postnatale Depression war, aber ich war maßlos überfordert. Die Wohnung war ein Chaos. Ich war ein Chaos. Er war fertig. Ich war so mit den Kindern, mit mir und meinem eigenen Zustand beschäftigt, dass ich gar nicht bemerkte, wie sehr sein Trinkverhalten außer Kontrolle geraten war.

Er trank schon während meiner zweiten Schwangerschaft merklich häufiger als vorher. Ich hatte natürlich auch nach der Geburt einen ganz neuen Lebensstil annehmen müssen. Zwar trank ich hier und da noch einen Wein, aber ich konnte mir keine durchzechten Nächte mehr leisten, denn es gab nur uns vier und nur mich, die stillte.

Er hingegen konnte das sehr gut und machte freudig weiter, wenn ich nach dem zweiten Glas aufhörte. Ein ganz normaler Freitagabend. Ich habe das nur nie als Reaktion auf unsere neue Lebenssituation verstanden.

Es war ein belangloser Streit, der alles auslöste

Nach sechs Wochen und einem weiteren Streit packte er seine Tasche und ging aus dem Haus. Es war ein belangloser Streit, der alles auslöste und der aus purer Überforderung entstand. Kurze Zeit später wusste ich schon gar nicht mehr, worum es eigentlich ging.

Niemals hätte ich gedacht, dass dieser Mann die Kinder und mich verlassen würde. Erst recht nicht auf diese Art und Weise, ohne Vorwarnung, ohne Gespräch, ohne Erklärung. Plötzlich war er einfach weg und ich musste klar kommen.

Die erste Nacht ohne ihn war schrecklich. Immer wieder wachte eins der Kinder auf, ich konnte keine Ruhe finden. Wenn er in meiner Nähe war, hatte ich mich immer sicher gefühlt. Ich redete mir ein, er könne jeden Moment wieder durch die Tür kommen, weil er nur eine Pause brauchte. Zwischendurch versuchte ich es auf seinem Handy, schickte ihm Nachrichten, aber nichts. Kein Rückruf, kein Zeichen, die Nachrichten wurden nicht einmal zugestellt.

Er fragte nicht mal nach den Kindern

In den folgenden Tagen hatte ich einen Kloß im Hals, der nicht verschwinden wollte. Immer wieder musste ich Tränen zurückhalten, um nicht zusammenzubrechen. Ich wollte schreien vor Frust, ich fühlte mich verlassen, einsam und ignoriert, doch das ging alles nicht, weil es meine beiden Kinder gab. Vor ihnen konnte ich nicht einfach schwach werden und aufgeben.

Sogar meiner Familie konnte ich es nicht sofort sagen. Es hat einige Tag gedauert, bis ich es irgendjemandem sagen konnte. Es stellte sich heraus, dass ich nicht die Einzige war, die er am Telefon abwies. Er war unerreichbar – für alle.

Über die nächsten Monate hinweg schickten wir uns nur hier und da eine Email. Während meine natürlich länger ausfielen, neigte er zur Einsilbigkeit. Doch das, was mich am meisten wurmte, war, dass er nicht mal nach den Kindern fragte.

Bei allem, was zwischen uns vorgefallen war - egal, wie sehr wir auseinander gedriftet waren – wie kann ein Mensch sich so wenig für seine Kinder interessieren?

Wie konnte er es aushalten, sie nicht jeden Tag in die Arme zu schließen? Doch er war so wütend, so erbittert böse auf mich, dass er sich nur mit viel Überzeugungskraft darauf einließ, die Kinder und mich an einem Wochenende für zwei Stunden im Park zu treffen. Zwischen uns herrschte Kälte.

Ich reichte die Scheidung ein

In dieser ganzen Zeit brachte ich es nicht übers Herz, mich jemandem in unserem näheren Umkreis anzuvertrauen. Ich wollte nicht, dass meine Familie von unserem Elend Wind bekam. Unsere Freunde sollten nicht herausfinden, in welcher Misere sich unsere Ehe befand. Ich wollte es um alle Kosten vermeiden, dass über uns geredet wird. Also schottete auch ich mich ab, antwortete zwar von Zeit zu Zeit, dass alles in Ordnung und ich schier überarbeitet und müde sei, aber ging auf nichts näher ein.

Es folgten Monate, in denen sich alles, was meine Kinder und ich zusammen unternahmen, Zuhause abspielte: von Pyjamapartys und DVD-Abenden bis hin zu langen Morgen im Bett. Irgendwann schaffte ich es, mich mit einem Rechtsanwalt zusammenzusetzen, weil unser Kredit für das Haus mit anderen Rechnungen und Ratenzahlungen kollidierte. Alleine konnte ich es kaum zahlen.

Und plötzlich stand er wieder da. Ich glaube, die Tatsache, dass ich nach über einem halben Jahr dann doch die Scheidung einreichte, machte ihm Angst und zeigte ihm den Ernst der Lage.

Er konnte mir nie richtig erklären, was passiert war

Er kam zurück und versuchte, sich wieder in das Leben unserer Kinder zu integrieren. Er ging zur Therapie, nahm Antidepressiva und Betablocker. Und langsam, aber sicher bewegten wir uns zurück – zurück zu einer gesunden Version unserer selbst. Es war keineswegs die, die wir einmal waren, und erst recht keine perfekte. Aber sie war eine Version von uns als Familie.

Er konnte mir nie richtig erklären, was passiert war, woher seine rasende Wut stammte. Wann immer ich ihn darauf anspreche, reagiert er schnippisch, in die Ecke gedrängt, und schiebt es auf einen Zusammenbruch, den er im Rahmen seiner Depressionen gehabt habe. Er erzählte auch, dass er während seiner Zeit alleine auch angefangen hatte, zu koksen. Eine Line, ein Drink, sie jagten einander und endeten in einem Teufelskreis.

Noch immer weiß ich nicht genau, was in ihm, in seinem Kopf vorgeht. Doch ich weiß, dass er versucht, sich den Kindern zu widmen. Ich weiß, dass er trocken ist und ich weiß jetzt, dass es keine Perfektion im Menschen gibt.

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Seitdem ist die Welt in meinen Augen sehr viel echter und ehrlicher geworden

Ich nehme die Dinge, wie sie kommen. Versuche nicht mehr, mich um Anforderungen zu sorgen, die wir erfüllen müssen, oder um Strukturen, die nicht ich und nicht wir aufgestellt haben, sondern die Allgemeinheit. Ich weiß auch, dass ich ihn kein zweites Mal zurücknehme, sollte so ein Ausbruch noch einmal passieren.

Seitdem ist die Welt in meinen Augen sehr viel echter und ehrlicher geworden: Vielleicht funktionieren wir, vielleicht hält es, vielleicht auch nicht. Es mag klingen, wie ein Mantra, an das sich eh niemand hält. Aber man muss es nur oft genug sagen: Hinter all den Postings auf Facebook und Instagram sehe ich nun auch die Meta-Ebenen. Das, was dahinter steckt.

Das macht mich nicht unbedingt zynisch, ich kann dadurch die Mühe, die in die schönen Dinge gesteckt wird, sehr viel mehr wertschätzen. Aber ich weiß auch, dass ich stark genug bin, auch ohne das alles klarzukommen. Ich habe die Kraft, mit meinen Kindern ohne Hilfe weiterzuleben.

Ich habe es auch ohne Mann hinbekommen

Immer wieder hört man junge Mütter, die sagen, sie würden es nie ohne ihre Partner schaffen – ich habe das auch gedacht, doch es stimmt nicht. Ich hatte es ja bereits alleine geschafft, bevor mein Mann überhaupt ging. Lange Zeit war ich schon auf mich gestellt, den Rest habe ich auch noch hinbekommen.

Ich habe es geschafft, also schaffst du es auch.

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