Giftgas-Anschlag in Syrien: Alle Spuren führen zur Assad-Regierung

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Giftgas-Anschlag in Syrien: Alle Spuren führen zur Assad-Regierung | dpa
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  • Dutzende Menschen sind am Dienstag in Syrien einem Giftgas-Anschlag zum Opfer gefallen
  • Hinzu kommen Hunderte von Verletzten
  • Verantwortlich ist vermutlich der syrische Diktator Bashar al-Assad

Mindestens 58 Menschen starben am Dienstag bei einem schweren Giftgas-Angriff im syrischen Bürgerkrieg. Elf der Opfer sind Kinder. Die Union of Medical Care and Relief Organizations geht sogar von 100 Toten aus, von denen 25 Kinder seien.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete am Dienstag aus der von Rebellen kontrollierten Stadt Chan Scheichun im Nordwesten des Landes zudem Dutzende Verletzte. Die Rettungshelfer der Organisation Weißhelme berichteten sogar von 240 Verletzten.

Vermutlich verantwortlich für den Angriff: der syrische Diktator Bashar al-Assad.

Was war passiert?

Wie die humanitäre Vereinigung Union of Medical Care and Relief Organizations berichtet, warfen am Dienstagmorgen um 6:30 Uhr syrischer Zeit Kampfflugzeuge chemische Bomben auf die Stadt Khan Sheikhoun in der Region Idlib ab.

100 Menschen seien bei der Attacke gestorben und 400 verwundet worden, schreibt die Organisation. Die medizinischen Einrichtungen und Helfer vor Ort seien heillos überfordert.

Die Opfer des Giftgas-Angriffs litten unter Erstickungsanfällen, ihre Haut habe sich blau verfärbt und sie hätten Schaum vor dem Mund gehabt.

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Später am Tag hätten Jets Khan Sheikhoun erneut angegriffen, meldeten die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte .

Andere Aktivisten erklärten, bombardiert worden sei eine Klinik, in der Verletzte behandelt worden seien. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Die Syrische Beobachtungsstelle hat ihren Sitz in England, stützt sich aber auf ein Netzwerk von Informanten in Syrien. Ihre Angaben haben sich oft als zuverlässig erwiesen.

Wie reagiert die Welt?

Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte den Angriff scharf. Über Twitter schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert im Namen der Kanzlerin: “Solche Kriegsverbrechen müssen bestraft werden.” Es sei ein offensichtlicher Angriff mit chemischen Waffen gewesen.

Auch die Regierung von US-Präsident Donald Trump kritisierte den Giftgasangriff. Die Attacke sei unverantwortlich und könne von der “zivilisierten Welt” nicht ignoriert werden, sagte Trumps Sprecher Sean Spicer am Dienstag in Washington. Er machte die syrische Regierung für den Angriff verantwortlich.

Die syrische Oppositionelle Bassma Kodmani nannte den Angriff eine “direkte Folge” von Äußerungen der USA über Assad.

Die US-Regierung distanzierte sich zuletzt vom Ziel, Assad loszuwerden. US-Außenminister Rex Tillerson hatte vergangene Woche gesagt, über das Schicksal Assads müssten die Syrer selbst entscheiden. Für Kodmani ein Freifahrtsschein für den syrischen Machthaber.

Wie die USA sahen die Regierungen von Großbritannien und Frankreich die syrische Regierung hinter dem Angriff.

Der britische Außenminister Boris Johnson schrieb auf Twitter, der Vorfall müsse untersucht werden und die Angreifer zur Verantwortung gezogen werden.

Später sagte Johnson der Deutschen Presse-Agentur: “Das trägt alle Anzeichen eines Angriffs durch das Regime, das wiederholt chemische Waffen eingesetzt hat.”

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Was deutet darauf hin, dass Assad verantwortlich ist?

Zum einen das Ziel des Angriffes: Die Stadt Khan Sheikhoun ist in Rebellenhand. Zum anderen die Durchführung der Attacke durch Kampfjets - über die verfügen in Syrien nur die Syrische Armee und ihre Verbündeten.

Die USA gehen davon aus, dass Sarin-Gas verwendet wurde. Experten sind der Ansicht , dass das syrische Regime neben Chlorin-Gas und dem Nervengift VX eben auch im Besitz von größeren Mengen dieses Kampfstoffes ist.

Sicher sagen, ob Assad den Angriff befohlen hat, lässt es sich jedoch noch nicht. Seine Regierung wies alle Vorwürfe zurück. Ein syrischer General, der ungenannt bleiben wollte, erklärte, die syrische Armee habe in Khan Scheichun kein Giftgas eingesetzt.

Die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) will den Vorfall nun untersuchen. Experten der OPCW sammelten und analysierten zur Zeit alle verfügbaren Informationen, teilte die Organisation in Den Haag mit.

Wurde schon zuvor Giftgas in Syrien eingesetzt?

Den Konfliktparteien im syrischen Bürgerkrieg wird immer wieder der Einsatz von Giftgas vorgeworfen. Nicht immer lassen sich die Angaben unabhängig bestätigen.

UN-Ermittler hatten Syriens Regierung im März vorgeworfen, in den vergangenen Monaten im Kampf um die Stadt Aleppo und andernorts Chlorgas eingesetzt zu haben. Ein Bericht der Untersuchungskommission des Menschenrechtsrates sprach von mindestens fünf Chlorgas-Angriffen im Kampf um die Stadt Aleppo durch regierungstreue Kräfte seit Anfang dieses Jahres.

Bereits 2013 waren östlich der Hauptstadt Damaskus bei Angriffen mit Giftgas rund 1400 Menschen getötet worden. Die Opposition und der Westen machten dafür Syriens Regierung verantwortlich.

Die stimmte danach zu, alle Giftgas-Vorräte zu vernichten. Chlor fiel jedoch nicht unter das Verbot. Dessen Einsatz als Waffe ist allerdings untersagt.

Auch die Terrororganisation Islamischer Staat hat in Syrien laut UN-Ermittlern mehrfach Giftgas eingesetzt. Den Oppositionellen wird ebenfalls vorgeworfen, auf C-Waffen zurückgegriffen zu haben.

Welche Konsequenzen könnte der Angriff für das Assad-Regime haben?

Assad hat schon viele rote Linien überschritten, Konsequenzen hatte es bisher nie. Als US-Präsident Barack Obama seinem Regime im August 2012 mit einem militärischen Eingriff drohte, sollte es Giftgas einsetzen, blieb Assad unbeeindruckt.

Und tatsächlich hatten die Saringas-Angriffe in Damaskus ein Jahr später keine Konsequenzen.

Jetzt wollen die Syrien-Ermittler des UN-Menschenrechtsrates den neuerlichen Giftgas-Angriff untersuchen, teilten sie in Genf mit. “Sowohl der Einsatz von chemischen Waffen als auch der bewusste Angriff auf medizinische Einrichtungen würden ein Kriegsverbrechen und eine weitreichende Verletzung der Menschenrechte bedeuten”, hieß es in einer Stellungnahme.

Frankreich und Großbritannien haben eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats gefordert. Und US-Außenminister Rex Wayne Tillerson sagte, Russland und Iran sollten ihren Einfluss auf Assad geltend machen, “um zu versichern, dass solche grausamen Attacken niemals wieder geschehen”.

Sollte Assad tatsächlich eines Tages gestürzt und gefangen genommen werden, würde er sicher vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag landen. Bisher hat jedoch noch keine Grausamkeit des syrischen Diktators die Weltgemeinschaft dazu bewegt, ihm das Handwerk zu legen.

Es ist zu befürchten, dass auch der Giftgas-Anschlag von Khan Sheikhoun daran nichts ändern wird.

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(bp)