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04/04/2017 18:49 CEST | Aktualisiert 05/04/2017 11:51 CEST

Der Zorn Gottes - wie christliche Sekten Kinder misshandeln

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Der Zorn Gottes - wie christliche Sekten Kinder misshandeln

Ein Kind will nicht beten. Und kassiert von seinen Eltern dafür Schläge.

Ein Kind bittet um ein Eis. Und bekommt von seinen Eltern eine gescheuert.

Ein Kind hört von seinen Eltern, dass die Welt untergehen wird. Und nässt in der Nacht aus lauter Angst ein.

Das deutsche Recht nennt so etwas Kindesmisshandlung. Einige fundamentalistische Christen nennen so etwas Gottes Wille.

Besorgnis nimmt zu

Und diese radikalen Christen gibt es auch in Deutschland. Sekten-Experten berichten der Huffington Post, dass sie vermehrt Anfragen besorgter Menschen erhalten, die wissen wollen, wie gefährlich neue christliche Gemeinschaften sind. Bei der Sekten-Info in Nordrhein-Westfalen etwa waren 2016 fundamentalistische Christen das Top-Thema, das die Anrufer beschäftigte.

Und immer wieder rufen auch Menschen an, die Hinweise darauf haben, dass radikale Christen ihren Kindern etwas antun. In ihrem neuen Jahresbericht warnt die Sekten-Info ausdrücklich vor der Gefahr.

Am bekanntesten ist wohl der Fall der "Zwölf Stämme". Die Sekte lebte in Schwaben und Mittelfranken, verweigerte ihren Kindern über Jahre den Schulbesuch. Und ließ dafür die hauseigene Lehrerin prügeln, wenn ein Kind stotterte, etwas falsch vorlas. Bis zu 33 Schläge mit der Rute am Tag erhielten die Kinder.

Je religiöser die Eltern, desto massiver prügeln sie

Die Lehrerin der "Zwölf Stämme" sitzt inzwischen für zwei Jahre hinter Gittern. Ende vergangenen Jahres wurde das Urteil rechtskräftig. Die Behörden haben 2013 40 Kinder in Obhut genommen.

Aber die "Zwölf Stämme" sind nicht die einzigen, die mit der Prügelstrafe für Kinder auffallen.

Sabine Riede, Pädagogin der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen, sagt der Huffington Post: "Wir erfahren, dass Kinder in christlich-fundamentalistischen Kirchen häufiger geschlagen werden."

Das deckt sich auch mit den Erkenntnissen, die der Kriminologe Christian Pfeiffer in Befragungen von Schülern gewonnen hat: Je religiöser die Eltern, desto massiver prügeln sie.

So finden sich in diversen deutschsprachigen evangelikalen Erziehungsratgebern Anweisungen zum Schlagen. Die Schweizer Fachstelle für Sektenfragen, Info Sekta, hat dazu erschütternde Beispiele zusammengetragen. "Kindererziehung nach Gottes Plan" von Gary und Anne Marie Ezzo zum Beispiel werde von vielen Gemeinschaften genutzt und sei eine "systematische Anleitung zu körperlicher und psychischer Misshandlung von Kindern".

Details zeigen, wie perfide die Anweisungen sind, etwa zur Wahl der richtigen Rute: "Dagegen schmerzen die Schläge eines leicht biegsamen Gegenstandes, ohne dabei Knochen oder Muskeln zu schädigen [...] Verspürt das Kind keinen Schmerz, ist das Instrument wahrscheinlich zu leicht oder zu weich. Bleiben Verletzungen zurück, war der Gegenstand zu hart oder er wurde unsachgemäß verwendet."

Bis das Kind aufgegeben hat

Der radikal-christliche Autor Michael Pearl schreibt in "Wie man einen Knaben gewöhnt": "Wenn Sie sich auf ein Kind setzen müssen, um es zu versohlen, dann zögern Sie nicht. Und halten Sie es solange in dieser Stellung, bis es aufgegeben hat."

Die Sektenbeauftragte Riede verweist außerdem auf Fälle von Misshandlung durch die Organische Christus Generation (OCG), die ihr begegnet sind. "Ihr Gründer Ivo Sasek hat sein eigenes Erziehungskonzept entwickelt", sagt Riede. "Erziehen mit Vision" heißt das Buch. Darin rate er, die Kinder auch mit der Rute zu züchtigen.

Alles zum Wohl der Kinder natürlich. "Er will alle Kinder vor dem Höllengericht bewahren", sagt Riede.

Die Pädagogin hält es für "doppelt schlimm", wenn Schläge mit dem Glauben begründet werden. "Denn die Eltern reden sich damit heraus, dass sie ja gar nicht schlagen wollten, sondern müssten, um die bösen Kinder vor der Hölle zu bewahren. Damit findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Das Kind hat keine Chance, sich dagegen aufzulehnen."

Psychische Misshandlung

Ein Kind, das sich wehrt, läuft Gefahr, erst recht als "sündig" verurteilt zu werden, wie es Info Sekta formuliert.

Die meisten Hinweise auf Kindeswohlgefährdung, die Riede im vergangenen Jahr erhalten hat, bezogen sich allerdings nicht auf körperliche, sondern psychische Misshandlung.

Auch Matthias Pöhlmann, Experte für christliche Sekten der Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, kennt die Probleme.

Er skizziert das Weltbild fundamentalistischer Gemeinschaften im Gespräch mit der Huffington Post so: "Gut gegen Böse, Licht gegen Dunkel, Göttliches gegen Satanisches, Reinheit gegen Kontamination."

Den Kindern wird Angst vor Apokalypse gemacht

Es sind Vorstellungen, die Kindern große Angst machen können. Sie fürchten die nahende Apokalypse, sehen überall im Leben satanische Versuchungen.

Dazu kommt, sagt Pöhlmann, dass Abschottung für viele Gruppen dazugehöre. Christine Schachtsiek von der Leitstelle für Sektenfragen Berlin sagt der Huffington Post, manche Eltern würden es ihren Kindern zum Beispiel verbieten, ihre Großeltern zu sehen, wenn diese nicht der selben Glaubensgemeinschaft angehörten.

"Weil sie dort Fernsehen dürfen, weil diese sich nicht an Ernährungsvorschriften halten, weil sie Bücher vorlesen, in denen Phantasiewesen eine Rolle spielen." Das klingt nicht dramatisch, sagt Schachtsiek, sei aber eine Verletzung der Rechte des Kindes.

In manchen Fällen werden Kinder sogar regelrecht seelisch misshandelt.

Die Folgen der Gewalt sind existentiell

Riede verweist auf den Psychoterror, den etwa OCG-Gründer Susek verbreitet: "Er behauptet, das Böse zeige sich, wenn ein Kind einen eigenen Willen entwickele. Wenn es zum Beispiel einen Wunsch äußert. Dieser Wille müsse gebrochen werden. Eine ganz und gar grausame Vorstellung. So erzieht er Kinder, die keine eigenen Entscheidungen treffen können. Selbst als Erwachsene fühlen sie sich noch unmündig."

Wenn dann das Kind noch an Gott zweifelt oder vielleicht sogar homosexuelle Neigungen hat, kann es laut Info Sekta "in größte Not kommen". Schließlich scheint seine Situation ausweglos – und es selbst an seiner Not schuld.

Die Folgen der Gewalt sind existenziell für die Kinder: Experten warnen vor einem massiv beschädigten Selbstwertgefühl, Lernproblemen, Angstzustände, Depressionen, Suizidgedanken und vielem mehr.

Anfragen wegen Gewalt durch radikale Christen nehmen zu

Wie viele Kinder in Deutschland aus religiösen Gründen seelisch oder körperlich misshandelt werden, ist schwer zu schätzen.

Denn viel dürfte im Verborgenen ablaufen. Denn dass Gruppen etwa ihre Ansicht zur Züchtigung so offensiv einfordern, wie es die "Zwölf Stämme" tun, ist die Ausnahme. "Wir gehen davon aus, dass das eher verdeckt kommuniziert wird", sagt Schachtsiek.

Die fundamentalistisch-christliche Szene ist zudem unübersichtlich. Ständig gibt es Auflösungen oder Neugründungen von Gruppen – oder sie sind formal gar nicht organisiert, sagt Schachtsiek, weil sie etwa in der Tradition "eines Teils der Brüderbewegung stehen, die damit argumentierten, dass die Urgemeinde auch keine Institution war".

Gesetze werden nicht konsequent angewandt

Für die Kinder ist das kritisch. "Je kleiner eine Gemeinschaft ist, desto stärker kann die Gewalt gegen die Kinder ausfallen. Weil sich eine kleine Gemeinschaft besser abschotten kann", sagt Riede.

Die gesetzliche Grundlage, um Kinder zu schützen, ist allerdings gut in Deutschland. Riede sagt sogar, sie reiche aus. Aber sie werde manchmal nicht konsequent genug angewandt.

"Wenn jemand Misshandlung mit Religion begründet, lähmt das offenbar viele Menschen. Sie haben Angst, die Glaubensfreiheit anderer zu beeinträchtigen. Tatsächlich darf jeder glauben, was er will. Aber er darf nicht tun, was er will."

Er kann dann höchstens ins Ausland auswandern. Wie die "Zwölf Stämme", die zum Jahreswechsel nach Tschechien umgezogen sind, wo sie nach eigenem Bekunden gut angekommen sind. Und nach tschechischem Recht Hausunterricht erteilen und auch "züchtigen" dürfen.

Denn auf EU-Ebene, da ist es mit den Standards zum Kinderschutz noch nicht so weit her.

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(ben)

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