Der Terroranschlag von Sankt Petersburg nützt Putin - das nährt einen bösen Verdacht

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Der Terroranschlag von Sankt Petersburg nützt Putin - das nährt einen bösen Verdacht | POOL New / Reuters
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  • Der Anschlag in Sankt Petersburg nützt Präsident Putin
  • Kritiker äußern den Verdacht, der Kreml könnte in das Attentat verwickelt sein
  • Andere werfen der Regierung vor, über die Bespitzelung der Opposition die Terrorabwehr zu vernachlässigen

So unklar es ist, wer hinter dem Bomben-Terror in Sankt Petersburg steckt – so offensichtlich ist, welche Folgen er haben wird: Die politischen Prioritäten in Russland werden sich völlig ändern, ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen.

Statt Korruption und Willkür, Wirtschaftskrise und Massenprotesten werden Terror und Sicherheit die wichtigsten Themen sein.

Der Anschlag erinnert an das Drama von 1999

Genauso wie 1999, als der damals kaum bekannte Waldimir Putin, Ziehsohn des greisen Präsidenten Boris Jelzin, nach mehreren Bombenanschlägen auf Wohnhäuser mit mehr als 300 Toten zum Hoffnungsträger der Nation wurde. Auch damals standen im Folgejahr Präsidentschaftswahlen ins Haus.

Im russischen Internet löste der neue Terror von Petersburg denn auch viele Spekulationen aus. Hier eine Übersicht:

"Terror passt zur Tagesordnung des Diktators"

"Tragödie in Petersburg. 'Unbekannte Terroristen' haben es zum wiederholten Mal geschafft, sich genau an die politische Tagesordnung des russischen Diktators zu halten“, schreibt der bekannte Oppositionspolitiker und frühere Schachweltmeister Garri Kasparow – und äußert damit verklausuliert den Verdacht, der Kreml selbst könne hinter dem Terror stecken.

Für die Ohren westlicher Beobachter klingt das unerhört. Allerdings gab es nach dem Bombenterror 1999, der entscheidend war für Putins Weg in den Kreml, nie eine wirkliche Aufklärung, dafür aber Spuren zum Geheimdienst FSB, dem früheren KGB.

Namhafte Kremlkritiker werfen dem Dienst vor, damals die Hände im Spiel gehabt zu haben. Zwei Abgeordnete, die sich um eine Aufklärung bemühten, kamen ums Leben; ebenso der Ex-Agent Alexander Litwinenko und der frühere Putin-Förderer und spätere Intimfeind Boris Beresowski.

Vor lauter Abhören das Schützen vergessen?

Viele Blogger empören sich, dass die Geheimdienste offenbar zu sehr mit dem Kampf gegen Andersdenkende beschäftigt waren, insbesondere Schüler und Studenten, die den Großteil der Anti-Korruption- Demonstranten am vorletzten Wochenende ausmachten. "Es war ein großer Anschlag, am Tag von Putins Besuch in der Stadt“, schreibt der Blogger Ilya Varlomov: "Die Geheimdienste haben das verpennt, während sie Jagd auf Schüler machten.“

Michael Pojarsky schreibt: "Während die Dienste ihre Energie darauf verwendeten, liberale Aktivisten abzuhören, die Stiftung für die Bekämpfung der Korruption zu observieren und Schüler im Zentrum im Polizeigriff abzuführen, können andere leicht unbemerkt Bomben machen und mit ihnen durch die Stadt spazieren.“

"Ihr fahrt nicht mit der U-Bahn"

"Nach diesem Anschlag hat die Gesellschaft das Recht, die Regierung zu fragen: Warum zum Teufel schützt ihr uns nicht, wo ihr uns doch unter dieser Parole so viele Freiheiten wegnehmt?“, schreibt Masha Makeeva auf Facebook: "Wieso zum Teufel hört der Terror dann nicht auf? All diese Fragen werden nie beantwortet, und stattdessen hören wir von der Regierung jedes Mal ein und dasselbe: Wir müssen jetzt noch enger zusammenrücken, Freude, einig sein im Angesicht der Bedrohung, jetzt Vorwürfe und Ansprüche zu erheben, das ist ein Frevel, wir haben es doch mit einer Tragödie zu tun. Nein, Freunde, das ist nicht unsere Tragödie, denn ihr fahrt nicht mit der U-Bahn!“

Ähnliche Töne schlägt auch Nikolai Polozov an: "17 Jahre hat das Regime die bürgerlichen Freiheiten um der Sicherheit willen eingeschränkt. Die heutige Explosion in der Metro von Sankt Petersburg zeigt: Wir haben weder Freiheit, noch Sicherheit.“

Sankt Petersburg galt als vergleichsweise sicher

Augenzeugen beklagen online, dass es sehr lange gedauert habe, bis die Polizei am Tatort eintraf und ihn sicherte. Wie tief der Schock sitzt, zeigt der Blog-Kommentar von Andrey Pivovarov: "Selbst während des Konflikts im Nordkaukasus gab es in unserer Stadt keine Bombenanschläge.“ Petersburg, das oft auch als "zweite“ oder "heimliche“ Hauptstadt Russlands bezeichnet wird, galt bei seinen Bewohnern als sicherer als andere Städte.

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Sergej Jeschow beklagt, dass nach dem Anschlag in Petersburg in der Moskauer Metro keinerlei erhöhte Sicherheitsmaßnahmen zu erkennen gewesen sein. In der Moskauer Untergrundbahn stehen seit Jahren Metallsuch-Rahmen – aber sie werden nicht benützt. Angesichts der Menschenmassen, die dort unterwegs sind, wäre ein Einsatz der Geräte wohl auch kaum möglich, ohne für massive Behinderungen zu sorgen.

Der bekannte russische Schriftsteller und Ultra-Nationalist Alexander Prochanow wies im "Ersten Kanal“, Russlands zentralem Fernsehsender, auf einen möglichen Zusammenhang zwischen den jüngsten Protesten gegen Putin, Korruptionsenthüllungen und dem Terror hin: Alles habe eine gemeinsame Wurzel, sei koordiniert, und es gehe darum, die Lage vor den Präsidentschaftswahlen zu destabilisieren, so der berüchtigte Schriftsteller.

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(sk)