POLITIK
03/04/2017 12:09 CEST | Aktualisiert 03/04/2017 15:15 CEST

Fremdenfeindliches Mobbing an Schulen: "Sie wollen ihre Opfer vernichten"

  • Fremdenfeindliches Mobbing ist ein gravierendes Problem an Deutschlands Schulen

  • Die Flüchtlingskrise hat den Rassismus in die Klassenzimmer gespült - und das bringt Eltern und Lehrer an ihre Grenzen

  • Mobbing kann Schüler in den Selbstmord treiben

Es ist der Moment, den Rebecca Lina wohl nie vergessen wird.

Vor einem Jahr kam ihre heute neunjährige Tochter nach Hause. Klassenkameraden hätten sie in der Schule "Kakalena" genannt. So schildert es Lina in einem Blogbeitrag bei der Huffington Post.

Die Schauspielerin lebt in Berlin Mitte, dort geht auch ihre Tochter zur Schule. "Ich kann nicht aus meiner Haut. Und meine Kinder auch nicht" schreibt sie. "Meine Haut ist, ich würde sagen Latte Macchiato-braun, die meiner Tochter karamellbraun."

Lina hat krauses Haar, trägt es lockig und "jeder sieht ganz deutlich, dass sich in diesem schönen Gesicht verschiedene Nationalitäten mischen", erklärt sie.

"Das bricht mir das Herz"

Dass ihre Tochter in ihrem jungen Alter schon Rassismus erfahren muss, „bricht mir das Herz“, schreibt Lina in ihrem Beitrag. Es erinnert sie an ihre eigene Kindheit. "Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Als einzig dunkelhäutiges Kind weit und breit."

Kinder, die durch eine solche Hölle gehen müssen, sind leider keine Seltenheit in Deutschland im Jahr 2017. Erst am Wochenende sorgte eine Meldung für Aufregung, laut der ein 14-jähriger Junge die Schule wegen antisemitischer Attacken wechselte.

Dass Schüler wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihres Glaubens gemobbt werden, ist ein gravierendes Problem an Deutschlands Schulen.

Die Flüchtlingskrise hat es verstärkt, die Fälle bringen Eltern und Lehrer an ihre Grenzen. Und Schüler kann er sogar aus der Bahn werfen, wenn nicht sogar in den Selbstmord treiben.

„Quasi täglich gibt es an hunderten und tausenden Einrichtungen Fälle von Diskriminierung – und natürlich auch rassistisches Mobbing“, warnt etwa Sanem Kleff.

Die Pädagogin leitet das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, das größte seiner Art in Deutschland. Über 2500 Schulen aus der ganzen Republik haben sich zusammengetan, um Rassismus an Schulen den Kampf anzusagen.

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Rebecca Lina und ihre Kinder

"Rassismus am Küchentisch tragen Kinder ins Klassenzimmer"

Es gebe Orte in Deutschland, wo durch die Flüchtlingskrise das erste Mal Kinder mit Migrationshintergrund in eine Schule gekommen sind. Das sorge für Spannungen unter den Schülern, die von ihren Eltern im schlimmsten Fall noch angestachelt werden.

„Es bleibt nicht folgenlos, wenn am Küchentisch über Überfremdung und Islamisierung geredet wird“, sagt sie.

Wenn etwa der Vater mit Galgen bei Pegida mitläuft und seinem Sohn das so erklärt, dass Merkel Verbrecher und Terroristen ins Land lasse – wie reagiert dann wohl der Junge am nächsten Tag in der Schule, wenn er einen Ausländer sieht? „Den Rassismus am Küchentisch tragen Kinder ins Klassenzimmer."

Sie berichtet außerdem von Praktiken an Schulen, die fassungslos machen.

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"Wer nicht perfekt Deutsch spricht läuft Gefahr, zum Opfer zu werden"

Etwa davon, dass Schulleiter Flüchtlinge in Abstellkammern unterrichten ließen. Oder sie erst auf den Pausenhof ließen, als die anderen Schüler schon wieder in ihren Klassen waren – damit sie sich nicht begegneten.

„Natürlich fördert das auch den Rassismus unter den Kindern“, warnt die Berlinerin.

Der Lehrerverband ist unlängst alarmiert. „Ich kann nur davor warnen, die Integration von Flüchtlingskindern auf die leichter Schulter zu nehmen“, sagt Verbandschef Josef Kraus. In den kommenden Monaten und Jahren werden immer mehr Schüler aus Integrations- in die regulären Klassen wechseln.

„Darauf müssen Eltern und Lehrer die Schüler deutlich besser vorbereiten, sonst werden die Fälle von rassistischem Mobbing zunehmen“, sagt Kraus.

Er fordert, Schüler mit der Religion, den kulturellen Bräuchen und dem Land, aus dem Flüchtlinge kommen, vertraut zu machen. Ein wichtiger Punkt sei auch die Sprache. „Wer nicht perfekt Deutsch spricht, läuft Gefahr, zum Mobbingopfer zu werden.“

Denn die Folgen seien für die betroffenen Schüler dramatisch – es raube den Kindern und vor allem den Opfern „die Energie, die sie benötigen, um den Unterricht zu meistern“, sagt Kraus. Rassistisches Mobbing könne Kinder so „ganz aus der Bahn werfen“.

Doch was bewegt ein Kind eigentlich dazu, andere als „Neger“ zu beschimpfen oder zu schreien: „geh dahin, wo du herkommst“? Die Worte unterscheiden sich nicht von rechtsradikalen Erwachsenen. Aber weiß ein Kind wirklich, was es da sagt?

Es gibt darauf keine eindeutige Antwort. Nicht politische Motive machen Mobber zu dem, was sie sind. Sondern ihre Erfahrungen aus der Kindheit, sagt zum Beispiel der Pädagoge und Buchautor Karl Gebauer.

Mobbende Kinder mussten oft eine Ohnmachtssituation erleben

Täter orientierten sich zwar an Äußerlichkeiten – und deswegen seien Kinder mit einer anderen Hautfarbe oder Herkunft besonders gefährdet. „Wir sollten uns aber hüten, das als Mobbingursache zu nennen“, sagt Gebauer.

Mobbende Kinder hätten meist selbst eine Ohnmachtssituation erlebt, aus der sie sich nicht befreien konnten.

Ihre Eltern sperrten sie ein oder schlugen sie. „Mobbing ist die Umwandlung dieser Ohnmacht in Macht über andere“, sagt Gebauer. Der Mobber lege es darauf an, seinem Opfer zu schaden und es „im Extremfall zu vernichten“ – etwa durch einen Selbstmord.

Das macht es für Lehrer besonders schwer, die Fälle zu lösen.

Die Schauspielerin Rebecca Lina ist hingegen froh, dass ihre Tochter mit einem so guten Selbstbewusstsein gesegnet ist. Und auch dass die Beschimpfungen "ihr kleines Seelenheil nur streift und nicht zutiefst verletzt", wie sie in ihrem Post für die Huffington Post schreibt.

Dennoch appelliert Lina an alle Eltern. Jeder sollte über seine Worte nachdenken, bevor er sie ausspricht. Und er sollte sie so wählen, "dass wir alle unsere Kinder zu weltoffenen Menschen erziehen."

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(mf)

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