WIRTSCHAFT
03/04/2017 16:46 CEST

Gegen den Gebühren-Wahnsinn: Die Abrechnung eines Kunden mit seiner Bank

Bloomberg via Getty Images
Kunde am Geldautomat

Liebe Flatex-Geschäftsführung,

nach 16 Jahren in Russland bin ich hart im Nehmen, was schlechten Service angeht. Und es gibt eigentlich wenig, was mich wirklich wundern kann, wenn es um ruppigen Umgang mit Kunden geht. Sie haben es dennoch geschafft: Die Einführung von Strafzinsen, de fakto klammheimlich, durch die Hintertür – das ist ein starkes Stück.

Ich fürchte, dass es Schule macht (genauso wie die Gebühren, die zahlreiche Banken jetzt für's Abheben an Geldautomaten verlagngen) – deshalb schreibe ich Ihnen diesen offenen Brief, auch um andere Bankkunden zu warnen.

Ich wäre wohl für viel länger in die Falle getappt, hätte ich nicht durch Zufall in einem Vergleichstest verschiedener Depot-Anbieter bei "Focus Money" entdeckt, dass Sie Guthaben seit 15. März nicht mehr vergüten – sondern den Kunden dafür bestrafen.

Zahlreiche Banken zahlen ihren Kunden noch Zinsen

Mir wäre fast das Heft aus der Hand gefallen, und die Mitreisenden im ICE, wo ich es las, machten sich wahrscheinlich schon Sorgen um mich und dachten, ich hätte urplötzlich etwas mit dem Herz.

Bisher hatte ich nur unter der Rubrik Kuriosa darüber gelesen, dass einige kleinere, regionale Banken die Strafzinsen, die die Europäische Zentralbank ihnen in Rechnung stellt, an ihre Kunden weitergeben – etwa die Skatbank. Und auch das nur ab Summen, die astronomisch wirken, zumindest für mich.

Es gibt immer noch genügend Banken, die an ihre Kunden Zinsen bezahlen. Etwa beim Tagesgeld: bescheiden, aber immerhin. Ich hoffte deshalb auf ein Missverständnis – so eine massive Änderung der Bedingungen zu meinen Ungunsten, ohne dass ich etwas davon erfahre?

Das kann doch nicht sein, dachte ich mir. Und schrieb hastig an Ihren Kundenservice. Die Antwort war schnell, kurz und schmerzhaft: "Es ist korrekt, dass flatex seit dem 15. März 2017 Bareinlagen quartalsweise mit 0,40 % p.a. belastet."

Bank hat mich nicht gewarnt

In meiner Not fragte ich Ihre Kollegen zurück, warum ich nicht wenigstens vorab informiert wurde. Die Antwort: "Die Mitteilung über die Einführung der Negativzinsen wurde bereits am 03.03.2017 in Ihrem Dokumentenarchiv zur Verfügung gestellt. Das Dokumentenarchiv ist das Kommunikationsmedium zu unseren Kunden, welches Sie mindestens einmal wöchentlich kontrollieren sollten.“

Mehr zum Thema: "Ende der Umsonstkultur": Viele Banken erheben jetzt diese dreiste Gebühr

Leicht gesagt, aber realitätsfern. Zumindest für Kunden, die mehrere Konten haben und wohl kaum noch einem geregelten Job nachgehen könnten, würden sie ständig alle Online-Postfächer prüfen. Umso mehr, wenn sie so schwer zu finden sind wie bei der flatex. Gerade habe ich es extra nochmals versucht: Keine Spur von einem Warnschreiben. Den Screenshot schicke ich Ihnen gerne zu.

Ihre Begründung für die Strafzinsen ist herzerweichend: "Sicherlich ist auch uns diese Entscheidung nicht leichtgefallen. Da wir jedoch auch in der Vergangenheit Fremdkosten stets 1:1 an unsere Kunden weitergereicht haben, haben wir uns auch in diesem Falle zu einer transparenten Weitergabe in dieser Form entschieden."

Begründung ist Augenwischerei

Soll ich jetzt dankbar sein, dass Sie so "transparent" sind und mich abkassieren? Wo bitte ist die Transparenz, wenn ich davon nur durch Zufall erfahre?

Weiter schreiben Sie: "Dass andere Anbieter diesen Schritt noch nicht vollzogen haben, spielt für uns dabei keine Rolle." Für mich als Kunden aber sehr wohl.

Ihre weitere Begründung wirkt für mich wie Augenwischerei: "Trotz der Einführung der Negativzinsen hebt sich unser Preisverzeichnis nach wie vor deutlich vom Großteil anderer Anbieter zu Gunsten der Kunden ab. Dies möchten wir an dieser Stelle hervorheben."

Mag sein, aber bei entsprechend hohen Einlagen ist es durchaus möglich, dass ich als Kunde draufzahle. Noch mehr als der Strafzinsen ärgert mich, dass ich das Gefühl habe, als Kunde für blöd verkauft zu werden.

Strafzins am 1. April

Liebe Flatex-Geschäftsführung, ich verstehe Ihre Nöte mit den Negativzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB). Glauben Sie mir - wir Sparer haben noch größere Nöte damit: Dass man für sein Geld keine anständigen Zinsen mehr erhält, führt Sparen ad absurdum. Und es führt zu Verwerfungen in der Wirtschaft – die explodierenden Mieten lassen grüßen.

Klar - zu verantworten hat das die EZB, nicht Sie. Aber trotzdem: Sie sind jetzt die Tabubrecher – weil mit Ihnen erstmals eine große, bundesweite Bank die Strafzins-Politik der EZB vom ersten Euro an den Kunden weitergibt. Ihr Beispiel wird, so fürchte ich, Schule machen, und Sie treten damit einen Sturm los, der bald auf viele deutschen Sparer zurollen könnte.

All das mag einem als Kunden nicht gefallen – aber ist Ihr gutes Recht als Privatunternehmen, genauso wie es das Recht von uns Kunden ist, die Bank zu wechseln.

Um ein Zeichen zu setzen, nach dem Motto: Wehret den Anfängen. Was allerdings nicht okay ist: Dass Sie den Strafzins so still und leise einführten, dass ich nur durch Zufall davon erfuhr, mein Konto nicht rechtzeitig leerräumen konnte – und deshalb heute am 1. April auch schon meinen ersten Strafzins bezahlen musste, wie ich gerade auf meinem Kontoauszug nachlesen konnte.

Der Kunde als mündiger Bürger

Daher meine große Bitte an Sie: Wenn Sie schon die Spielregeln so drastisch zu Lasten des Kunden ändern, wenn Sie schon Ihre eigene "Transparenz" preisen – schicken Sie wenigstens einen Brief und/oder eine E-Mail, schalten Sie beim Online-Banking einen Warn-Hinweis, der sofort ersichtlich ist.

Und erzählen Sie mir bitte nicht, dass die Verschlechterung der Bedingungen doch nur "Transparenz" sei, also etwas Gutes für mich. Verstecken Sie sich nicht hinter Paragraphen: Wenn schon Strafzinsen, dann erst ab dem Moment, in denen der Kunde wirksam gewarnt wurde – nicht nur via Online-Postfach.

Auch wenn es vielleicht schwerfällt, das zu verstehen: Wir Kunden sind mündige Bürger, und möchten auch so behandelt werden. Ohne Glasnost wechseln wir einfach die Bank.

Mit freundlichen Grüßen

Boris Reitschuster

Der Autor: Boris Reitschuster gilt als „einer der führenden Russland-Experten in Deutschland“ (Cicero) und ist Autor der Huffington Post. Er leitete 16 Jahre das Moskauer Büro des „Focus“. Zuletzt erschien sein Buch „Putins verdeckter Krieg – wie der Kreml Europa destabilisiert“ im Econ-Verlag, Berlin. Homepage: www.reitschuster.de

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