Lieber Jakob Augstein, Sie irren sich: Heimatliebe hat nichts mit dem Rassismus der AfD zu tun

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JAKOB AUGSTEIN
Lieber Jakob Augstein, Sie irren sich: Heimatliebe hat nichts mit dem Rassismus der AfD zu tun | ullstein bild via Getty Images
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Lieber Jakob Augstein!

In einem Punkt haben Sie in ihrem aktuellen Text Recht: „"Heimat“ ist etwas, was vielen Menschen in Deutschland etwas bedeutet.

Übrigens auch mir. Wenn ich an meinen nordhessischen Geburtsort Frankenberg zurückkehre, spüre ich schon viele Kilometer vorher, dass ich bald dort ankomme, wo ich zu Hause bin: An dem Schwung der Hügel, an der Farbe der Erde, an der Sprache der Menschen.

Ich gebe gerne zu, dass ich nicht wie ein Weltbürger fühle. Es gibt diesen Flecken Erde, den ich in den ersten 20 Jahren meines Lebens lieben gelernt habe. Und dabei bleibt es.

Gerade deswegen ärgert mich Ihr aktueller Text auf "Spiegel Online“, in dem sie sich darüber beschweren, dass der neue SPD-Vorsitzende Martin Schulz das Thema "Heimat“ angeblich der AfD überlasse. Dabei nehmen sie selbst Argumente der Rechtsradikalen an. Etwas Schlimmeres könnte der Diskussion nicht passieren.

Sie nehmen Sahra Wagenknecht (Linke) in Schutz, die gleich mehrfach nach ihren unsäglichen Äußerungen über Flüchtlinge in die Kritik geraten war.

Sahra Wagenknechts Asylkritik

Wagenknecht schrieb nach dem Terror-Anschlag von Nizza auf Facebook: "Ich denke, Frau Merkel und die Bundesregierung sind jetzt in besonderer Weise in der Verantwortung, das Vertrauen der Menschen in die Handlungsfähigkeit des Staates und seiner Sicherheitsbehörden zu erhalten.“

Damit stellte sie Zuwanderer pauschal unter Terrorverdacht und erweckte nebenbei den Eindruck, als stünde Deutschland kurz vor dem Staatskollaps. Diesen Unsinn halten sie offenbar für legitime "Asylkritik“.

Weiter schreiben Sie von "handfesten Maßnahmen“, die der Staat ergreifen sollte, um das "Recht auf eigene Identität“ zu schützen: "In keiner deutschen Schulklasse soll der Anteil der Kinder, für die Deutsch keine Muttersprache ist, höher als 25 Prozent liegen. Wie viele Eltern - und Lehrer - würden der SPD danken, wenn sie diese Forderung in ihr Wahlprogramm aufnähme?“

Wenn man dies umsetzen würde, müssten wahrscheinlich alle internationalen Schulen von Berlin schließen. Aber die schwedischen und finnischen Muttersprachler meinten Sie wahrscheinlich ja gar nicht. Sie haben sich wohl nicht getraut zu schreiben, dass Sie Klassen mir einem Anteil von mehr als 25 Prozent arabischen und türkischen Muttersprachlern ablehnen.

Aber genau das ist es, wovor sich die von Ihnen angesprochenen "besorgten Bürger“ fürchten.

Ein verschwurbelter Heimatbegriff

Sie benutzen die gleichen Argumentationsmuster, mit denen auch Leute wie Horst Seehofer operieren. Angeblich müsse man die "Sorgen der Menschen“ ernst nehmen. Auch Sigmar Gabriel wollte einst mit Pegida reden. Ebenso wie die von Ihnen so vehement in Schutz genommene Sahra Wagenknecht, die allen Ernstes vor zwei Jahren darüber schwafelte, die Bürger hätten das Gefühl, da sei "endlich mal eine Protestbewegung".

All die Versuche, den Rechten in deren Argumentation entgegen zu kommen, sind kapital gescheitert. In dem Moment, wo Demokraten die Argumente der Fremdenfeinde aufnehmen, profitieren meist nur die Fremdenfeinde. Weil die Wähler lieber das rechtsradikale Original wählen als irgendeinen billigen Abklatsch.

Was mich aber am meisten ärgert, das ist ihr verschwurbelter und bisweilen feiger Heimatbegriff. Ganz so, als ob Heimat etwas wäre, was immer auch mit Hautfarbe und womöglich auch mit Religionszugehörigkeit zu tun habe.

Heimat verändert sich

In meiner Geburtststadt gab es vor 70 Jahren noch keine Muslime. Die "Ausländer“ waren vornehmlich die Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten und die Zuwanderer aus dem benachbarten Westfalen, deren größtes Unterscheidungsmerkmal ihre katholische Konfession war.

Sie haben sich unterhalb unserer großen, protestantischen Sandsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert ihre eigene, weitaus kleinere Kirche gebaut. Und soll ich Ihnen was sagen? Mich hindert bis heute keiner daran, meine protestantischen Gottesdienste zu besuchen.

Genauso verhielt es sich mit den türkischen und arabischen Einwanderern: Es gibt eine Moschee, die in der Nähe unseres Bahnhofs liegt. Aber das Abendland ist deswegen im beschaulichen Frankenberg noch nicht untergegangen.

Mir macht nur die AfD Angst

Heimat muss sich entwickeln, um leben zu können. Andernfalls ist sie etwas Autoritäres, das man weder gestalten noch beleben kann. Das wissen die Bewohner der afghanischen Provinz genauso wie jene, die noch in den 50er-Jahren in einem beliebigen nordhessischen Dorf aufgewachsen sind.

Für mich ist Heimat keine Momentaufnahme aus der Vergangenheit, sondern ein Gefühl der Gegenwart. Ich trage das Gefühl von Geborgenheit, das ich in Frankenberg verspüre, überall mit mir, egal, wo ich mich auch gerade auf der Welt befinde. Und da gibt es für mich auch keinen Widerspruch.

Der existiert höchstens bei jenen, die aus der Angst vor Fremden und vor Veränderung politisches Kapital schlagen wollen. Das einzige, was jemals mein Heimatgefühl angegriffen hat, waren die Wahlerfolge der AfD. Aber ich bin derzeit guter Dinge, dass auch das eines Tages vorbei geht.

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(lp)