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Über 100 Verhaftungen, Folter, Mord: Die russische Republik Tschetschenien macht Jagd auf Schwule

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GAY RUSSIA
Interior Ministry officers detain a gay rights activist (2nd R) during a gay pride parade, unsanctioned by the city authorities, near the headquarters of Moscow city Duma in central Moscow May 27, 2012. REUTERS/Maxim Shemetov (RUSSIA - Tags: SOCIETY CIVIL UNREST POLITICS) | Maxim Shemetov / Reuters
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  • In der autonomen Republik Tschetschenien im Süden Russlands jagen die Behörden Schwule
  • Laut Zeitungsberichten wurden bisher über 100 Menschen verschleppt, etliche wurden gefoltert, mindestens drei wurden getötet
  • Die tschetschenische Regierung will von nichts wissen

Unter Teilen der tschetschenischen Bevölkerung breitet sich Panik aus. In der vergangenen Woche verschwanden zahlreiche Männer zwischen 16 und 50 Jahren.

Der unglaubliche Grund: Staatliche Behörden machen Jagd auf Homosexuelle und alle jene, die sie dafür halten. Das berichten die russische Zeitung "Nowaja Gazeta" und die US-Zeitung "New York Times" übereinstimmend.

Repressionen gegen Regimekritiker sind in der autonomen Republik im Süden Russlands an der Tagesordnung. Die neuesten Vorfälle stellen eine Verschärfung dar - zumal Schwule bis zuletzt nicht im Hauptfokus der tschetschenischen Behörden standen.

Mehr zum Thema: Psychoterror, Medienattacken und Morddrohungen: Das gefährliche Leben der Putin-Kritiker

Über hundert Menschen wurden verschleppt und gefoltert

Laut den Medienberichten sollen Sicherheitskräfte über hundert Menschen verschleppt und gefoltert haben. Mindestens drei Menschen seien getötet worden. Gezielt werden Menschen gejagt, die nach russischer Lesart eine "nichttraditionelle sexuelle Orientierung" hätten oder die dafür verdächtigt werden.

Seit einer Woche erreichten die "Nowaja Gazeta" zahlreiche Berichte über Massenverhaftungen. Sowohl der russische Geheimdienst FSB, das tschetschenische Innenministerium als auch LGBT-Aktivisten vor Ort hätten diese der Zeitung bestätigt.

So hätten die tschetschenischen Behörden von "präventiven Säuberungen" gesprochen, schreibt die "Nowaja Gazeta".

Homosexuelle würden in Tschetschenien nicht existieren

Allerdings bestreitet Alwi Karimow die Berichte, er ist Sprecher von Tschetscheniens autoritärem Präsidenten Ramsan Kadyrow. Aus seiner Sicht handele es sich dabei um "absolute Lügen und Desinformation".

Karimow stellte unverhohlen klar, dass es aus seiner Sicht gar keine Homosexuellen in Tschetschenien geben würde. Seine absurde Begründung: "Falls solche Menschen in Tschetschenien existieren würden, hätten ihre Verwandten sie zu einem Ort geschickt, von dem sie nicht zurückkehren können."

Ein Mitglied des lokalen Menschenrechtsrats wiegelte die Vorwürfe eiskalt ab: "Bis jetzt habe ich keine Beschwerden. Wenn ich welche hätte, würde ich sie noch nicht einmal anschauen."

Bundesregierung soll helfen

"Das Dementi aus Grosny klingt eher nach einer Bestätigung: Falls ein Homosexueller auftaucht, wird durch Ermordung seine Nichtexistenz bewiesen", erklärte hingegen der Grünen-Politiker Volker Beck auf seiner Facebookseite.

Er appellierte an den Bundesaußenminister und die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Diese sollten die antihomosexuelle Verfolgungswelle in Tschetschenien sehr ernst nehmen, den Verfolgten eine Aufnahme anbieten und bei der Rettung von Verfolgten helfen und sie gegebenenfalls auch finanziell unterstützen.

Die Situation für Schwule in der südrussischen Republik ist noch schlimmer als in anderen Teilen Russlands. Ein Großteil der russischen Bevölkerung betrachtet Homosexualität als Krankheit oder als schlechte Angewohnheit.

Notevakuierung wird organisiert

In Tschetschenien ist es quasi unmöglich, offen homosexuell zu leben. Aus diesem Grund hätten die Behörden ihre Opfer in sozialen Netzwerken kontaktiert und ausfindig gemacht.

Die verschleppten Männer - darunter auch bekannte religiöse Anführer und TV-Persönlichkeiten - seien an verschiedenen Orten festgehalten worden. Einige wurden mittlerweile wieder freigelassen, andere flüchteten aus der Region, als sie von der Verhaftungswelle erfuhren.

Das russische LGBT Network würde gerade versuchen, eine Notevakuierung zu organisieren, schreibt die Journalistin Elena Kostyuchenko auf Facebook.

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Verfolgte hätten "kaum eine Chance auf Überleben"

Auch wenn die staatlichen Peiniger ihre Opfer aus "Mangel an Beweisen" frei lassen, sind diese oftmals noch immer in Gefahr. Die Verfolgten hätten "kaum eine Chance auf Überleben", so die "Nowaja Gazeta".

Einerseits würden sich viele Angehörige nicht trauen, sich an die korrupten Behörden zu wenden. Andererseits sind in der extrem konservativen Region Ehrenmorde noch immer weit verbreitet.

Verwandte der durch die derzeitigen Maßnahmen geouteten - vermeintlichen oder tatsächlichen - Homosexuellen greifen zu dieser Maßnahme, um Schande für die Familie abzuwenden.

(jz)

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