"Jeder Kompromiss wird als Verrat gelten": Die internationale Presse blickt pessimistisch auf Brexit-Verhandlungen

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THERESA MAY
Die britische Premierministerin Theresa May steht vor schwierigen Verhandlungen | Stefan Wermuth / Reuters
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Es ist passiert.

Als erstes Mitglied in der Geschichte der Europäischen Union hat Großbritannien offiziell den Austritt aus der Gemeinschaft erklärt.

Jetzt beginnen die Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien. Die internationale Presse blickt diesen eher pessimistisch entgegen.

May setzt Kooperation in Sicherheitsfragen als Druckmittel ein

Die Londoner "Times" sieht May als harte Verhandlerin, die ein paar Asse in der Hand hält.

"In ihrem Brief (an die EU, Anm. d. Red.) deutet May auch an, dass Großbritannien robust vorgehen könnte, wenn sich dies als nötig erweisen sollte. Fast jede Erwähnung wirtschaftlicher Zusammenarbeit ist verbunden mit Hinweisen auf die Kooperation in Sicherheitsfragen. So warnt sie, dass es ein teurer Fehler wäre, die Kooperation für 'den Wohlstand und für den Schutz unserer Bürger' zu schwächen."

So könnten die Briten zum Beispiel den Austausch von Fingerabdrücken und die Vollstreckung europäischer Haftbefehle aufkündigen.

"Diese Karte so früh in den Brexit-Verhandlungen zu spielen, ist hoch riskant, aber es war geschickt verbunden mit weichmacherischen Tönen an anderer Stelle", kommentiert die "Times".

"Großbritannien hat seine Handelsbeziehungen mit Europa aufs Spiel gesetzt"

Die "New York Times" blickt den Verhandlungen skeptisch entgegen. "Das Resultat wird mit ziemlicher Sicherheit verlustreich werden. Großbritannien hat seine Handelsbeziehungen mit Europa aufs Spiel gesetzt, seinem größten Kunden für Exporte, und bedroht Londons Status als Banker des Planeten."

Die US-Zeitung weist auf den sehr engen Zeitrahmen von nur zwei Jahren in, in denen ein Abkommen gefunden werden muss.

"Auch wenn die Europäischen Staatslenker den Mittelweg suchen, könnte jede der Mitgliedsnationen den Verlauf mit ihren Forderungen entführen, während die Uhr tickt. Im letzten Jahr kippte eine einzige Provinz Belgiens ein Handelsabkommen zwischen Europa und Kanada, um Vorteile für ihre Milchbauern herauszuholen."

Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" schreibt: "Über viele Jahre hinweg hat sich die EU bemüht, es den Briten recht zu machen. Und nun wollen sie weg und dabei am liebsten noch das Tafelsilber behalten."

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Viele Europa-Abgeordneten fordern nun, dass die Briten die Kündigung der Mitgliedschaft einen hohen Preis zahlen sollen, um andere EU-Staaten von einem Austritt abzuhalten. Der "Volkskrant warnt:

"Rachegefühlen nachzugeben - wenngleich jeder beteuert, dass davon keine Rede sein könne - würde jedoch zu einem Fehlschlag führen. Das würde obendrein den Eindruck erwecken, dass die EU eine Art Sowjetreich ist, ein Völkergefängnis."

"Sie überhöhen die britische Verhandlungsposition grotesk"

Die "Neue Zürcher Zeitung" sieht May in einer schwierigen Lage, da sie extrem von den Konservativen in der eigenen Partei unter Druck gesetzt wird. "Für die kühle und rationale Taktikerin May werden die konservativen Euroskeptiker die ohnehin äußerst komplizierten Austrittsverhandlungen noch schwerer machen."

Das würde die Verhandlungen fast unmöglich machen. "May kann in deren Augen gar nicht gewinnen, denn sie überhöhen die britische Verhandlungsposition derart grotesk, dass jeder Kompromiss am Ende als Verrat gelten wird."

Die "NZZ" rät den europäischen Verhandlungsführern, die Angriffe britischer Populisten zu ignorieren und besonnen zu bleiben:

"Die EU-Staaten werden sich gegenüber dem stürmischen Umfeld auf der Insel möglichst taub stellen und ruhig Blut bewahren müssen. Am Ende haben auch sie ein Interesse an einer Lösung mit Großbritannien, die beiden Seiten vernünftige Beziehungen für Handel, Sicherheit, Bildung und Mobilität ermöglicht."

Den es gehe um zu viel, um sich aus der Ruhe bringen zu lassen: "Großbritannien ist zu wichtig, als dass man die Verhandlungen von rechtsnationalen Populisten und EU-Hassern dominieren lassen sollte."

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(ben)

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