Was mit Kindern passiert, die nicht gestillt werden

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Was mit Kindern passiert, die nicht gestillt werden | iStock
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Vor wenigen Tagen in der Münchner U-Bahn: Eine junge Mutter gibt ihrem Baby liebevoll das Fläschchen. Als sie die Flasche absetzt, schmatzt das Baby zufrieden.

Die älteren Damen neben ihr, vielleicht Ende 50, sehen sie missbilligend an. Eine der beiden hält sich die Hand vor den Mund und flüstert der anderen etwas zu. Die junge Frau versteht nur Bruchstücke. "Immer gestillt...so viel besser...geht doch nicht...Mütter heutzutage...unmöglich..."

Nicken, Kopfschütteln, stille Verachtung. Solche oder ähnliche Geschichten berichten Mütter immer wieder, die ihre Babys nicht stillen, sondern ihnen nur die Flasche geben.

Das hat Folgen: Viele Frauen schämen sich dafür, ihr Kind nicht zu stillen. So sehr, dass sie nicht einmal wagen, ihren engsten Freunden davon zu erzählen. Das berichtete beispielsweise die Stillberaterin Regina Masaracchia in der Tageszeitung die „Welt“. Immer wieder hätten Frauen in ihrer Praxis erzählt, dass sie von Bekannten schief angeschaut werden würden, wenn sie sagen, dass sie nicht stillen.

Schließlich schrieb sie sogar einen Ratgeber für Mütter, die nicht stillen möchten oder können.

Nicht stillende Mütter widersprechen anscheinend den gesellschaftlichen Konventionen. Schlimmer noch: Frauen, die nicht stillen, schaden ihrem Kind. So heißt es immer wieder.

Aber stimmt das überhaupt? Was passiert tatsächlich mit Babys, die nicht gestillt werden? Den Antworten auf diese Frage sind Forscher in den vergangenen Jahren näher gekommen - mit überraschenden Ergebnissen.

Muttermilch ist kein Allheilmittel

Es stimmt: Muttermilch ist sehr gesund, wie Forscher in Studien mehrfach nachweisen konnten. Die Milch enthält wichtige Vitamine, Mineralstoffe, Enzyme und Hormone. Doch ein Allheilmittel, wie manche glauben machen wollen, ist Muttermilch damit noch lange nicht.

Angeblich schützt Muttermilch vor allerlei Krankheiten, inklusive Allergien. Doch auch Kinder, die gestillt werden, entwickeln Allergien, sagte Mathilde Kersting, die stellvertretende Leiterin des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund, dem Nachrichtenportal "Zeit Online".

Keine Mutter müsse deshalb Gewissensbisse haben, wenn sie zur Säuglingsnahrung greift, sagt die Expertin für Kinderernährung.

Stillen macht Babys nicht klüger

Muttermilch hat aber angeblich noch andere Wunderkräfte. Verschiedenen Studien zufolge soll sie Babys klüger machen. Doch die neuesten Studien zu diesem Thema kamen zu ganz anderen Ergebnissen.

Lisa-Christine Girard, Forscherin am University College Dublin, und ihre Mitautoren analysierten zuletzt die Daten von rund 8.000 Kindern in Irland. Sie untersuchten ihre sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten, nachdem sie ein Alter von neun Monaten, drei Jahren und fünf Jahren erreicht hatten. Die Ergebnisse veröffentlichten sie erst kürzlich in dem Fachmagazin "Pediatrics Journal".

Dabei zeigte sich: Kinder, die gestillt wurden, erbrachten keine besseren kognitiven Leistungen als Kinder, die nicht gestillt wurden. Kurz: Kinder, die nicht gestillt werden, lernen genauso gut wie Kinder, die viel Muttermilch bekommen haben.

Der positive Effekt des Stillens ist nur von kurzer Dauer

Angeblich hätten Forscher in der Vergangenheit auch herausgefunden, dass Kinder, die gestillt wurden, seltener zu Hyperaktivität und Übergewicht neigen.

Girard und ihr Team aber machten eine interessante Entdeckung: Zwar neigten Kinder, die sechs Monate lang gestillt wurden, tatsächlich weniger zu Hyperaktivität - aber nur bis zu ihrem fünften Lebensjahr. Danach verschwanden die Unterschiede.

Es gibt also einen positiven Effekt des Stillens - doch der ist offenbar nicht sonderlich nachhaltig.

Eine repräsentative Geschwisterstudie, die im "Social Science and Medicine Journal" erschienen ist, bestätigt diese These.

Forscher verglichen darin Geschwister aus 665 Familien, die unter nahezu gleichen Bedingungen aufwuchsen, bis ins Jugendalter. Allerdings wurde nur eines der Geschwisterkinder als Baby gestillt, das andere nicht.

Der erste Teil der Untersuchung bestätigte die bekannten Annahmen: Die Jugendlichen, die als Babys gestillt wurden, waren seltener übergewichtig oder hyperaktiv und konnten besser lesen und rechnen.

Jahre später aber verschwanden die Unterschiede auch hier.

Auch die stärkere Bindung zur Mutter widerlegten die Forscher

Aber wie steht es um die Bindung zur Mutter?

Auch hier macht Stillen nicht den oft vermuteten Unterschied: Die Durchführer der Geschwisterstudie konnten nicht feststellen, dass Kinder, die gestillt wurden, eine engere Beziehung zu ihrer Mutter hatten als diejenigen, die nicht gestillt wurden.

Vier bis sechs Monate Stillen genügen vollkommen

Und trotz dieser neuen Erkenntnisse hält die Weltgesundheitsorganisation WHO noch immer daran fest: Babys sollten sechs Monate gestillt werden, rät die Organisation auf ihrer Website - und zwar ausschließlich. Milch aus dem Fläschchen wäre damit Tabu - es sei denn, es handelt sich dabei um Muttermilch.

Doch viele Ärzte sind der Meinung, vier bis sechs Monate stillen sei vollkommen ausreichend. Auch Mathilde Kersting, Expertin für Kinderernährung, sagte das gegenüber "Zeit Online".

Nicht nur auf die Länge der Stillzeit komme es außerdem an, sondern vor allem darauf, dass es sowohl der Mutter als auch dem Kind gut geht. "Unter einer unglücklichen Mutter leidet vor allem das Kind", sagt Kersting. Und vielen Müttern macht das Stillen mehr zu schaffen, als sie offen zugeben würden. Denn es kann mit großen Schmerzen verbunden sein.

Ersatzmilchprodukte sind besser geworden

Ersatzmilchprodukte statt Muttermilch käme für die meisten Mütter dennoch nie in Frage. Dabei gibt es keinen Beweis, dass die künstliche Nahrung den Babys schadet. Hinzu kommt: die Säuglingsnahrung unterliegt strengsten Kontrollen, wie die Tageszeitung der "Tagesspiegel" berichtet. Zu hoch wäre andernfalls das Risiko, die Babys zu gefährden.

Auch Kersting sagt: Ersatzmilchprodukte werden Muttermilch zwar nie ersetzen können, aber sie seien besser geworden. Frauen müssten sich nicht schämen, wenn sie ihr Baby damit füttern. Es schade den Babys nicht.

Künstliche Nahrung könnte sogar Vorteile haben

Es gebe sogar Vorteile der Fläschennahrung, schreibt der "Tagesspiegel". Der Grund: Die künstliche Säuglingsnahrung schwankt in ihrer Zusammensetzung nicht, was bei Muttermilch durchaus der Fall sein kann.

Doch das weiß fast niemand, denn: Die WHO hat 1981 einen internationalen Kodex zur "Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten" verabschiedet.

Künstliche Säuglingsnahrung darf demnach nicht beworben werden. Firmen sei es untersagt, Müttern Proben zu schicken oder anzuwerben, berichtet der "Tagesspiegel".

Das Stillen wird zum Zwang

Dass eine gute Mutter stillen muss, hat sich dadurch offenbar langsam in das Gehirn der meisten Frauen eingebrannt. Eine Studie der Queen Mary Universität in London hat ergeben, dass Frauen, die nicht stillen können oder wollen, sich so schlecht fühlen, dass sie sogar ein erhöhtes Risiko haben, an Depressionen zu erkranken.

Auch einige Ärzte und insbesondere Hebammen setzen Frauen unter Druck zu stillen, wie verschiedene Mütter immer wieder berichten.

Dabei sollte es nicht die Aufgabe von Hebammen, von Ärzten, von der Familie oder von Freunden sein, einer Mutter unter Druck zu setzen.

Wenn Frauen sich dazu entscheiden, nicht zu stillen, sollte das jeder akzeptieren. Die Mütter werden ihre Gründe dafür haben, denn kaum jemand würde je sein Baby gefährden wollen.

Der subtile Psychoterror der Still-Kommandeure muss endlich aufhören.

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