Das Beispiel Frankreich zeigt: Wenn die Jugend nicht aufwacht, geht Europa den Bach runter

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LE PEN
Erfolg bei den Jungen: Marine Le Pen und der Front National greift nach den jungen Wählern | Getty
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  • Die Mehrheit der jungen Franzosen findet Globalisierung gut
  • Trotzdem bekommt die für Abschottung plädierende Partei FN von ihnen die meisten Stimmen
  • Das klingt paradox - aber dahinter steckt ein Problem, das ganz Europa betrifft

Der Euro? Soll bald nicht mehr in ihren Geldbeuteln klimpern.
Einwanderer? Bitte nur noch in homöopathischen Dosen.
Die EU? Nichts wie raus, Frexit, Grenzkontrollen statt Schengen-Reisefreiheit.


Die französische Politikerin Marine Le Pen und ihre Partei, der Front National, haben ein stramm rechtes Programm. Es ist ein Programm, das so gar nicht zu dem passt, was die Mehrheit der jungen Franzosen unter 30 denkt.

Was die Jugend denkt

Denn die glauben überwiegend, die Globalisierung sei gut für Frankreich. Vielfalt? Sehen sie als eine Chance. Die Jungen glauben: Wo auch immer die Menschen herkommen - was sie eint, ist mehr, als was sie trennt.

Das hat das französische Institut Sociovision herausgefunden, das sich auf die Analyse der französischen Gesellschaft spezialisiert hat.

Man sieht: Marine Le Pen und die Wünsche der Mehrheit der jungen Franzosen – das geht in wesentlichen Punkten nicht zusammen. Und trotzdem hat der Front National gerade auch bei den jungen Leuten Erfolg.

Le Pens Rechtspopulisten bekamen unter den Jungen mehr Stimmen als jede andere Partei. Ein Erfolg, den die Partei etwa bei den Wahlen im Jahr 2015 in keiner anderen Altersgruppe hatte.

Das klingt paradox. Und irgendwie speziell, ein bisschen weit weg. Französische Probleme eben.

Ein Problem nur der Franzosen? Schön wär's

Aber das ist ein gefährlicher Trugschluss. Denn das, was in Frankreich passiert, ist symptomatisch für ein Problem, das es in vielen europäischen Ländern gibt. In Deutschland auch.

Rémy Oudghiri von Sociovision löst in der französischen Ausgabe der Huffington Post das Rätsel um das scheinbar seltsame Wahlverhalten: "In den letzten Wahlen, den Europawahlen 2015 und den Regionalwahlen 2015, sind mindestens zwei Drittel der jungen Leute nicht wählen gegangen." Der Erfolg des Front National unter den Jungen sei also die Folge des Nicht-Wählens, nicht der politischen Einstellung dieser Generation.

Ein Analyst der Zeitung "Le Monde" verwies nach den Regionalwahlen 2015 außerdem darauf, dass die Parteienlandschaft in Frankreich sowohl im linken als auch im konservativen Spektrum zersplittert ist, während es eben nur eine wirklich rechte Partei gibt.

Beim Brexit gab es das gleiche Problem

Nun lassen sich die französischen Nichtwähler-Verhältnisse nicht eins zu eins auf alle anderen EU-Länder übertragen.

Aber dasselbe Problem, das Frankreich aus der EU treiben könnte, hat bereits den Brexit bedingt.

In Umfragen vor dem Referendum hatte sich gezeigt, dass die meisten jungen Menschen in der EU bleiben wollten. Zwar haben letztlich auch die meisten Jungwähler für "Stay" gestimmt – aber es waren nur 36 Prozent von ihnen überhaupt zum Wählen gegangen.

Ihre Stimmen hätten in dem knappen Rennen wohl den Unterschied gemacht.

Wie so ein Unterschied aussehen kann, ließ sich bei der Niederlande-Wahl beobachten. Wahlforscher befürchteten zunächst, dass der Rechte Geert Wilders 27 Prozent unter den Jungwählern bekommen würde – tatsächlich erhielt er bloß 13 Prozent.

Und insbesondere die jungen Wähler stimmten bei der Wahl mit der höchsten Wahlbeteiligung seit über 30 Jahren für linke Parteien.

Junge Wahlmuffel auch in Deutschland

Und in Deutschland?

Da, so zeigen Studien, haben die jungen Menschen mehr Angst vor Fremdenhass als vor Zuwanderung, sie interessieren sich zunehmend für Politik – aber nicht für Parteien. Bei der Bundestagswahl 2013 gingen höchstens 65 Prozent von ihnen wählen.

Bei den Landtagswahlen 2016 zeigte sich zudem: Viele junge Menschen stimmen für die AfD - in Sachsen-Anhalt wählte jeder vierte Unter-25-Jährige die rechtspopulistische Partei. Jugendforscher sehen darin einen Trend: "Wer heute provozieren will, muss konservativ sein."

Die Beispiele, so verschieden sie sind, zeigen, welchen Einfluss junge Wähler haben - und welche Folgen es haben kann, wenn sie nicht zum Wählen gehen.

Es geht um alles

Zugespitzt kann das heißen: Wenn die jungen Menschen nicht zum Wählen gehen, könnte Europa noch weiter nach rechts rücken. Könnte die EU zerfallen.

Und dann sprechen wir nicht nur über den Fortbestand einer großen bürokratischen Maschinerie. Nicht nur über ein paar seltsame Regelungen.

Dann sprechen wir darüber, dass unsere politische Landschaft und unser Alltag elementar anders aussehen werden als heute. Unsicherer, eingeschränkter und weniger vielfältig. Es ist eine Frage, die vor allem die jungen Menschen angeht. Sie werden mit den Folgen noch am längsten leben müssen.

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(jg)

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