"Eine Epidemie wütet auf unseren Straßen" - so will die EU die Verkehrstoten reduzieren

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Feuerwehrleute stehen um einen Busunfall bei dem vier Menschen ums Leben kamen | Ralph Orlowski / Reuters
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  • Die Zahl der Verkehrstoten in der EU geht nur sehr langsam zurück
  • Das gesteckte Ziel, die Anzahl der tödlichen Unfälle im Zeitraum von 2010 bis 2020 zu halbieren, droht die EU zu verfehlen
  • Schweden hat bereits vorgemacht, wie die Verkehrsunfälle erheblich reduziert werden können

Es ist eine erschreckende Statistik: Alle 20 Minuten stirbt ein Mensch in der Europäischen Union im Straßenverkehr.

2016 verloren 25.500 Menschen ihr Leben auf Europas Straßen.

Das sind zwar 6000 weniger als im Jahr 2010, wie offizielle Zahlen zeigen.

Doch das ist noch lange keine Erfolgsmeldung. Denn auf EU-Ebene gab es faktisch keine tiefgreifenderen Verbesserungen mehr seit 2013. Damals gab es EU-weit 26.000 Verkehrstote.

Die EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc zeigt sich deshalb alarmiert: "Derzeit wütet eine Epidemie auf unseren Straßen, die lautlos Menschen dahinrafft." In einem Interview mit der "Welt" spricht sie von einem "ernsten und sehr emotionalen Problem". Denn zusätzlich zu den tausenden Toten kamen 2016 135.000 Schwerverletzte dazu, jedes fünfte Opfer ist ein Fußgänger.

Von 2010 bis 2020 will die EU die Verkehrstoten halbieren

Bereits 2010 hatte die EU Initiative ergriffen. Ihr ambitioniertes Ziel: Bis 2020 soll die Anzahl der Verkehrstoten halbiert werden. "Bisher beträgt der Rückgang seit 2010 erst 19 Prozent", gesteht Bulc ein.

Immerhin: Deutschland konnte im vergangenen Jahr die Anzahl der Verkehrstoten um sieben Prozent auf 3214 reduzieren - die niedrigste Zahl seit Beginn der Erhebung. Gesehen auf die Gesamteinwohnerzahl liegt Deutschland damit aber nur auf Platz sechs im EU-Vergleich.

Wie kann die EU also ihr Ziel erreichen? Sie sollte nach Schweden schauen.

Das Land ist seit Jahren Spitzenreiter in Sachen Verkehrssicherheit. 2015 gab es dort nur 27 Verkehrstote pro eine Million Einwohner - in Deutschland lag die Rate im selben Jahr mit 43 Toten deutlich höher.

Schweden und die "Vision Null"

Dass Schweden so gut dasteht, kommt nicht von ungefähr: Bereits vor 20 Jahren beschloss das skandinavische Land die "Vision Zero" ("Vision Null"). Die Initiative hat das Ziel, Straßen und Verkehrsmittel so sicher zu gestalten, dass keine Verkehrstoten und Schwerverletzten mehr auftreten.

Seit Beginn der Initiative sank die Anzahl der schwedischen Verkehrstoten von 541 im Jahr 1997 auf zuletzt 263 im Jahr 2016 - wobei auch dort die Zahlen in den letzten Jahren stagnierten.

Wohlgemerkt stieg im gleichen Zeitraum auch die Anzahl der Verkehrsteilnehmer, sodass Schwedens Straßen heute zu den sichersten weltweit zählen.

Mehr bauliche Trennungen, Kreisverkehre und Geschwindigkeitsbegrenzungen

Die schwedische Regierung hat das durch etliche Maßnahmen geschafft: Zum einen werden die Straßen von vornherein mit Priorität auf Sicherheit statt auf Geschwindigkeit und Komfort für die Fahrer gebaut. Das geht mit Geschwindigkeitsbegrenzungen in den Städten einher. Die Planer legen zudem wert auf Fußgängerzonen, Kreisverkehre und die bauliche Trennungen zwischen Auto- und Fahrradwegen.

Zudem baute Schweden bisher 2700 Kilometer sogenannte 2+1 Straßen, zwei Fahrstreifen für den normalen Verkehr sowie ein Streifen in der Mitte zum Überholen. Laut "The Economist" hat allein diese Maßnahme fast 150 Menschenleben im ersten Jahrzehnt der "Vision Zero" gerettet.

Barrieren, die beispielsweise auch bei zweispurigen Straßen zwischen die Fahrbahnen gebaut werden, konnten die Unfälle im Vergleich zu herkömmlichen Straßen um 90 Prozent reduzieren.

Viel Aufklärungs- und Forschungsarbeit

Zum Anderen investierte das Land viel Geld in Aufklärung, eine bessere Ausbildung von Fahrern und die Erforschung von Ursachen für Verkehrsunfälle. Automobil- und Verkehrsunternehmen wurden ebenso in die Pflicht genommen, ihre Sicherheitsstandards zu verbessern und Techniken zur Unfallvermeidung zu entwickeln.

All diese Maßnahmen will jetzt auch die EU-Verkehrskommissarin Bulc umsetzen.

Um ihr persönliches Ziel, keine Verkehrstoten auf europäischen Straßen bis 2050, zu erreichen, gibt es aus Bulcs Sicht aber nur eine Möglichkeit: autonom fahrende Autos. Das würde den Menschen als größte Fehlerquelle ausschließen. Denn ein Computer würde sich zumindest an die Verkehrsregeln halten und sich nicht selbst überschätzen. Und Bier mag er auch nicht.

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