Die Generation Putin rebelliert: Russlands Jugend hat genug von der Korruption und Propaganda des Kreml

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Russlands Jugend kennt keinen Herrscher außer Putin - und will ihn gerade deshalb loswerden | Getty
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  • Am Wochenende gingen zehntausende junge Russen gegen den Kreml auf die Straße
  • Die Regierung ließ den Protest niederschlagen und machte die sozialen Netzwerke für ihn verantwortlich
  • Kremlkritiker hingegen sind sicher: Die Proteste sind der Beginn einer jungen Anti-Putin-Bewegung

Was für das alte Griechenland Delphi war, ist für den Kreml Dmitrij Peskow. Der Mann mit dem markigen Schnauzer ist Putins persönliches Orakel. Einst bescheidener Diplomat und Beamter im Kreml-Pressedienst, ist der drahtige 49-Jährige heute einer der wenigen engen Vertrauten des Kremlchefs – und dessen Sprachrohr zur Welt.

Die hohe Kunst des wirklichen Putin-Verstehens besteht deshalb darin, aus den oft wenigen und indirekten Worten Peskows die Gedanken seines Herren herauszulesen.

Nach den massiven Protesten gegen Korruption in ganz Russland am Sonntag, die den Kreml genauso überrascht haben dürften wie den Rest Russlands und der Welt, fielen einige Schlagwörter in Peskows Reaktion besonders auf: Er sprach von „Minderjährigen“ und „Kindern“, die bewusst „in die Irre geführt“ worden seien.

„Man“ - wer genau, sagte Peskow nicht – habe ihnen sogar Geld versprochen für den Fall, dass sie festgenommen würden.

Der Schreck über die Proteste sitzt tief beim Kreml

Peskows Reaktion ist ein Hinweis auf das Erschrecken im Kreml darüber, dass es sich bei den Zehntausenden, die auf die Straße gingen, nach Schätzungen mehrheitlich um junge Menschen handelte – vor allem Schüler und Studienanfänger.

Besondere Besorgnis rief im Kreml offenbar hervor, dass die brutalen Festnahmen von Minderjährigen im In- wie Ausland für Unmut sorgten – und genau den wollte Peskow mit seinem Hinweis auf ominöse Geldgeber wohl eindämmen.

Dass Geld im Spiel ist, unterstellt der Kreml zwar bei allen Protestaktionen; dass Kinder fürs Festgenommen-Werden bezahlt werden, ist aber selbst für Peskows Verhältnisse eine gewagte Aussage – und zeigt, dass der Schreck offenbar tief sitzt.

"Generation Putin" galt bislang als unpolitisch, spaßorientiert und brav

Der Protest der Jugend hat derweil nicht nur die russische Regierung überrascht: Die „Generation Putin“, wie diese jungen Menschen genannt werden, weil sie nie einen anderen Herrscher als den 1999 an die Macht gekommenen Putin bewusst erlebt haben, galt Soziologen bislang als unpolitisch, spaßorientiert und im Zweifelsfall brav.

Protest, sofern es ihn überhaupt gab, galt als Sache der reiferen Jahrgänge. Ganz offensichtlich ein grober Irrtum – und womöglich ein großes Problem für den Kreml.

Regierungsnahe Blogger wie Jurij Gussakow sprechen schon verächtlich von einer „Kinder-Revolution“ – in Anspielung an die osteuropäische Tradition, Revolutionen Beinamen zu verleihen, wie bei der „orangen Revolution“ in Kiew 2011 oder der „Rosenrevolution“ in Georgien 2003.

Auslöser des Phänomens sind nach Ansicht Gussakows allein die Smartphones mit ihren sozialen Netzwerken: „Alle sind connected….die Zielgruppe wurde automatisch gefunden, ins Auge gefasst, und jeder bekam die Agitation, die ihn dann auf die Straße führte."

"Dafür war keinerlei besondere Organisations-Anstrengung mehr nötig – nur ein Computer-Script und ein wenig manuelle Moderation in der letzten Etappe, und Schluss", schimpft Gussakow.

Bei den letzten größeren Protestaktionen 2011 und 2012 seien viel weniger Jugendliche auf die Straße gegangen, weil sich die meisten von ihnen damals noch keine Smartphones leisten konnten und die Durchdringung der sozialen Netzwerke nicht so groß war, so die etwas gewagte These des kremlnahen Bloggers.

„Jetzt haben wir es mit einer mobilen und leicht zu steuernden Masse zu tun, die immer online ist und über die man anhand ihrer Online-Chronik, ihres Profils und ihrer Freundesliste alles in Erfahrung bringen kann.“

Kremlkritiker glauben: Propaganda wirkt nicht mehr auf die Jugend

Kremlkritiker widersprechen dieser Darstellung.

Sie sehen die Jugendlichen nicht als leicht via Smartphone manipulierbare Masse – sondern machen objektive Gründe für den Unmut der jungen Menschen aus. „Die wichtigste Erkenntnis aus den Protesten ist, dass die Maschinerie der totalen Fernsehpropaganda auf die Jugend nicht mehr wirkt“, glaubt der Soziologe Igor Eidman.

Er arbeitete früher als Meinungsforscher sowie Wahlkämpfer in Russland und lebt heute im Exil in Berlin. „Der ganze ultrapatriotische, orthodox-xenophobe Unsinn im TV kann bei normalen jungen Menschen nur einen starken Brechreiz auslösen“, sagt Eidman.

Wirksam sei die Propaganda vor allem bei der älteren Generation: „Bei den sowjetischen Onkeln und Tanten, die ihr KPdSU-Parteibuch gegen Ikone und Kerze ausgetauscht haben, und die bis zum Verlust der Reste ihres Bewusstseins mit dem Irrsinn aus dem Propagandafernsehen vollgesaugt sind."

Die Jugend dagegen sei im Internet unterwegs und suche dort nach realen Informationen über das, was im Land passiert, so der Soziologe, ein Cousin des 2015 in Moskau ermordeten Oppositionsführers Boris Nemzow.

Russlands Jugend verlangt soziale Umverteilung

Daneben gibt es nach Ansicht Eidmans auch soziale Gründe dafür, dass vor allem junge Leute protestieren: „Die große Verteilung des Eigentums in Russland fand in den 1990er Jahren statt, als die heutige Jugend noch nicht mitmachen konnte."

Damals hätten sich aus Putins Umfeld entstandene Dynastien allen Besitz unter den Nagel gerissen. "Wer keinen Oligarchen oder ,bisnismen´ als Vater hat, ging leer aus. Die sozialen Lifte arbeiten nicht, die jungen Leute wollen auch ein Stück von dem dicken Kuchen, den sich jetzt nur die anderen teilen“, so der Soziologe.

Und noch ein drittes Motiv für den Unmut der Jugendlichen macht Eidman aus: „Der Druck in den Schulen und Universitäten ist riesig. Man versucht, die jungen Menschen stramm auf Hurra-Patriotismus und Klerikales zu trimmen. Aber je stärker der Druck auf jungen Menschen, umso stärker die Gegenwehr.“

Russisches Bildungssystem als propagandistische Kaderschmiede

Das russische Bildungssystem ist so längst Teil der Propaganda-Maschinerie des Kremls geworden.

Erst kürzlich machte im Internet eine Videoaufzeichnung die Runde, auf der zu sehen ist, wie im Moskauer Konservatorium eine Liste von „Volksfeinden“ (gemeint sind Kremlkritiker) verlesen wird und die Studenten vor diesen gewarnt werden.

Wenige Tage vor den Demonstrationen forderte Wladimir Petrow, ein Abgeordneter der Regierungspartei des Petersburger Regionalparlaments, die Bildungsministerin auf, an den Schulen wieder „Politruks“ einzuführen – berüchtigte Polit-Instruktoren wie in der Sowjetzeit, die Petrow explizit als positives Vorbild nennt.

Um Kapazitäten zu schaffen, könne man für die „Politruks“ auf die Schulpsychologen verzichten, heißt es in dem Brief Petrows.

In Nischnij Nowgorod erstattete die Polizei gegen fünf Eltern, deren minderjährige Kinder bei der örtlichen Protestaktion festgenommen wurden, Anzeige „wegen Nicht-Erfüllung ihrer Verpflichtung zur Erziehung von Minderjährigen“. Das kann als Ordnungswidrigkeit mit einer Strafe von bis zu 3000 Rubeln (knapp 50 Euro) und im Wiederholungsfall mit bis zu fünf Tagen Arrest geahndet werden.

Das Bildungsministerium erklärte am Montag nach den Demonstrationen, es sei „kategorisch dagegen“, dass Schüler „in durch und durch politische Aktionen hineingezogen“ würden: Sie dazu zu zwingen, sei illegal, warnte die Behörde – als hätte jemand die jungen Menschen gegen ihren Willen auf die Straße getrieben.

In einer Schule im Gebiet Brjansk hielt die Rektorin ihren Schülern eine Standpauke und behauptete, solche Protestaktionen seien „unpatriotisch.“ Die örtliche Bildungsbehörde lobte die Schulleiterin für ihre Aktion.

Aus einer anderen Schule wurde ein Mitschnitt eines Gesprächs öffentlich, in dem die Rektorin einen Schüler zurechtweist, der auf die örtliche Polizeistation gebracht wurde, weil er im sozialen Netzwerk „vk“ einen Aufruf zur Teilnahme an den Protestaktionen geteilt hatte.

Dem Schüler wurde „Extremismus“ vorgeworfen – ein Straftatbestand – und er wurde gezwungen, die Seite zu löschen. In einer Internet-Petition haben jetzt 25.000 Russen die Entlassung der Rektorin gefordert, weil sie mit dem politischen Druck auf den Schüler gegen geltende Gesetze verstoßen habe.

"Beim nächsten Mal werden noch mehr demonstrieren"

Der massive Druck seitens der Regierung könnte, wie der Soziologe Eidman glaubt, zu einer Verstärkung des Widerstands führen – allen Ängsten vor der Staatsgewalt zum Trotz. Schon jetzt scheint Protest in Mode zu kommen bei den jungen Leuten; wer nach der Festnahme ein Selfie aus einem vergitterten Polizeibus postet, gilt als cool.

Und ausgerechnet Putins Orakel Peskow könnte den Trend noch verstärkt haben. „Die Jugend wird wahrscheinlich sehr beleidigt sein wegen der Aussage von Putins Speichellecker Peskow, sie sei bezahlt worden dafür, dass sie auf die Straße ging“, glaubt der frühere Vize-Gasminister und heutige Oppositionelle Wladimir Milow: „Beim nächsten Mal werden deshalb noch mehr demonstrieren.“

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(jg)

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