NACHRICHTEN
28/03/2017 17:10 CEST

Die meisten Deutschen glauben, dass die Einkommen ungleich verteilt sind - doch das ist ein Irrtum

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Demonstration gegen die sich vergrößernde Schere von Armen und Reichen

  • Im Wahlkampf wird viel über mangelnde soziale Gerechtigkeit in Deutschland diskutiert

  • Auch viele Deutsche finden, dass es hierzulande wenig gerecht zugehe, vor allem was die Einkommen angeht

  • Dabei ist das tatsächliche Bild weit weniger negativ als die Mehrheit der Bevölkerung annimmt

Es sind schwarze Wolken, die über Deutschland stehen. Zumindest wenn man dem sozialdemokratischen Spitzenkandidaten Martin Schulz dieser Tage zuhört, bietet sich einem ein düsteres Bild der Lage des Landes.

Die These der SPD: Millionen Menschen sind sozial abgehängt, im Land herrscht eine erhebliche soziale Ungleichheit. Auch zahlreiche Studien stützen diese Annahme vordergründig.

Dabei bleibt eine andere wichtige Erkenntnis zumeist auf der Strecke: Deutschland ist viel gerechter, als die Deutschen glauben.

Laut einer Umfrage von Infratest Dimap finden 85 Prozent die Einkommensunterschiede zwischen Gering- und Spitzenverdienern "zu groß". Viele Deutsche haben dabei jedoch ein völlig verzerrtes Bild der Einkommensverteilung in der Bundesrepublik.

"Die deutsche Gesellschaft ist eine Mittelschichtgesellschaft"

"Alle Untersuchungen zeigen, dass die deutsche Gesellschaft eine Mittelschichtgesellschaft ist", sagt die Verteilungsforscherin Judith Niehues vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) der "Frankfurter Allgemeinen Woche". Doch die reale und die gefühlte Einkommensverteilung hätten in Deutschland nicht viel miteinander zu tun.

Denn die Deutschen gehen von einer "Pyramide“ bei der Verteilung aus: also vielen Menschen in der Unterschicht und eine nach oben weniger werdende Anzahl Menschen in höheren Einkommensklassen.

Statt einer solchen Pyramide, gleicht die deutsche Einkommensstatistik jedoch viel eher eine Zwiebel, die der "Tagesspiegel" so beschreibt: "dünn an den Enden, dick in der Mitte", wo sich die Mehrheit der Bevölkerung in gruppiert.

Dieses Bild zeige – entgegen des Gerechtigkeitswahlkampfes von Martin Schulz – auch der "Armuts- und Reichtumsbericht" von SPD-Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles.

Demnach liege der Bevölkerungsanteil der Mittelschicht, so wie ihn die Bundesregierung definiert, bei 78 Prozent - und das relativ stabil bereits seit zehn Jahren.

Alles eine Frage der Wahrnehmung

Zudem könne die These, dass Armut und Ungleichheit zugenommen hätten, "anhand messbarer statistischer Daten so nicht bestätigt werden“, zitiert die "FAW" aus dem Papier.

Dort kommt das von Nahles geführte Ministerium zum Ergebnis, dass in der Gesellschaft "Wahrnehmung und messbare Realität mitunter auseinander" fielen.

Der weit verbreitete Irrtum rührt aber offenbar nicht von einer Unzufriedenheit über die eigene finanzielle und persönliche Situation her.

Als Hauptgrund gilt viel eher, dass extrem hohe und niedrige Einkommen viel stärker beachtet und medial beleuchtet werden. Die Debatte wird also von Millionären und Obdachlosen geprägt, die nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Schiefes Bild

Ein weiteres Problem: Auch die Politik nutzt das schiefe Bild. Und entgegen der Wahrnehmung vieler ist die Armutsgefährdung bei jungen viel akuter als bei alten Menschen, erklärt IW-Forscherin Niehues.

Sie glaubt, die pessimistische Haltung der Deutschen sei ausgerechnet aus der guten wirtschaftlichen Entwicklungen in den letzten Jahren gewachsen. Weil es momentan keine dringlichen Sorgen gebe, wie eben massive Arbeitslosigkeit, werde stattdessen über nachgestellte Fragen diskutiert.

Und dazu gehört eben die soziale Ungleichheit. Was keineswegs verkehrt ist - nur müssen eben die Fakten stimmen.

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