POLITIK
27/03/2017 21:38 CEST | Aktualisiert 28/03/2017 15:46 CEST

Ein türkischer Taxifahrer erklärt, was die Deutschen vor dem Referendum über die Lage seines Landes wissen sollten

Ein kurzer Spaziergang entlang des Hafens von Antalya genügt derzeit, um das ganze Ausmaß der Wirtschaftskrise in der Türkei zu verstehen (siehe auch Video oben).

Wie immer sind die Tische der Fischrestaurants fein säuberlich gedeckt. Die Händler an der Strandpromenade haben Souvenirs, Kitsch und Klamotten auf Decken ausgebreitet. Und in der Felsenbucht der Stadt warten die Ausflugsboote auf Passagiere.

Doch die Kapitäne der Boote warten vergeblich auf Kundschaft. Genauso wie die Restaurantbesitzer und die fliegenden Händler.

Wahlplakate versprechen eine bessere Zukunft

Wie schwierig die wirtschaftliche Situation in der Türkei ist, ist derzeit wohl nirgendwo so deutlich zu erkennen, wie an der Küste der türkischen Riviera. Der Tourismus, das wichtigste Standbein der kränkelnden türkischen Wirtschaft, liegt brach.

Ibrahim, Anfang 30, sitzt in seinem Taxi und schaut durch die verdreckte Windschutzscheibe. Zwischen den trostlos leeren Restaurants und Bistros hängen riesige Werbetafeln mit dem Gesicht des Ministerpräsidenten Binali Yildirim.

Die Tafeln sollen die Menschen, die hier leben, vom "Ja“ beim Verfassungsreferendum im April überzeugen. Sie stellen den Türken eine bessere Zukunft ihres Landes in Aussicht.

Doch an die glauben hier die Wenigsten. Für Ibrahim, der in Antalya neben seinem Job als Fahrer als Hotelier und Reiseführer arbeitet, zeigen die großen Plakate etwas ganz anderes – nämlich, "dass die Situation sich hier nicht mehr bessern wird“.

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"Wir Türken sind nicht wie Erdogan"

Ibrahim ist als Jugendlicher nach Antalya gekommen. Geboren ist er in einem kleinen Ort weiter im Osten Anatoliens. "Aber die Jungen gehen alle nach Istanbul oder Antalya, denn hier kann man Geld verdienen“, erzählt er mir.

So war das zumindest einmal. Denn jetzt, zwanzig Jahre später, sitzt Ibrahim oft ganz alleine auf der Dachterrasse der kleinen Pension im Hafen Antalyas, in der er tagsüber arbeitet. Er hat jetzt mehrere Jobs, um überhaupt noch über die Runden zu kommen.

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Die großen Reiseanbieter im deutschsprachigen Raum berichten, Buchungen für Türkei-Urlaube seien im vergangenen Jahr um bis zu 60 Prozent zurückgegangen. Im Vergleich mit dem Vorjahr gehen Experten von einem Einnahmeausfall von etwa 7 Milliarden Euro aus.

Höchste Zeit zu Handeln. Doch statt neue Touristen anzulocken, geht Präsident Recep Tayyip Erdogan mit dem Ausland auf Konfrontationskurs. "So zerstört er unser Geschäft. Eigentlich sind die Türken nicht so. Wir sind immer respektvoll“, klagt Ibrahim über die immer neuen Verbalattacken des Präsidenten Richtung Europa.

Denn immer wenn Erdogan über die "Nazis“ in Europa wütet, bekommen die Menschen in seiner Heimat die Folgen zu spüren.

"Ich kann Deutsche verstehen, die den Türkei-Urlaub ausfallen lassen"

Viele Deutsche sehen aufgrund der politischen Lage in der Türkei bereits vom Besuch des Landes ab. Politiker von CDU bis Linke haben unlängst zum Boykott aufgerufen.

"Ich kann das verstehen. Denn alles Geld, was sie hier ausgeben, geht auch in Teilen an Erdogan“, sagt Ibrahim, während er das Taxi durch die engen Straßen der Altstadt lenkt.

Er sagt: "Erdogan ruiniert den Ruf unseres schönen Landes.“

Kein fairer Wettkampf

Viele Leute in Antalya sind deshalb einfach nur wütend.

Wenn man sich in der Stadt umsieht, erkennt man jedoch eher eine stille Wut, als einen lauten Protest. Jemand hat "Hayir“, also "Nein“, an die alten Hauswände des Hafenviertels geschmiert – mit einem Edding. Sonst bekommt man wenig mit vom politischen Widerstand.

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Das Referendum wird so wohl zum Kampf David gegen Goliath, XXL-Plakatwand gegen Filzstift.

Auch deshalb befürchtet Ibrahim, werden auch in der Millionenstadt Antalya viele Menschen mit "Ja“ stimmen. Verstehen kann er es nicht.

"Erdogan zündet ihr Haus an und sie sagen 'Guckt, was ein schönes Feuer'"

"Das ist, als würde Erdogan ihr Haus anzünden, und sie würden sagen ‚Guckt mal, was er für ein schönes Feuer gemacht hat’“, sagt er und lacht verbittert. "Es ist unfassbar.“

"Respektlos, undankbar und dumm"

Wie viele ist auch Ibrahim wütend – auf die Regierung, die „Milliarden stiehlt und nur an der Macht bleiben will, um nicht irgendwann dafür im Knast zu landen“, auf seine Landsleute – und auch auf die Türken in Deutschland.

Er habe im Fernsehen gesehen, wie tausende Deutschtürken dem Außenminister Mevlut Cavusoglu in Hamburg zugejubelt hätten. Die Empörung, die bei vielen Türken über die Absage von AKP-Auftritten herrschte, habe ihn sprachlos gemacht.

"Respektlos“, sei das. "Undankbar“. "Und dumm“. Wer in Europa lebt, solle zuerst an die Interessen Europas denken, findet er.

"Es ist doch ganz einfach: Die Regierung sagt, ihr dürft hier nicht auftreten. Dann habt ihr zuhause zu bleiben. Das ist eine Frage des Respektes“, erklärt Ibrahim und schiebt hinterher: "Diese Leute, das sind nicht meine Minister.“

Viele Türken fühlen sich von der AKP verraten

Auch er habe sein Kreuz in der Vergangenheit für die AKP gemacht, gibt Ibrahim zu – genauso wie viele seiner Freunde. Die Partei für Fortschritt und Gerechtigkeit, wie sich die Erdogan-Partei nennt, habe bei ihm Hoffnung geweckt.

"Es sah alles so gut aus“, sagt Ibrahim, "es gab frischen Wind, Erdogan hat die Türkei nach vorne gebracht“. Schon damals jedoch habe er leise Zweifel gehabt. Er habe immer befürchtet, Erdogan und seine Männer wollten die Scharia einführen.

Heute ist er überzeugt, der Präsident baue die Türkei zu einem religiösen Staat um. Einen Staat, in den die freiheitsliebenden Europäer nicht mehr in den Urlaub fahren wollen.

"Es ist unfassbar“, wiederholt Ibrahim und bringt das Taxi zum Stehen. Er schaut durch die trübe Windschutzscheibe in Richtung Himmel. "Wir wollen doch einfach nur leben“, sagt er.

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(ben)

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