Dein Kind benimmt sich wie ein Arschloch und es ist deine Schuld

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TANTRUM CHILD
Dein Kind benimmt sich wie ein Arschloch und es ist deine Schuld. | Image Source via Getty Images
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Wenn ein Kleinkind einen Supermarkt betritt,
ist der Ärger meist vorprogrammiert. Doch bei einem meiner letzten Supermarkt-Besuche hat mich ein Streit zwischen einer Mutter und ihrem brüllenden Kind nachdenklich gestimmt:

Der kleine Junge lief an mir vorbei und riss eine Chipstüte aus dem Regal – während die anderen Tüten hinterher fielen. "Ich will das!“ "Das ist nicht gut, Finn“, rief die Mutter und kam herbeigeeilt. Das Kind ignorierte ihren Einwand und hielt die Tüte fest in den kleinen Händen.

"Leg das weg!“, "Nein, blöde Kuh“, rief er und trat nach ihr. "Ach, komm“, sagte die Mutter nur - und ließ das Kind die Chips mitnehmen, die anderen Tüten blieben auf dem Boden liegen. Sie schob das Kind Richtung Kasse und setzte dabei den resignierten "Ich-habe-nun-einmal-ein-schwieriges Kind-was-soll-ich-denn-machen“-Blick auf.

Sie ermuntert ihr Kind dazu, sich gehörig daneben zu benehmen

Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad normal, dass Kinder im Supermarkt zum Schreien anfangen, weil sie etwas gesehen haben, das sie unbedingt haben wollen. Aber die Respektlosigkeit des kleinen Jungen gegenüber seiner Mutter beschäftigte mich – insbesondere die Reaktion der Mutter. Ist ihr nicht aufgefallen, dass sie mit ihrem Verhalten das Kind ja förmlich dazu ermuntert, sich gehörig daneben zu benehmen?

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Kleinkinder müssen viele Verhaltensweisen erst lernen – auch deshalb, weil ihr Gehirn noch nicht vollständig entwickelt ist. Zum Bespiel sind sie noch nicht in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren und die Folgen ihres Verhaltes einzuschätzen - deshalb haben sie auch die in diesem Alter typischen Wutausbrüche.

Die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen, muss sich bei Kindern erst noch entwickeln und steigt mit vermehrtem Training.

Kinder müssen lernen, sich selbst zu kontrollieren

Deshalb ist es so wichtig, dass die Kinder in dieser Phase lernen, ihre Gefühle zu kontrollieren und auf andere Menschen eingehen. Passiert das nicht, könnte das ihre Entwicklung langfristig schädigen - und aus dem bockigen Kind wird ein Erwachsener mit sozialen Problemen. Mit anderen Worten: Aus dem "Arschloch-Kind“ wird ein "Arschloch“.

Der dänische Familien-Therapeut Jesper Juul beschreibt in seinem Buch "Leitwölfe“
, dass Eltern ihren Kindern Grenzen aufzeigen müssen, damit sie lernen, auf sich und andere Rücksicht zu nehmen. Dabei sollten die Eltern ihren Kindern auch vermitteln, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse haben und sich nicht ständig dem Wunsch des Kindes unterordnen müssen.

Klar ist es wichtig, auf die Bedürfnisse seines Kindes einzugehen. Aber zu den Bedürfnissen gehört auch, Selbstkontrolle zu erlernen.

Kinder brauchen einen festen Rahmen, um sich entwickeln zu können

Der Familien-Therapeut Peter Bandali schreibt dazu: "Es geht nicht darum, den Kindern dieses oder jenes zu verbieten, um ihnen das "Nein" beizubringen, sondern um die Erstellung eines Rahmens, in dem sich die Kinder frei entwickeln und entfalten können.“

Der Mutter in dem Supermarkt ist es nicht gelungen, dem Kind diesen Rahmen vorzugeben, in dem es etwas tun darf – oder eben nicht. Sie wollte nicht, dass ihr Sohn die Chipstüte mitnimmt und hat es ihm schließlich trotzdem durchgehen lassen. So kann er keine Selbstkontrolle erlernen.

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Damit signalisiert sie ihm außerdem, dass sie mit der Situation überfordert ist. Also kann der kleine Junge – Finn – von ihr keine Vorgabe erwarten und fühlt sich dazu genötigt, die Situation selbst in die Hand zu nehmen.

Und er fühlt sich damit womöglich allein gelassen – er ist ja noch ein kleines Kind. "Eine wichtige Empfehlung in pädagogischen Prozessen lautet immer, nichts zu verbieten, was kurz darauf wieder erlaubt wird“, sagt Bandali.

Sonst könne es zur Entwicklung von sozialen Problemen wie beispielsweise Bindungsstörungen kommen: „Den Zusammenhang zwischen: "Ausnahmsweise, damit ich meine Ruhe habe..." und "Du hast mir gar nichts zu sagen, ich mache, was ICH will..." ist ja auch nicht wirklich leicht erkennbar“, sagt er.

Nachgeben als Konfliktvermeidungsstrategie

Klar passiert es schnell, dass Eltern dem Kind genervt etwas durchgehen lassen. Das ist auch nicht weiter schlimm, wenn es nicht immer wieder passiert und von dem Kind als gegeben angenommen wird, dass die Eltern sowieso ihre Meinung ändern.

Nicola Schmidt, Fachautorin für Erziehung, sieht in dem Nachgeben auch eine Taktik der Eltern, es sich einfach zu machen. Sie sagt in einem Gespräch mit der Huffington Post: “Wenn man sagt, das Kind will halt so gerne fernsehen, also lasse ich es fernsehen, dann ist das aus meiner Sicht kein Verwöhnen, sondern eine Konfliktverweigerungsstrategie.“

Kinder brauchen jedoch hin und wieder den Konflikt mit den Eltern, um zu lernen, mit ihren Gefühlen und den Gefühlen anderer Menschen umzugehen. Und um sich später zu zufriedenen und sozialkompetenten Menschen zu entwickeln.

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(mm)

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