Das ist der Grund, warum gerade jetzt Zehntausende in Großbritannien für die EU demonstrieren

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BREXIT
Pro-EU-Demonstranten in London | getty
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Für Zeitungsleser mit einem Sinn für Humor ist der Brexit eine bitter-süße Angelegenheit.

Kaum ein Morgen vergeht hier in London ohne eine neue Schlagzeile, die einem ein breites Grinsen auf's Gesicht zaubern würde, wäre das Thema nicht so ernst.

Den Vogel abgeschossen hat in dieser Hinsicht kürzlich der britische Brexit-Minister David Davis. Der offenbarte vor zehn Tagen, dass sich bislang niemand im Brexit-Camp die Zeit genommen hat zu prognostizieren, was für Auswirkungen ein harter Brexit (also einer ohne einen kompromissgesteuerten Deal mit der EU) für die britische Wirtschaft hätte.

Selbst Brexit-Befürworter werden skeptisch

Woher also die feste Überzeugung der Premierministerin Theresa May kommt, dass “no deal better than a bad deal” (kein Deal mit der EU ist besser als ein schlechter Deal) sei, bleibt ein Rätsel.

Immerhin: Die Anhäufung solcher Absurditäten beginnt auch vielen Brexit-Befürwortern aufzufallen.

Zu sagen, dass die Stimmung in Großbritannien kippt, wäre voreilig – doch die Zeit des blauäugigen Fähnchen-Wedelns ist bei allen außer den hartgesottensten Brexit-Jüngern fürs Erste vorbei.

Während in ganz Europa Menschen für die EU auf die Straße gingen, marschierten deshalb auch am Wochenende in London zehntausende Brexit-Gegner durch die Innenstadt.

EU-Befürworter werden wieder gehört

Für sich betrachtet ist diese Demo nicht bemerkenswert. Denn schon kurz nach dem Brexit-Referendum gingen in London für einen EU-Verbleib die Menschen auf die Straße. Bemerkenswert ist aber, dass die EU-Befürworter in Großbritannien wieder gehört werden.

Der mächtige Verband der britischen Industrie (EEF) lässt verlauten, dass die Unternehmer einen harten Brexit schlicht unakzeptabel fänden. Und selbst die erz-konservative Zeitung "Evening Standard" schwenkt auf brexitkritische Positionen um.

Dass dieser Wandel so kurz vor dem vermeintlich unumkehrbaren Ziehen des Artikels 50 kommt, mit dem der Austritt Großbritanniens aus der EU gestartet wird, ist kein Zufall. Erst jetzt sind die Brexit-Kapitäne zum ersten Mal gezwungen, ihre Pläne konkret auf den Tisch zu legen. Doch statt klug vorgezeichneten Realisierungsszenarien gibt es leere nationalistische Parolen.

Das Ausmaß an Ahnungslosigkeit ist so offensichtlich, dass auch den schärfsten Brexit-Befürwortern langsam Bange wird.

Alle haben Angst vor einem stark fallenden Pfund

Damit befinden sie sich nun in der guten Gesellschaft all der in Großbritannien lebenden EU-Bürger, die ihrerseits jede Hoffnung auf ein 'Wird-schon-nicht-so-schlimm' mittlerweile aufgegeben haben. Das vorherrschende Gefühl bei EU-Bürgern in Großbritannien ist mittlerweile Panik.

Bekannte von mir, die ein Haus besitzen, bangen um den Wert ihrer Immobilien. Andere recherchieren die Kosten einer angemessenen privaten Krankenversicherung, falls die nationale Krankenversicherung für Ausländer plötzlich kostenpflichtig werden sollte. Außerdem stellen sie sich auf ein stark fallendes Pfund ein, sobald May am kommenden Mittwoch den Artikel 50 aktiviert.

Für eine Freundin ist die Frage nicht mehr, ob sie nach zwanzig Jahren auf der Insel nach Deutschland zurückzieht, sondern nur noch wann. "Wenn ich jetzt verkaufe, ist mein Haus noch etwas wert", sagt sie. "In zwei Jahren, wenn dann alle weg wollen, kann es schon zu spät sein."

Der Glaube an eine für die Briten vorteilhafte und für hier ansässigen EU-Bürger wenigstens akzeptable Lösung im Rahmen des Brexit ist dahin. Die letzte Hoffnung für viele sind jetzt die EU-begeisterten Menschen, die in Großbritannien auf die Straße gehen.

Mehr zum Thema: Noch vor wenigen Wochen sah alles danach aus, als würde die EU zerfallen. Jetzt deutet sich eine radikale Wende an: 7 Anzeichen, dass Europa zurück ist

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(lp)