POLITIK
27/03/2017 19:01 CEST | Aktualisiert 27/03/2017 19:31 CEST

Ein Brief an die Menschen, die jetzt für Europa auf die Straße gehen

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Demonstranten hinter einer EU-Flagge

Liebe Europäer

Wie oft habe ich schon gehört, Europa sei ein "Eliten-Projekt“. Ein Ding, das die Reichen und Mächtigen vorantreiben, um selbst noch reicher und noch mächtiger zu werden. Das war zwar schon immer falsch. Trotzdem haben das jahrelang Millionen von Menschen in Deutschland und Europa geglaubt. Brüssel und damit Europa geriet zum Synonym einer nutzlosen, kalten Bürokratie. Doch in den vergangenen Wochen ist in Europa etwas Bemerkenswertes passiert. Nachdem klar wurde, welchen politischen Wahnsinn der neu gewählte US-Präsident Donald Trump in Amerika entfachte, hat sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine pro-europäische Bewegung formiert, die Woche für Woche Zehntausende auf die Straße bringt. Ich bin selbst überrascht, welche Dynamik sich da gerade entwickelt. Aber noch mehr erstaunt mich, was für unterschiedliche Menschen da gerade jeden Sonntag bei den „Pulse of Europe“-Demonstrationen der Europäischen Union den Rücken stärken.

Linke Politologen neben konservativen Rentnern

Da stehen Hausfrauen neben Wirtschaftswissenschaftlerinnen, linke Politologen neben konservativen Rentnern. Ich selbst war Mitte Februar auf dem Gendarmenmarkt in Berlin, als die "Pulse of Europe"-Demonstrationen noch relativ überschaubar waren. Ein deutsch-polnischer Freund hatte mich eingeladen. Ich selbst habe polnische Vorfahren, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Bergarbeiter ins Ruhrgebiet eingewandert sind. Meine Großtante hat noch Polnisch mit mir gesprochen. ➨ Mehr zum Thema: Tausende gehen für Europa auf die Straße - diese junge Bewegung steckt dahinter Mir lag die deutsch-polnische Aussöhnung immer am Herzen. Ich habe mich spätestens seit meiner Studienzeit immer mehr als Europäer denn als Deutscher gefühlt. Und deshalb entschloss ich mich, zum ersten Mal seit Jahren wieder selbst an einer Demo teilzunehmen, und sie nicht als Journalist zu beobachten. Am Ende der Kundgebung fassten wir uns zum Abschied an den Händen und bildeten einen Kreis um den Platz. Neben mir stand ein junger Investmentbanker, ebenfalls mit polnischem Migrationshintergrund. Er sprach davon, dass er Karriere machen und bald schon ein größeres Vermögen bilden wolle. Politisches Engagement sei für ihn wichtig, aber nur, bis er eine Familie gegründet habe. Dann müsse er Prioritäten setzen.

Abschottung gegen Weltoffenheit

Zugegeben, ich konnte dem, was er sagte, wenig abgewinnen. Mir ist gesellschaftlicher Ausgleich wichtig, und dass alle Menschen die Chance haben, ihren Weg in diesem Land zu gehen. Allein schon deshalb, weil ich selbst aus einer Arbeiterfamilie komme. Ich bin der erste in meiner Familie, der Abitur machen konnte. Bei anderer Gelegenheit hätte ich geglaubt, dass mich mit diesem Menschen nichts verbindet. An diesem Tag aber war es anders. Ich erkannte, dass die alten politischen Konfliktlinien in dieser Zeit an Bedeutung verlieren. Womöglich werde ich mich mit einigen der Demo-Teilnehmer wie dem Investmentbanker in Zukunft wieder über Themen wie Wirtschafts- und Bildungspolitik streiten. Aber erstmal geht es um etwas anderes: Wir müssen der Abschottungsrhetorik der Populisten Europa und unseren Internationalismus entgegensetzen. Wie immer der sich auch zeigen mag. Gerade das macht den Reiz der zur Zeit erstarkenden Europa-Bewegung aus: Dass dort Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen, um für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen. Und natürlich geht es auch darum, unsere Institutionen, die uns in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Freiheit und Frieden, sondern auch Wohlstand und Entwicklungsmöglichkeiten gebracht haben, zu schützen.

Wir müssen unsere Institutionen schützen

Der Historiker Timothy Snyder schreibt in seinem aktuellen Bestseller „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ : "Wir glauben nur zu gerne, Institutionen würden automatisch auch noch den direktesten Angriffen standhalten. (…) Der Fehler liegt in der Annahme, Machthaber, die durch Institutionen an die Macht kamen, können genau diese Institutionen nicht verändern und zerstören - selbst wenn sie angekündigt haben, genau das zu tun." Wie Recht er hat. Und so werde ich auch künftig auf die Straße gehen, um diese Europäische Union vor jenen zu verteidigen, die aus kurzfristigen politischen Überlegungen glauben, die Zukunft des ganzen Kontinents aufs Spiel zu setzen. Was mir Mut macht, ist die Feststellung, dass in diesem Frühling 2017 die Europäische Union für viele Deutsche und Europäer kein "Eliten-Projekt" mehr ist. Sie begreifen, dass wir alle uns wehren müssen. Gegen die Rechtsradikalen in Europa, die bereits jetzt dabei sind, in Polen und Ungarn den Charakter der Demokratie zu verändern. Und auch in Frankreich und Deutschland stehen in diesem Jahr Wahlen an. Was liegt da näher, als dass wir unser Schicksal jetzt in die eigene Hand nehmen? ➨ Mehr zum Thema: Noch vor wenigen Wochen sah alles danach aus, als würde die EU zerfallen. Jetzt deutet sich eine radikale Wende an: 7 Anzeichen, dass Europa zurück ist

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(ben)

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