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Falls der EU-Flüchtlingsdeal mit der Türkei platzt, erwarten die Inseln in der Ägäis eine Katastrophe

25/03/2017 20:44 CET | Aktualisiert 26/03/2017 11:46 CEST

  • Immer mehr Flüchtlinge kommen auf der griechischen Insel Chios an

  • Die griechischen Behörden fühlen sich von der EU zunehmend alleine gelassen

  • Die Flüchtlinge beklagen die schlechten Zustände in den Camps

Es ist sieben Uhr am Mittwochmorgen auf der griechischen Insel Chios. 21 Flüchtlinge sind soeben angekommen, darunter fast die Hälfte Kinder. Die meisten wollen nach Deutschland. "Endlich sind wir in Sicherheit. Ich kann es immer noch nicht glauben", sagt einer der Flüchtlinge mit zitternder Stimme.

Vier Stunden habe die gefährliche Reise über das unruhige Meer gedauert. Wie viele bereits vor ihnen sind sie mit einem kleinen Motorboot vom türkischen Festland in der Region Cesme nach Chios gefahren. "Es war stockdunkel auf dem Meer. Wir haben nichts sehen können und unser Kapitän hat sich einfach aus dem Staub gemacht", erzählt ein 30-jähriger Flüchtling.

In Syrien sei er Pilot einer syrischen Fluggesellschaft gewesen. "Vor fünf Tagen war ich noch in Damaskus. Und jetzt bin ich in der EU. Ich kann es einfach nicht fassen", erzählt er mit blassem Gesicht. Vor Ort sind ein paar Freiwillige einer lokalen NGO und die griechische Küstenpolizei. "Wer seid ihr und was wollt ihr hier", ist die Frage an die Journalisten. "Bitte verschwindet. Fotos sind nicht erlaubt", so einer der Wachen.

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Die türkische Küstenwache steht bereit. Im Hintergrund: die griechische Insel Chios.

Der EU-Türkei Flüchtlingsdeal jährt sich. Die türkische Regierung hat sich verpflichtet, den Zustrom von Flüchtlingen in die EU zu stoppen. Drei Milliarden Euro an Hilfsgeldern gehen dafür an die Türkei. Und tatsächlich, die türkische Küstenwache steht Tag und Nacht parat. Auch die NATO-Flotte patrouilliert.

An der türkischen Ägäisküste ist kein einziger Flüchtling zu sehen. Weder auf den Straßen noch an den Stränden. "Die Flüchtlinge wagen sich in dieser Region nur nachts auf die Straßen. Und auch nur nachts setzen sie in Richtung Griechenland ab", bestätigt ein Beamter in der Region Cesme.

Aufgrund der strengen türkischen Küstenwache ändern sie ständig ihren Fluchtpunkt, sagt der Beamte. "Jede Nacht sammeln wir 50 bis 100 Flüchtlinge ein und schicken sie zurück in die größten Flüchtlingslager in der Nähe der syrischen Grenze", so der Türke. Das Wetter sei nun einfach besser und es gäbe immer mehr Flüchtlinge die nach Griechenland wollen, fügt er hinzu.

Kritik an EU und Türkei

Die griechischen Behörden zweifeln jedoch daran, dass die vermehrte Ankunft von Flüchtlingen in Griechenland nur am guten Wetter liegt. Offizielle Zahlen internationaler Organisationen zeigen: im kalten Februar sind innerhalb von nur fünf Tagen 148 Menschen über den illegalen Wasserweg auf Chios angekommen. Die Zahlen steigen an.

Am 17. März waren es innerhalb nur eines Tages 128 Flüchtlinge. "Täglich kommen bis zu 100 Flüchtlinge auf Chios an. Die meisten sind Syrer. Unter ihnen sind aber auch geschätzt 30 Prozent Nordafrikaner. In der letzten Woche waren es also rund 500 Flüchtlinge. Davor waren es höchstens 50 die Woche", so Giorgos Karamanis. Er ist der stellvertretende Bürgermeister der Insel Chios.

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Der stellvertretende Bürgermeister von Chios, Giorgos Karamanis

Auch die Vergangenheit habe gezeigt, dass das Wetter durchaus den Flüchtlingszustrom kontrolliere, so der Grieche. "Womöglich ist es aber auch eine politische Sache. Es ist ein Weg, den die Türkei nutzt, um Druck auf die EU auszuüben. Beispielsweise um die Visafreiheit für die Türken durchzusetzen", betont Karamanis. Wenn also das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei platzen sollte, wäre es eine Katastrophe für die Inseln in der Ägäis, sagt er. "Wir sind absolut nicht auf einen Massenansturm vorbereitet", so Karamanis.

Auch mit der EU zeigt sich der Grieche nicht zufrieden. Auf Chios gibt es zwei Camps, die von insgesamt 1700 Menschen bewohnt werden. Das Camp Souda ist nach wie vor eine Zeltstadt.

"Es wurde so viel Geld für die Flüchtlingshilfe ausgegeben. Aber nichts davon ist bei der lokalen Verwaltung angekommen. Wir können nicht mehr Geld für die Flüchtlinge ausgeben, die bereits seit Monaten in Zelten leben. Gerade wir hier auf der Insel haben das Geld nötig, um die Zustände in den Camps zu verbessern. Das Geld der EU wird einfach nicht richtig eingesetzt.

Laut dem Flüchtlingsdeal müssen alle Flüchtlinge erst hier auf den Inseln den Asylantrag stellen, was viel zu lange dauert. Der Deal ist zwar gut für die EU, aber nicht für uns hier auf der Insel", kritisiert Karamanis. Die UN sei zwar eine zusätzliche Hilfe, aber auch das reiche nicht aus.

Unzufriedenheit im Camp

Das Zeltcamp Souda ist nur wenige Gehminuten vom Hafen entfernt. Mitten in der Stadt von Chios - eine kleine Zeltstadt. Iraner, Iraker, Algerier und viele Syrer hausen hier.

Inoffiziellen Zahlen zufolge gibt es unter den 600 Männern nur 40 Frauen. Eine unangenehme Aufteilung, die zu spüren ist. Es gibt öffentliche Toiletten und kaum Privatsphäre. Eine große Gruppe von Algeriern spielt viel zu laute Musik aus der Musikbox. Sie springen umher, randalieren und schmeißen sich auf die Esstische.

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Der 21-jährige Hassan aus Aleppo

Die Unzufriedenheit vor allem unter den Syrern ist zu spüren. Immer mehr "Migranten" aus Nicht-Kriegstaaten kommen an. Darunter beispielsweise auch christliche Iraner, die sich politisch verfolgt fühlen. Als unfair empfinden das viele Syrer. So auch der 21-jährige Hassan aus Aleppo. Er ist vor sieben Monaten in Chios angekommen.

"Die Algerier machen hier doch nur Party und wollen westliche Frauen anmachen. Sie trinken ständig Alkohol und sind sehr laut", so Hassan. Der Syrer habe bereits zwei Mal seinen Asylantrag gestellt und Absagen von der griechischen Regierung bekommen, erzählt er. "Ich weiß nicht warum. Ich bin Kriegsflüchtling und suche nach einem sicheren Ort. Diese Bürokratie dauert viel zu lange", so der ehemalige Student. 5000 Euro habe er für die Flucht aus Syrien ausgegeben und zwei Mal wurde er von der türkischen Küstenwache festgenommen, erzählt er. "Nun sitze ich hier fest."

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Die jährige Syrerin auf Chios

Die 43-jährige Aomia kommt ebenfalls aus Syrien. "Ich bin seit Monaten hier. Es gibt Insekten und Ratten im Camp", sagt Aomia und zeigt ihre Bisse am Arm. Es sei schmutzig und unhygienisch, beklagt sie. "Die Helfer der UN schubsen uns herum und sind genervt von uns. Ich will endlich weg hier."

Auch der 18-jährige Ahmet halte es kaum noch aus. "Wir leben in Zelten und wir fühlen uns von der EU nicht gehört. Als ich aus Syrien aufgebrochen bin, habe ich in der Presse immer den Satz 'Flüchtlinge sind willkommen' gelesen. Aber von dieser europäischen Gastfreundschaft habe ich bis jetzt nichts gespürt", sagt er.

Ihm dauere einfach alles viel zu lange. "Hätte ich das gewusst, wäre ich in der Türkei geblieben oder sogar in Syrien", so Ahmet.

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