POLITIK
25/03/2017 18:36 CET

Die Zeit der Populisten ist vorbei: Warum ich gerade jetzt stolz bin, ein Europäer zu sein

Paul Hackett / Reuters
EU-Flaggen in der britischen Hauptstadt London

Wahrscheinlich muss ich Donald Trump am Ende sogar dankbar sein.

Mein ganzes Erwachsenenleben lang war ich mit Leidenschaft Europäer. Doch anders als meine Eltern und Großeltern haben mir immer die richtigen Worte gefehlt, wenn es darum ging, andere Menschen von meiner Leidenschaft zu überzeugen.

Für die Generation meiner Großeltern war die Sache klar: Nie wieder sollten die Völker in Europa übereinander herfallen. Die Aussöhnung des Kontinents war der beste Weg, einen neuen Krieg zu verhindern.

Die Generation meiner Eltern sah die großen wirtschaftlichen Vorteile, die der Binnenmarkt innerhalb der Europäischen Union mit sich brachte.

Mir blieben lange Zeit nur die Slogans meiner Vorfahren. Es war natürlich richtig, dass wir in den vergangenen 60 Jahren eine nie gekannte Zeit des Friedens auf dem Gebiet der Europäischen Union erlebt hatten. Wer jedoch damit aufgewachsen war, dem schien dieser Friede allzu selbstverständlich zu sein.

Das Gerede von den "gierigen Griechen"

Und natürlich profitierte Deutschland wie kein zweites Land vom Binnenmarkt und der gemeinsamen Währung. Doch die Populisten waren sehr erfolgreich darin, diese Errungenschaften im Zuge der Eurokrise infrage zu stellen. Viele glaubten tatsächlich daran, dass die „gierigen Griechen“ auf „unsere Kosten“ lebten.

Um ehrlich zu sein: Die meisten meiner Mitmenschen langweilten sich sehr herzlich über das Größte und Fantastischste, was diesem Kontinent jemals passiert war.

Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Es tut sich etwas, pünktlich zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge. Wir merken wieder, warum es so wichtig ist, an Europa zu glauben.

Der Auslöser dafür hat einen Namen: Donald Trump. Seitdem ein Mann im Weißen Haus sitzt, dessen Sprache der eines versetzungsgefährdeten Neuntklässlers ähnelt und dessen Denken von den Ideen rechtsradikaler Einflüsterer inspiriert wird, ist nichts mehr so, wie es vorher einmal war.

Der peinlichste und gefährlichste US-Präsident der Geschichte

Jahrelang hatten die Populisten in Europa Oberwasser. Sie konnten mit einigem Recht von sich behaupten, dass sie Volksbewegungen hinter sich wüssten. In Polen, der Slowakei und Ungarn stellen sie den Ministerpräsidenten. In Großbritannien bewegten Populisten eine Mehrheit der Wähler, für den Ausstieg aus der Europäischen Union zu stimmen. Und vor nicht allzu langer Zeit sah es noch so aus, als könne die rechtsradikale Politikern Marine Le Pen zur nächsten französischen Präsidentin gewählt werden.

Doch dann gewann Donald Trump im November 2016 die US-Wahl. Kaum jemand hatte wirklich damit gerechnet, gerade weil sein Programm so unfassbar absurd schien. Die Hetze gegen Muslime, der geplante Mauerbau an der mexikanischen Grenze. Die Verachtung, mit der er Frauen begegnete. Sein Gerede von „America first!“, mit dem er eine neue, isolationistische Wirtschaftspolitik begründen wollte. Und das im Mutterland des freien Handels.

Schnell wurde klar, dass er das alles wirklich ernst meinte. Seit drei Monaten regiert in Amerika nicht nur der peinlichste Präsident der US-Geschichte, sondern womöglich auch der gefährlichste.

Während die AfD-Vorsitzende Frauke Petry sich noch am Morgen des 9. November nach dem Wahlsieg von Donald Trump wie ein Fangirl darüber freute, dass ein Politiker aus ihrer eigenen Nonsens-Denkschule die Wahl gewonnen hatte, wurde vielen Europäern langsam bewusst, dass dieser Mann eine Gefahr für den Weltfrieden darstellt.

Was über Jahrzehnte so selbstverständlich schien wie der Sonnenaufgang am Morgen, ist mittlerweile ernsthaft bedroht: Wenn selbst der früher mal als „Anführer der freien Welt“ apostrophierte US-Präsident nun gegen Medien hetzt und Menschenrechte einschränken will, dann steht es wahrlich schlecht um die Freiheit.

Den Wahnsinn etwas entgegensetzen

Und deswegen kommen nun jede Woche immer mehr Menschen in ganz Europa zusammen, um jener Institution ihre Solidarität zu versichern, die als einzige derzeit in der Lage scheint, dem Wahnsinn in Amerika etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen. Es ist eine neue Bewegung entstanden. Die erste seit Jahren, die wirklich in der Lage ist, dem populistischen Virus etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen.

Und sie sind deswegen so stark, weil sie sich von den rechten Bewegungen in einem entscheidenden Punkt unterschieden.

Pegida und Konsorten waren immer GEGEN etwas. Sie fürchteten sich vor der „Islamisierung des Abendlandes“, vor Flüchtlingen, vor Fremden überhaupt. Der Hass auf die Bundesregierung war grenzenlos, nicht selten wurde auf den Veranstaltungen direkt und indirekt zur Ermordung von Kanzlerin Angela Merkel aufgerufen.

Wenn an den Wochenenden in Frankfurt, Berlin, Amsterdam, Paris oder Wien bei den „Pulse of Europe“-Demonstrationen Zehntausende mit Europafahnen auf die Straße gehen, dann demonstrieren sie FÜR etwas. Für die Sicherung von Frieden und Freiheit, für die immer noch bestehenden Errungenschaften der Europäischen Union.

Erstmals seit ganz langer Zeit begeistern sich wieder die Menschen für die Zukunft. Und das sollte uns allen Mut machen. Das Jahr 2017, es könnte zu einem Wendepunkt im Kampf für die liberale Demokratie werden. Vor einigen Monaten glaubten die rechten Populisten noch, dass die Geschichte auf ihrer Seite wäre. Doch da könnten sie sich gewaltig geirrt haben. In solchen Momenten bin ich wirklich stolz, ein Europäer zu sein.

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(mf)

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