Vor 60 Jahren unterschrieben die EU-Gründungsväter nur weiße Blätter - das steckt dahinter

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TREATY ROME
Grundstein der EU: Vor 60 Jahren unterschrieben die Regierungschefs nur weiße Blätter - das steckt dahinter | Getty Images
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  • Am 25. März 1957 sind die Römischen Verträge unterzeichnet worden - die Grundlage der heutigen EU
  • Doch beinahe kam es nicht dazu
  • Aufgrund zahlreicher Pannen mussten die Regierungschefs schlussendlich nur weiße Blätter unterschreiben

Stolze 60 Jahre wird die Europäische Union alt. Am 25. März 1957 wurde der Grundstein für die heutige Staatengemeinschaft mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge in der italienischen Hauptstadt gelegt. Doch das folgenreiche Treffen der Regierungschefs von Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden wäre so fast nicht zustande gekommen.

Ein umgeleiteter Waggon, übereifrige Putzfrauen und streikende Studenten - die Liste der Tücken, die die römischen Verträge begleiteten, ist lang.

Für die gesamte Organisation blieben den Verantwortlichen damals nur wenige Tage Zeit, berichtet der Logistik-Verantwortliche Albert Breuer dem Online-Portal der EU.

Die erste Hürde wartete in Basel

Wenige Tage vor der geplanten Unterzeichnung starte ein Zug aus Brüssel in Richtung Rom. In einem Waggon war sämtliches Übersetzungs- und Reproduktionsmaterial geladen. Doch bereits in der Schweiz wartete die erste Hürde auf den Tross, erinnert sich Breuer.

Denn in Basel hätten die Schweizer beschlossen den Waggon zu blockieren. Breuer, mit an Bord, versuchte die Blockade zu lösen - vergeblich.

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Also setzte der Logistik-Chef seine Reise zunächst nach Mailand fort - ohne Zug und Materialien. Der Waggon sollte über eine Umleitung kurze Zeit später nachkommen. "Ich machte mich auf die Suche nach 'meinem' Waggon … doch er war verschwunden, mitsamt dem ganzen Material", schildert Breuer die Ereignisse.

"Nach einigen Nachforschungen und kalten Schweißausbrüchen konnte der Waggon wiedergefunden werden … auf einem Abstellgleis in einigen Kilometern Entfernung. Nun konnte er also seine Reise nach Rom fortsetzen."

"Entwurf aus einer chaotischen Blättersammlung"

Reibungslos ging es aber keinesfalls weiter. Der Vertrag sei noch nicht vollkommen fertig gewesen. Er war eher ein "Entwurf aus einer chaotischen Blättersammlung", sagt Breuer. Eine römische Druckerei sollte ihn noch in eine ordentliche Form bringen.

Aber in der Druckerei funktionierte die Technik offenbar nicht, wie sie sollte. Die Putzfrauen fanden ein Chaos vor - der ganze Boden sei mit schwarzer Farbe, zerstörten Blättern und Druckerteilen übersät gewesen. Also warfen sie kurzerhand alles in den Müll, wie Breuer berichtet. Dummerweise auch die Matrizen, die zum Druck der Verträge dringend benötigt worden wären.

"In unserer Verzweiflung forderten wir bei den Sachverständigen ein weiteres Schreibkräfte-Team an, mit dessen Hilfe wir es schafften, neue Matrizen anzufertigen", berichtet Breuer.

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Doch das war noch immer nicht die letzte Hürde zu den Römischen Verträgen. Studenten der Universität Rom sollten die finalen Verträge zusammenstellen - für nur wenige Lire die Stunde. Das sei ihnen jedoch nicht genug gewesen, sagt Breuer. Bereits nach einem Tag begannen die Studenten zu streiken. Ihre Forderung: 200 Lire pro Stunde.

Die endgültige Fassung lag noch nicht vor

Die ganzen Pannen hätten schließlich dazu geführt, dass die endgültige Fassung des Vertragstextes noch nicht vorlag. Die Minister mussten ihre Unterschriften dann unter ein Paket lauter weißer Blätter setzen, schildert Breuer den Akt. Denn die Zeit habe schlussendlich nur gereicht, um das erste und das letzte Blatt der Verträge zu bedrucken.

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"Abgesehen von einem sehr kleinen Kreis Eingeweihter hatte niemand die leiseste Ahnung", gesteht Breuer. Aber es gab noch ein Problem: Denn die Mitarbeiter mussten dafür sorgen, dass die anwesenden Journalisten den Regierungschefs nicht zu nahe kommen - um den Fauxpas nicht zu bemerken.

Ganz geglückt ist das nicht: Der britische Korrespondent David Willey, der damals für die Nachrichtenagentur Reuters vor Ort war, berichtete pünktlich zum 60. Geburtstag, dass er die weißen Blätter gesehen habe.

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(mf)