Zwischen Wut und Angst: Das fühlen Türken in Deutschland vor dem Referendum

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Zwischen Wut und Angst: Das denken Türken in Deutschland über Erdogans Ausraster | Getty
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Er wütet, schimpft und beleidigt. Immer wieder.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan überbietet sich derzeit selbst mit Hassbotschaften gegen Europa. Seine Ausfälle werden mit jedem Tag bizarrer - und heftiger.

Europäer können das oft nicht mehr begreifen. Dabei hat der Hass Europa längst erreicht. Was denken wohl die in Deutschland lebenden Türken über die Ausraster ihres Präsidenten?

Wir haben uns in München umgehört, bei Besitzern und Mitarbeitern von Döner-Läden und bei Taxifahrern.

Beide Gruppen sind wichtiger Bestandteil der türkischen Community in Deutschland - und auch der deutschen Wirtschaft. 16.000 Döner-Läden soll es in Deutschland geben, laut einer Schätzung des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands sind 30 Prozent der über 150.000 Taxifahrer in Deutschland türkischer Abstammung.

Wer sich mit ihnen unterhält, dem schlagen zwei Gefühle entgegen: Wut und Angst.

"Erdogan hat keine Ahnung von Religion"

Nach dem Mittagsgeschäft stehen die Mitarbeiter eines Döner-Ladens am Hauptbahnhof draußen. Die Stimmung ist gut, sie rauchen und scherzen. Rescho ist einer von ihnen, er lebt seit 30 Jahren in Deutschland und nennt sich selbst einen “bayerischen Türken”.

Seinen vollen Namen will er nicht nennen, wenn es um Erdogan geht. Da habe er Angst. Dafür wird er im Gespräch umso deutlicher.

Er verstehe die täglichen Ausfälle des türkischen Präsidenten zwar auch nicht. Was Erdogan antreibt, kann er aber doch beschreiben. “Er möchte der einzige Mann in der Türkei sein”, sagt Rescho. “Wegen seinem Ego macht er jeden in seinem Land kaputt.”

Er liefert auch eine klare Antwort, warum Erdogan so beliebt ist: Er spanne die Religion für seine Zwecke ein. Wenn er sage, etwas sei verboten, glauben das die Menschen. Erdogan selbst habe allerdings keine Ahnung von Religion. Frage man ihn zu den Gründen, warum etwas verboten gehöre, “dann kann Erdogan das nicht erklären. Er sagt nur: Das ist nicht erlaubt.”

Nach dem Referendum kommt ein Aufstand"

Wenn es um die türkische Wirtschaft geht, erhebt Rescho schwere Vorwürfe: "Erdogan hat die Türkei verkauft. Jeden Zentimeter." Dabei habe der Präsident gut verdient: "Früher hat Erdogan gesagt, er besitzt nur seinen Ehering. Jetzt ist er Milliardär." Erdogan hat also vor allem in seine eigene Tasche gewirtschaftet. Oder, wie Rescho es sagt: „Erdogan betrügt die Türken.“

Seine Fans würden sich jedoch täuschen lassen. “Die Menschen gehen auf den Markt, zahlen mit einer Kreditkarte. Wenn die leer ist, nehmen sie die zweite, dritte, vierte. Und glauben, der Wirtschaft geht es gut.” Wohlstand auf Pump mache die Türken zufrieden.

Dabei geht es der türkischen Wirtschaft gar nicht gut. Tatsächlich befindet sie sich im Sinkflug.Der Republik am Bosporus droht aufgrund einer anhaltenden Rezession eine massive Wirtschaftskrise.

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Warum die AKP-Anhänger für die Verfassungsänderung stimmen? Weil Erdogan ihnen verspreche, die Türkei werde auf der internationalen Bühne damit so stark wie die USA auftreten, glaubt Rescho.

Er hofft auf ein “Nein”. Sollte Erdogan das Referendum allerdings gewinnen, wird es einen Aufstand geben, glaubt er. Dagegen sei der Putsch nichts gewesen. Seiner Heimat stünden also äußerst unruhige Zeiten bevor.

"Erdogan ist schon Thema bei den Kunden"

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Auch Salman Faruk besitzt einen Dönerladen am Hauptbahnhof. "Der Streit mit Erdogan ist schon manchmal Thema, wenn wir mit unseren Gästen sprechen", sagt er gegenüber “Focus Online”.

Manche Gäste würden ihre Wut gegenüber Erdogan ausdrücken. Einen Anstieg von Ablehnung könne er allerdings nicht feststellen.

"Warum sagt Merkel nichts dagegen?"

Ein türkischer Taxifahrer, den wir fragen, glaubt nicht, dass Erdogan das Referendum verlieren wird. “Hast du schon einmal erlebt, dass ein Diktator eine Wahl verloren hat?”, sagt er. Er ist ebenso der Meinung, Erdogan verdanke der Religion seine Beliebtheit.

Der Mann versteht allerdings Deutschland nicht. “Warum sagt Merkel nichts dagegen?”, fragt er zu den verbalen Attacken aus Ankara. Den Einwand, dann werde der türkische Präsident die Grenzen öffnen, lässt er nicht gelten: “Kann er alle Flüchtlinge in einen Zug stecken und nach Europa fahren?” Die Flüchtlinge in der Türkei würden dort bleiben wollen, glaubt er.

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"Die Stimmung ist zu fanatisch"

Der Chef eines weiteren Dönerladens in der Nähe des Hauptbahnhofes möchte keine Aussagen über den türkischen Präsidenten machen. Die Stimmung sei derzeit zu fanatisch. “Die einen sind für ihn, die anderen sind dagegen. In der Mitte gibt es nichts”, sagt er. Egal, was er also erzähle, es wäre immer schlecht für das Geschäft.

Ein anderer türkischer Taxifahrer am Hauptbahnhof will gar nichts sagen. “Er hat überall seine Spitzel”, sagt er zur Begründung. “Ich bin für ‘Nein’, versteht du?”, ruft er noch hinterher.

Manche Türken ziehen sich allerdings auch einfach zurück, um der ganzen Aufregung zu entgehen. “Ich interessiere mich nicht für Politik”, sagen ein Taxifahrer sowie ein Chef eines Dönerladens.

Der schiebt noch hinterher: “Ich lebe hier, mir und meiner Familie geht es gut. Ich muss mein Brot verdienen. Wenn mir etwas passiert, wer hilft mir dann?”

Ein türkischer Taxifahrer am Ostbahnhof kann wegen der gegenseitigen verbalen Ausfälle die ganze Geschichte nicht mehr hören. “Ich bin die Sache leid”, sagt er, “ich habe aufgehört, Nachrichten zu hören. Da wird immer versucht, jemandem die Schuld zuzuschieben.” Je weniger davon zu lesen sei, desto besser.

Verstehen wir Deutschen Erdogan nur falsch? “Ich verstehe Erdogan selbst nicht. Der ist unberechenbar.“

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(jg)