Österreichs Außenminister Kurz greift die Arbeit von Flüchtlingsrettern an - die reagieren mit Entsetzen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REFUGEE SEA
Ein Helfer des italienischen Roten Kreuzes hilft in Seenot geratenen Flüchtlingen | Handout . / Reuters
Drucken
  • Tagtäglich retten private Helfer geflüchtete Menschen aus dem Mittelmeer
  • Der österreichische Außenminister Kurz kritisiert das Engagement der Seenotretter scharf
  • Seine absurde Begründung: Ihre Arbeit führe dazu, dass mehr Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben kämen

Für viele Flüchtlinge wird das Mittelmeer zum nassen Grab. So auch am Freitag. Nach mehreren Schiffsbrüchen werden wieder Hunderte Tote befürchtet. Doch trotz neuer Tragödien, greift Österreichs Außenminister Sebastian Kurz private Seenotretter scharf an.

"Der NGO-Wahnsinn muss beendet werden", sagte er in Malta bei einem Besuch der Frontex-Mission. Die Arbeit der Freiwilligen führe dazu, dass mehr Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben kämen statt weniger. Viele würden sich zu Partnern der Schlepper machen. Damit äußert sich Kurz ähnlich wie kürzlich der Chef der EU-Grenzschutzbehörde, Fabrice Leggeri.

"Kurz nimmt mit seinem Vorgehen den Tod von Menschen in Kauf. Das ist zynisch und unzivilisatorisch", sagt Hans-Peter Buschheuer von der Seenotrettungsorganisation "Sea Eye". Er betont gegenüber der Huffington Post: "Wir sind eine rein humanitäre Aktion, wir retten nur in Not geratene Menschen."

Den Transport der Geretteten ans europäische Festland würden Armee und andere staatliche Stellen übernehmen - "an denen im Übrigen auch der österreichische Staat beteiligt ist", stellt Buschheuer klar.

Äußerungen von Kurz seien "empörend"

Auch der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich, Mario Thaler, findet die Äußerungen von Kurz "empörend". Dessen Kritik an den Helfern sei umso schockierender, "wenn man sich bewusst macht, was sie unterstellt. Sollen wir die Menschen ertrinken lassen?", fragt er sich.

Thaler unterstreicht, Kurz' Anschuldigung und dessen Vorschläge würden von einem völlig falschen Bild der Rettungseinsätze im Mittelmeer zeugen und nicht der Realität entsprechen.

Anton Shakouri sieht das genauso. Er arbeitet derzeit auf einem von der NGO SOS Méditerranée betriebenem Schiff auf dem Mittelmeer.

Er bezweifelt, dass die Retter ein Antriebsfaktor für Flüchtlinge sind: "Keiner der von uns geretteten hat gewusst, dass es NGO-Schiffe auf dem Meer gibt, die dort zum Helfen vor Ort sind." SOS Méditerranée würde die Menschen 25 bis 35 Seemeilen vor der Küste retten. "Das ist zu weit, um auch von den Schleppern nur in Erwägung gezogen zu werden", erklärte Shakouri der Huffington Post.

Laut der Nichtregierungsorganisation (NGO) Jugend Rettet sind allein in diesem Jahr bisher 559 Menschen auf der zentralen Mittelmeerroute ertrunken, 2016 waren es insgesamt 5098.

Mehr zum Thema: Wir haben in den letzten Wochen 3000 Flüchtlinge gerettet - das ist meine Botschaft an euch

"Massaker erinnert daran, dass Seenotrettung notwendig ist"

Kurz' Vorstoß trifft auch deshalb auf Unverständnis, da es NGOs waren, die erst am Donnerstag zu einer Unglücksstelle etwa 14 Seemeilen vor der libyschen Küste gerufen wurden, um Menschen aus Seenot zu retten. Dort fanden sie nur noch fünf tote Körper vor. Am Freitag bargen sie eine sechste Leiche.

"Angesichts der Tatsache, dass solche Schlauchboote normalerweise mit 120 bis 130 Menschen überladen werden, befürchten wir, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer weit höher ist und dass Dutzende Menschen mehr bei dem Unglück umgekommen sind", teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mit.

"Das Massaker von gestern erinnert uns daran, dass im Mittelmeer eine Tragödie stattfindet und bestätigt, dass Seenotrettung notwendig ist", twitterte der Sprecher der Internationalen Organisation für Migration, Flavio Di Giacomo.

Nach seinen Angaben wird noch untersucht, ob die Migranten von möglicherweise von der libyschen Küstenwache gerettet wurden.

Tragische Bootsunglücke "kommen Politikern wie Kurz zur Abschreckung wahrscheinlich gerade recht", stellt Sea-Watch Geschäftsführer Axel Grafmanns ernüchtert fest. Auch seine NGO versucht in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten.

Doch die die Rettungskapazitäten seien bereits jetzt im Frühjahr am Limit. Das zeigt, "dass die EU nichts aus den Bootskatastrophen der letzten Jahre gelernt hat. Das nächste größere Unglück ist nur eine Frage der Zeit”, prophezeite Sea-Watch Einsatzleiter Martin Taminiau am Montag.

Er sollte leider Recht behalten.

Mehr zum Thema: Was ich als Flüchtlingshelfer auf einem Rettungsschiff erlebte

(Mit Material von dpa)

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ks)