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Die Zahl der Obdachlosen steigt dramatisch - so reagieren deutsche Städte

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OBDACHLOSER
Die Zahl der Obdachlosen steigt dramatisch - so reagieren deutsche Städte | Getty Images
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  • Deutsche Städte sehen sich mit einer steigenden Zahl von Obdachlosen konfrontiert
  • Einige Metropolen wie Hamburg gehen gegen die Menschen vor
  • Städte wie Frankfurt zeigen aber auch: Es gibt gute Ideen, um den Obdachlosen zu helfen

Reich und bitter arm - an wenigen anderen Orten in Deutschland prallen diese Gegensätze so hart aufeinander wie am Hamburger Hauptbahnhof.

Dort treffen sich seit Jahren Obdachlose - zuletzt wurden es immer mehr. So viele, dass der CDU-Wirtschaftsrat der Stadt über einen radikalen Schritt nachdenkt: Da der Müll und die Obdachlosen am Hauptbahnhof Touristen und Reisende abschreckten, soll der zentrale Bahnhof der Hansestadt an den nahegelegenen Halt Dammtor verlegt werden. Das berichtete die Wochenzeitung "Die Zeit" im September.

Aber damit nicht genug. Kürzlich errichtete die Stadt vor dem Hamburger Hauptbahnhof einen Zaun, um die Obdachlosen zu vertreiben. Und nahe dem Hauptbahnhof, auf der zentralen Einkaufsmeile der Stadt, der Mönckebergstraße, wecken Ordner die Obdachlosen jetzt schon früh um 6:30 Uhr. Sie sollen tagsüber das Stadtbild dort nicht mehr stören.

Natürlich ist der Kampf gegen die Obdachlosen in Hamburgs Innenstadt nicht die ganze Wahrheit. Hamburg hilft den Menschen auch, stellt Notunterkünfte bereit, gibt Essen aus und betreibt medizinische Praxen.

Zahl der Obdachlosen hat sich verdoppelt

Aber die angespannte Situation in der Elbstadt zeigt exemplarisch, wie deutsche Großstädte durch die steigende Zahl an Obdachlosen an ihre Grenzen geraten.

Wie viele Obdachlose es gibt, lässt sich nur schätzen. Der Verband der Wohnsitzlosen geht davon aus, dass 400.000 Menschen in Deutschland ohne Obdach sind - im Jahr 2010 waren es noch halb so viele. Allein in München hat sich die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht.

Der Anstieg hat Deutschlands Großstädte völlig unvorbereitet getroffen – und so kämpft nicht nur Hamburg, sondern auch Köln, Frankfurt, Berlin und München mit der Herausforderung.

Dabei haben sich die Gründe, warum Menschen obdachlos werden, in den vergangenen Jahren kaum verändert: Trennung vom Partner, Arbeitslosigkeit, Drogen- oder Alkoholsucht, und auch steigende Mieten.

Die teilweise dramatischen Folgen des immer teurer werdenden Wohnraums in deutschen Städten zeigen sich vor allem in München.

München hat die Zahl der Betten in Notunterkünften verdoppelt

Aktuell gelten dort 7500 Menschen als wohnungslos. 500 von ihnen schlafen auf der Straße.

Im Straßenbild fallen sie kaum auf – Betteln ist in der Innenstadt seit drei Jahren verboten. Wer Münchens Elend sehen will, muss in den Speckgürtel fahren, weg vom Wohlstand des Zentrums. Oder er muss unter die Brücken schauen, die die Isar überspannen.

Die Mieten in München sind inzwischen so stark gestiegen, dass Wohnungen teilweise sogar für Menschen mit festen Jobs nicht mehr bezahlbar sind. In Münchner Obachlosenheimen unterstützen Berater deswegen Menschen bei der Wohnungssuche, die zwar Geld verdienen, aber bei den hohen Preisen nicht mehr mithalten können.

Die Stadt hat in den vergangenen Jahren auch die Zahl der Betten in Notunterkünften auf 5500 verdoppelt. In den lebensbedrohlich kalten Wintermonaten fährt ein Kältebus durch die Straßen und verteilt warmes Essen. Außerdem gibt es das Netzwerk Geburt und Familie, das vor allem Frauen in eine Anstellung bringt und die Teestube "Komm", in der Obdachlose sich aufwärmen und duschen können und es günstiges Essen gibt.

Berlin: U-Bahnhöfe bleiben nachts für Obdachlose geöffnet

Noch angespannter als in München ist die Lage in Berlin. 17.000 Menschen gelten hier als wohnungslos. Die Hauptstadt Deutschlands ist also auch die Hauptstadt der Obdachlosen. Und sie hat mit diesem zweifelhaften Titel schwer zu kämpfen.

Zwar können Obdachlose etwa in U-Bahnhöfen übernachten, was ihnen vor allem in den Wintermonaten hilft. Auch für sie gibt es einen Kältebus, Ärzte betreuen ehrenamtlich oder im Auftrag der Caritas Obdachlose. Aber auch das reicht nicht.

Nachdem Obdachlose Schwäne im Tiergarten aus der Not heraus aßen, kommentierte der Berliner "Tagesspiegel“ wütend: "Das Berliner Hilfesystem ist nicht auf der Höhe der Zeit. Seit Langem schon hält es nicht mehr Schritt mit neuen Problemen wie wachsender Wohnungsnot, dem starken Zuzug von EU-Ausländern, der Unterbringung von Flüchtlingen.“

Kaum einer weiß das so gut wie Jennifer Kröger. Sie behandelt als Ärztin für die Caritas Obdachlose.

"Die zunehmende Zahl an obdachlosen Menschen ist ein gravierendes Problem, das die Stadt aufschiebt", schreibt sie ein einem Gastbeitrag für die Huffington Post. "Seit ich vor fünf Jahren bei der Caritas angefangen habe, scheut sich Berlin in meinen Augen davor, es anzugehen und langfristige Lösungen zu schaffen."

Wo die Städte an ihre Grenzen geraten, helfen die Bürger. Zum Beispiel in Hamburg. Dort funktionierten sie den Zaun am Hauptbahnhof, der eigentlich die Obdachlosen vertreiben sollte, kurzerhand zu einem Gabenzaun um. Spender konnten Kleidungsstücke oder Essen für die Obdachlosen an den Zaun hängen.

Streetworker für Obdachlose an deutschen Flughäfen

In Köln baute der Fotograf Sven Lüdecke im Winter Wohnboxen für Obdachlose. Absurd: Die Stadt versuchte zu verhindern, dass die Boxen auf öffentlichem Grund aufgestellt werden.

Einen bislang einmaligen Weg, mit Obdachlosen umzugehen, hat die Stadt Frankfurt am Main an ihrem Flughafen gefunden.

Bis zu 200 Wohnsitzlose halten sich dort täglich auf. Um sie kümmert sich die erste Streetworkerin an einem deutschen Flughafen, Kristina Wessel. Über sie berichtet etwa die "FAZ". "Ziel ist es, die Menschen zurück in die Gesellschaft zu bringen", sagte Wessel der Zeitung.

Auf das Projekt ist auch der Flughafen München aufmerksam geworden. Der Betreiber überlegt, noch in diesem Jahr zwei Streetworker für Obdachlose einzustellen. Am Münchner Airport halten sich bis zu 80 Obdachlose auf, schätzt die Flughafenseelsorge laut "FAZ".

Einen solchen Umgang mit Obdachlosen wünscht man sich auch anderswo, etwa am Hamburger Hauptbahnhof.

Die Beispiele zeigen: Deutschlands Großstädte können Obdachlosigkeit nicht verhindern. Aber sie können den Betroffenen helfen, wenn sie das Problem endlich richtig angehen. Aber am Willen dazu mangelt es vielerorts noch.

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(ben/sk)

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